Volkskundemuseum: Kunst voller Träume und Traumata

Eine Ausstellung, die man emotional nur schwer ertragen kann, widmet sich der Kunst, die in Theresienstadt entstanden ist: „Das Herz so schwer wie Blei“.

Otto Ungar, Porträt Johanna Frittová, 1942–44, Gedenkstätte Theresienstadt.
Otto Ungar, Porträt Johanna Frittová, 1942–44, Gedenkstätte Theresienstadt.
Otto Ungar, Porträt Johanna Frittová, 1942–44, Gedenkstätte Theresienstadt. – (c) Weisz/Odstrčilová

Historische Ausstellungen über den Holocaust und die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten sind eine Herausforderung. Für Kuratoren und Wissenschaftler, für Opfer und Nachfahren, aber auch für die Besucher. Man trägt die Geschichte und die Geschichten schließlich mit sich. Dokumentarische Materialien können einem in diesem Zusammenhang einen gewissen Halt geben, man hat auf perverse Art gelernt, mit ihnen umzugehen. Aber Kunst! Bilder, die direkt aus Emotion entstanden, die direkt auf Emotionen abzielen. Das kann einen fast umhauen.

So geschehen im Volkskundemuseum, in dessen erstem Stock die von Zeithistorikerin Rosemarie Burgstaller kuratierte Ausstellung „Das Herz so schwer wie Blei“ zu finden ist. Der Titel ist ein Zitat der Schriftstellerin Ilse Weber, die 1942 von Prag ins Sammellager Theresienstadt deportiert und 1944 im KZ Auschwitz ermordet wurde. Etwa 50 Gedichte aus dieser Zeit von ihr sind erhalten. Weber war eine von vielen Künstlern und Künstlerinnen, die nach Theresienstadt gebracht wurden, um dort für die internationalen Beobachter den Anschein eines „Musterlagers“ zu erwecken, ein entsetzliches Potemkinsches Dorf aus „Alltag“ und „Kultur“. Die Ausstellung reißt diese Kulissen herunter, zeigt einige wenige „Idyllenansichten“ von Theresienstadt etwa, mit denen jüdische Künstler die NS-Propaganda auch noch bedienen mussten.

Der Großteil aber ist der Rolle gewidmet, die vor allem Kunst für die hier zusammengepferchten Menschen spielte. Man denkt an das schwierige Adorno-Zitat „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch“, und muss ergänzen – in Theresienstadt ein Bild zu zeichnen, war zivilisatorisch notwendig. „Hungrig, ja, Schmerzen, ja, Gewalt. Aber Kunst war unsere Lebensenergie. Das Leben war im Geist“, liest man an der Wand ein Zitat des Malers Frederick Terna. Er ist einer von den acht Überlebenden der hier ausgestellten 27 Kunstschaffenden. Eine andere ist Helga Pollak-Kinsky, Interviews mit beiden Zeitzeugen kann man über Kopfhörer lauschen.

 

Wichtige Ansätze für die Kunsttherapie

Pollak bekam in Theresienstadt Zeichenunterricht bei Friedl Dicker-Brandeis, deren Engagement für die Kinder im Lager legendär ist, sie konnte vor ihrer Ermordung in Auschwitz Tausende dieser Kinderzeichnungen voll Träume und Traumata in einen Koffer packen und so retten, sie sind heute im Jüdischen Museum Prag. Dickers schon vor der NS-Zeit entwickelte pädagogisch-therapeutische Ansätze waren wesentlich für die Kunsttherapie, die ihre frühe Schülerin Edith Kramer später in den USA weiterverfolgen sollte. In den vergangenen Jahren wurde aber auch die eigene Kunst der in Wien geborenen Bauhaus-Schülerin wiederentdeckt – die politischen Collagen der Kommunistin fehlen nur noch selten in Ausstellungen der Wiener Zwischenkriegszeit. Dicker-Brandeis gehörte sicher zu den bedeutendsten Künstlerinnen, die nach Theresienstadt kamen.

Aber es geht hier nicht um künstlerische Qualität, es geht um die großteils erstmalige Rekonstruktion von Künstlerbiografien und um die wenige Kunst, die überdauern konnte. Die Werke mussten heimlich entstehen, teilweise nächtens im abgedunkelten „Zeichensaal“ des technischen Büro, das eine Art Zentrum der Künstlerschaft Theresienstadts war. Um die Zeichnungen vor der SS zu verstecken, wurden sie oft eingemauert, erfährt man. Karel Fleischmann versteckte seine in eigens konstruierten Metallröhren, eine solche samt Inhalt wurde erst 1999 auf einem Prager Dachboden gefunden. Es sind eindrucksvolle großformatige düster-dunkle Arbeiten, die etwa vom tödlichen Stehen bei endlosen „Volkszählungen“ erzählen. Viele hielten die Realitäten des Alltags fest, manche ältere Künstler versuchten dagegen, diese gerade nicht wahrzunehmen.

Ein wichtiges künstlerisches Überlebensmittel scheinen Porträts gewesen zu sein, die man voneinander anfertigte, Vergewisserung der Individualität in einem System der Entmenschlichung. Ein anderes waren Kinderbücher wie das vom tschechisch-jüdischen Grafiker und Karikaturisten Bedrich Fritta für seinen dreijährigen Sohn, der als Einziger der Familie überlebte. „Guten Abend, gute Nacht“ klingt herüber, vom Ende der Ausstellung, von einer Filmprojektion, die man hinter der letzten Ausstellungswand findet. Johanna Tinzl und Stefan Flunger waren für uns dort, wo man nie hinmöchte, zeigen eine Kamerafahrt rund um die Mauern Theresienstadts.

„Das Herz so schwer wie Blei“, bis 16. Dezember, Laudongasse 15–19, Wien 8, Di.–So., 10–17h, Do., 10–20h

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2018)

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