Flüchtlingsfotos einer Gejagten

Die Jüdin Madame d'Ora, selbst eine Überlebende, porträtierte nach 1945 Menschen in österreichischen Flüchtlingsheimen. Diese Fotos sind jetzt in Wien zu sehen.

Die Herkunft der Porträtierten tat für d’Ora nichts zur Sache, nur dass sie heimatlos waren, verzweifelt.
Die Herkunft der Porträtierten tat für d’Ora nichts zur Sache, nur dass sie heimatlos waren, verzweifelt.
Die Herkunft der Porträtierten tat für d’Ora nichts zur Sache, nur dass sie heimatlos waren, verzweifelt. – Bonartes

Natürlich kann man Flüchtlingsströme der Nachkriegszeit nicht mit heutigen gleichsetzen. Aber sie erinnern daran, womit Europa schon umgehen musste, am Ende auch umgehen konnte. So spezielle Ausstellungen wie jene im privaten Fotografie-Institut Bonartes bieten ein historisches Gerüst, auf das es sich zu klettern lohnt, hinauf und hinunter. Hinunter in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als eine ältere jüdische Mode- und Glamourfotografin aus der alten Welt, Madame d'Ora, aus ihrem Versteck herauskam, einem französischen Bergdorf, in dem sie überlebt hatte.

Ihre Ateliers in Paris und Wien waren weg. Ihre einzige Verwandte, ihre Schwester Anna Kallmus, wurde im KZ ermordet, nachdem man ihr das Haus in Frohnleiten, den Rückzugsort der Schwestern, abgepresst hatte. Doch die Mittsechzigerin, die in ihrem Geburtsort Wien zuerst die Künstleravantgarde und den Adel, in Paris dann Gott und die Modewelt fotografiert hatte, gab nicht auf. 1946 reiste sie nach Wien, wo sie Kontakt mit dem legendären Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka hatte – sie porträtierte ihn. Sie bekam das Frohnleitner Haus restituiert, in dem sie 1963 sterben sollte. Reiste wieder zurück nach Paris, wo sie auf drastisch direkte Weise Schlachthäuser fotografierte. Und kehrte 1948 wieder nach Österreich zurück.

In Wiener und Salzburger Flüchtlingsheimen entstanden Aufnahmen, die aus der damaligen Propagandafotografie herausragten. Die rund 70 Fotografien umfassende Serie, zu finden im Nachlass im Hamburger Gewerbemuseum, war zwar bekannt, kommt auch in der aktuellen, von Bonartes kuratierten D'Ora-Retrospektive im Leopold Museum vor, auch in der Ausstellung „Resonanz von Exil“ im Salzburger Museum am Mönchsberg. Aber in dem kleinen Fotoraum in der Innenstadt wird der Fokus samt eigener Publikation konzentriert auf diese Zeit gelegt. Wie ein Scheinwerfer leuchtet Kuratorin Magdalena Vuković diese Werkphase aus.

 

Donauschwaben im Luxushotel

Mit einem Scheinwerfer (und einer Rolleiflex-Kamera) war auch D'Ora in den dunklen Kammern der „Displaced Person“-Lager unterwegs. Im von Bomben großteils zerstörten Salzburger Luxushotel Europa etwa, nahe dem Bahnhof. Hier waren vor allem deutschsprachige Donauschwaben aus Jugoslawien. D'Ora unterschied nicht nach der Herkunft, das ist sehr bemerkenswert, sie fotografierte Verzweifelte, Heimatlose, ob jüdisch, deutsch oder „fremdsprachig“, wie der Sammelbegriff damals für alle anderen hieß. Sie folgte dabei keiner politischen Agenda, wobei sie wohl die Genehmigung einer UNO-Organisation hatte. Dennoch unterscheiden sich die Fotos immens von denen anderer Reportagefotografen in UNO-Auftrag.

Bei ihr sieht man keine „fleißig arbeitenden“ Flüchtlinge, keine „sich in eine neue Heimat aufmachende“, keine gemeinsamen Rituale, die „Heimat“ ersetzen. In gewisser Weise blendete sie die Verhältnisse aus. Sie isolierte die Personen, auch wenn die Lager, wie man es aus Salzburg weiß, zu dieser Zeit überfüllt waren. Sie suchte vor allem alte Frauen und Kinder als Motive, obwohl das die Minderheit in den Lagern gewesen sei, erklärt Vuković. An den Kontaktbögen kann man ablesen, wie D'Ora ihre „Modelle“ immer wieder posieren ließ, bis sie die richtige Einstellung fand.

Heraus kamen sehr dramatische Porträts von Einsamkeit, Entwurzelung. Oft sind die Blicke frontal in die Kamera, starr ins Nichts gerichtet. Madame D'Ora wollte darin auch anschließen an die damalige Mode, die „humanistische Fotografie“, die in Frankreich und den USA in der Nachkriegszeit aufkam. Auch die Kritik an dieser trifft auf D'Ora zu, die Ästhetisierung von Leid, die Entindividualisierung einer Person. Ihr Stil, ihre Motivwahl sind aus D'Oras eigener Biografie allerdings ablesbar, das macht die Fotos authentischer, zu einer Art Selbstporträt. Auch ihre Aufnahmen des zerstörten Wiens sind speziell, sie geht an die Orte alten Glanzes zurück, die sie, die Klimt-Porträtistin, so gut kennt: zum zugemauerten Eingang in die Secession, zum zerstörten Palais Sina, sie zeigt einstige Hochkultur und folgenden Verfall.

„Ausländer hinaus aus Österreich“, „Arbeitspflicht für Displaced Persons“, „Die Kriminalität steigt“ – Schlagzeilen der damaligen Zeitungen aus diesen direkten Nachkriegsjahren begleiten D'Oras Fotos in dieser Ausstellung. Man kann das nicht gleichsetzen. Aber sie klingen bekannt.

„Porträts der Entwurzelung“: Bis 7. 11., Seilerstätte 22, Wien 1, Besichtigung nach Voranmeldung. 01/2360293-40

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2018)

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