Neue Landesgalerie: Viele Wellen für die Kunst

Eine erste Besichtigung des Neubaus in Krems zeigt: viele Schrägen, wenig Tageslicht, dafür viel „Grandezza“. Was wohl der Geologe unter den Malern, Per Kirkeby, den die Kunsthalle gegenüber zeigt, dazu gesagt hätte?

Der Bau von Marte Marte hat nur eine lotrechte Achse, um die sich alles schraubt. 7200 Zink-Titan-Schindeln überziehen die neue niederösterreichische Landesgalerie in Krems wie ein Schuppenpanzer. Rechts dahinter, klein und gelb, sieht man auf diesem Bild die Kunsthalle hervorlugen.
Der Bau von Marte Marte hat nur eine lotrechte Achse, um die sich alles schraubt. 7200 Zink-Titan-Schindeln überziehen die neue niederösterreichische Landesgalerie in Krems wie ein Schuppenpanzer. Rechts dahinter, klein und gelb, sieht man auf diesem Bild die Kunsthalle hervorlugen.
Der Bau von Marte Marte hat nur eine lotrechte Achse, um die sich alles schraubt. 7200 Zink-Titan-Schindeln überziehen die neue niederösterreichische Landesgalerie in Krems wie ein Schuppenpanzer. Rechts dahinter, klein und gelb, sieht man auf diesem Bild die Kunsthalle hervorlugen. – (c) Kunstmeile Krems / OTS (Lachlan Blair.www.LOXPIX.com)

Eine Wahrheit, da ist Krems wie Wien, hört man immer im Taxi, etwa am Weg zur Baustelle der neuen Landesgalerie: Das sei schon ein Trumm, das hier gebaut wird, darüber gingen die Meinungen stark auseinander – komme da oben auf das Dach wenigstens ein Café hin? (Nein.)

Eine andere Wahrheit sind die zwei strahlenden Gesichter der Verantwortlichen, des künstlerischen Leiters Christian Bauer und seines Kurators Günther Oberhollenzer. Sie stehen immer noch staunend vor dieser Beton, Glas und Metall gewordenen Donauwelle, ganz ergriffen von der „Grandezza dieser architektonischen Figura serpentinata“ (Bauer), und deuten auf die einzige lotrechte Achse, um die das Vorarlberger Architekturbüro Marte Marte diesen Neubau in Höhe und Breite geschraubt hat. Ein schwindelerregender Signature-Museumstraum in dezentem Grau, bedeckt wie mit einem Schuppenpanzer von 7200 Zink-Titan-Schindeln, geöffnet zur Außenwelt nur in der Sockelzone, da allerdings großzügig mit einer ebenfalls wellenförmigen Glasfassade – sphärisch gekrümmt, bitte. „Es sind solche Details, die die Qualität ausmachen“, sagt Bauer, und geleitet hinein, wo auf Hochdruck gerade noch der letzte Schliff gegeben wird: Am 12. Dezember steht die Bauübergabe an.

 

St. Pölten bleibt Geschichte und Natur

Mit der Architektureröffnung am ersten Märzwochenende wird dann manifest, was hier seit dem Spatenstich für diesen Neubau 2016 unausweichlich war: Für St. Pölten bleiben nur Natur und Geschichte. Die 60.000 Kunstwerke aus der Landessammlung werden künftig in Krems präsentiert. Nicht etwa im heute als Depot dienenden Kunstmuseum Essl, das einst für Niederösterreich eine Option hätte sein können. Man entschloss sich zum 35 Millionen Euro teuren Neubau, zur Konzentration auf die „Kunstmeile Krems“, so der Marketingname, der die in nächster Nähe liegende Kunsthalle, das Karikaturmuseum, das Forum Frohner und die Dominikanerkirche zusammenfasst.

Nein, er wolle nicht expandieren und alles hier als Generaldirektor oder so übernehmen, nein, er sei kein „Kremser Schröder“, wie man Mastermind Christian Bauer in Anspielung auf den Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder unterstellen könnte. Bauer, der einst das Marketing für genau diesen Schröder, damals noch Leiter des BA-Kunstforums, optimierte, der dann die Kremser Kunstmeile als Geschäftsführer prägte und sich zuletzt als Experte für Schieles Frühwerk etablierte, betont, ihn interessiere mehr Macht nicht, sondern anderes. Etwa, mit der neuen Landesgalerie die niederösterreichische Kunst vom 19. bis ins 21. Jahrhundert nicht in einem Schrebergarten zu zeigen, sondern „in internationalen Zusammenhängen“.

Fünf Geschoße stehen dafür zur Verfügung, zwei davon mit Tageslicht, alle mit schrägen Wänden – man wolle die äußere Form nicht ausblenden, so Bauer. Die Kunst wird für die 3000 ihr zur Verfügung stehenden Quadratmeter also viel Ausstellungsarchitektur brauchen, konzipiert vom deutschen Büro HG Merz. Es werde dabei kein Anfang, kein Ende, kein Richtig oder Falsch geben, sagt Bauer. Man bewege sich nicht chronologisch, sondern thematisch, nach Fragen aus dem Leben durch die Kunstgeschichte. Wichtig sei, kein elitäres Haus zu sein. Daher auch die Begegnungszone rund ums Museum, das Café samt Schanigarten, ausgerichtet zur Kunsthalle gegenüber.

Auf dieser Terrasse hätte ein Café sowieso keinen Platz, sieht man, als man endlich oben steht: eine im Vergleich zum restlichen Baukörper winzige Fläche, fast doch ein Schrebergarten, eigenartig, bei dem Blick, den man von hier aus über die Donau und die Steiner Altstadt hat (letzteren nur durch ein dreieckiges Sichtfenster). Diese Terrasse dient weniger dem Tourismus als der Kunst – nämlich einer der Dauerleihgaben aus den Privatsammlungen, mit denen Bauer arbeiten wird, einem Pavillon von US-Künstler Dan Graham aus der Sammlung von Ernst Ploil, der zuletzt im Belvedere-Garten stand. Hier aber stehe er in ideellem Bezug zu einem anderen Graham-Pavillon in Niederösterreich, sagt Bauer, dem auf Schloss Buchberg, 1996 für die Sammler Dieter und Gertraud Bogner konzipiert. Mit einem Davidstern als Grundriss soll er Kommentar zur österreichischen Geschichtsverdrängung sein. Soweit die Gedankenbrücke.

 

Per Kirkeby postum in der Kunsthalle

Eine nähere, unterirdische Brücke verbindet die neue Landesgalerie mit der Kunsthalle Krems, wo schon Bauers Pendant, der künstlerische Leiter Florian Steininger, wartet. Durch die neue Landesgalerie sollen um 40.000 bis 50.000 Besucher mehr pro Jahr hierherkommen, damit rechnet man zumindest. Wenn die Landesgalerie u.a. mit einer Ausstellung von Biennale-Venedig-Vertreterin Renate Bertlmann am 25. Mai den Betrieb aufnimmt, zeigt Steininger den Belgier Hans Op de Beeck. Landesgalerie: (nieder)österreichische Kunst von Friedrich Gauermann, Egon Schiele bis heute; Kunsthalle: internationale Gegenwartskunst, so ist die Aufteilung. Klingt gut.

Nachdenklich steht man im großen Saal der Kunsthalle, das emotionale Zentrum der gerade hier beginnenden Retrospektive zum Werk des dänischen Künstlers Per Kirkeby: Eine große Bronzeskulptur steht hier wie einer seiner großformatigen Malereien entsprungen. Der Geologe unter den abstrakten Malern, der die Strukturen der Landschaft übersetzte in erdige Farben und Formen und Volumina aus Backstein und Bronze. Eine schöne, ruhige Ausstellung, noch geplant mit dem renommierten Künstler, der im Mai 79-jährig verstarb. Wie wohl ihm die Welle gefallen hätte, die der Donau hier vorgesetzt wurde? Der Taxifahrer hätte darauf sicher eine Antwort.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2018)

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