Kunsthalle München: Diese Traube ist nicht echt!

Die Welt will betrogen sein, am liebsten von der Kunst. Aber was macht die „Lust der Täuschung“ aus? Eindrücke von einer Ausstellung dieses Titels.

Der griechische Maler Zeuxis soll Trauben so gemalt haben, dass Tauben aufs Bild pickten. In diese Tradition stellte sich Pierre Gilou: „Trompe-l'œil mit hängenden Trauben“, 1992.
Der griechische Maler Zeuxis soll Trauben so gemalt haben, dass Tauben aufs Bild pickten. In diese Tradition stellte sich Pierre Gilou: „Trompe-l'œil mit hängenden Trauben“, 1992.
Der griechische Maler Zeuxis soll Trauben so gemalt haben, dass Tauben aufs Bild pickten. In diese Tradition stellte sich Pierre Gilou: „Trompe-l'œil mit hängenden Trauben“, 1992. – (c) Pierre Gilou

Ist es möglich, dass der Besucher einer Ausstellung namens „Lust der Täuschung“ in dieser unwillentlich einer Täuschung unterliegt? Das scheint so unwahrscheinlich, wie dass man nach der Lektüre eines Artikels über Aprilscherze auf einen solchen hereinfällt. Und doch ist es dem Rezensenten passiert: Er wollte einer Besucherin ausweichen, die sich an die Wand lehnte, den Sweater über den Kopf gezogen, und offensichtlich in ein Guckloch oder dergleichen blickte, er wich aus und blickte zurück – da war's eine Skulptur aus Kunstharz, „Jade“ von Daniel Firman. Sie steht immer an der Wand der Kunsthalle, sieben Tage in der Woche, 24 Stunden am Tag, und schaut aus, als ob sie schaute.

Wirkt sie „täuschend echt“, wie man in solchen Fällen sagt? Schon, doch das tut die aus ungezählten Pop-Art-Ausstellungen bekannte „Supermarket Lady“ von Duane Hanson auch (abgesehen davon, dass heute niemand mehr Lockenwickler trägt), das tut auch der Hyperrealist John de Andrea mit seiner Skulptur namens „Selbstporträt mit Skulptur“. (Die Skulptur in der Skulptur wirkt deutlich weniger echt.) Aber von ihnen lässt sich in einer Kunsthalle keiner täuschen, natürlich nicht. Dass es bei „Jade“ funktioniert, liegt daran, dass sie im richtigen Umfeld steht, wie eine Heuschrecke, die wie ein Blatt aussieht, unter Blättern.

Wenn sich eine solche perfekt getarnte Heuschrecke durch plötzliche Bewegung enttarnt, beschert das auch einem, dem nicht vor Heuschrecken graut, eine Schrecksekunde: Der Wahrnehmungsapparat hat einen betrogen! Man kann sich auf ihn nicht verlassen, besser: auf die Welt nicht verlassen, die er einem vorgaukelt.

 

Virtual Reality der Gebrüder Lumière

Das Prickeln, das einem solche Täuschungen bescheren, wenn die Kunst sie vorführt, ist wohl der gezähmte Rest dieses Schreckens, eine Angstlust ohne Angst. Die Zähmung kann auch durch Gewöhnung passieren. Wenn 1895 im einminütigen Film „Die Ankunft eines Zugs am Bahnhof von La Ciotat“ der Gebrüder Lumière die Eisenbahn auf den Betrachter zuraste, konnte das diesen gewiss erschrecken – auch wenn die Geschichte, dass Pariser Bürger bei der Vorführung von den Sesseln gesprungen seien, wohl zu Werbezwecken verbreitet wurde. Heute sind wir abgestumpfter, brauchen stärkere Formen der virtuellen Realität, müssen uns eine 3-D-Brille aufsetzen.

Oder gleich einen Cyberhelm (sagt man noch so?) wie bei einer Virtual-Reality-Station, bei der sich Besucher anstellen. Die Wartezeit lässt sich nutzen, um an anderen zu sehen, was einem bald widerfahren wird. Die freiwilligen Versuchspersonen, die Helme vor den Augen, stehen vor einem auf den Boden gemalten Brett und setzen zaghaft, alle Anzeichen höchster Angst in der Körperhaltung, einen Fuß darauf. Nur die Kaltblütigsten gehen bis ans Ende; etliche verweigern schon den ersten Schritt – über den Abgrund, denn ein solcher wird ihnen vorgegaukelt, man sieht es auf einem Bildschirm in harmloser 2-D-Version, wie sie vielleicht 1895 noch einen leichten Schauder auslösen konnte. Die Versuchspersonen wissen, dass der Boden völlig eben und ungefährlich ist, doch sie sehen eine Gefahr und handeln danach. Ihnen wird schwindlig, obwohl sie Bescheid über den Schwindel wissen.

Unheimlich. Auch, weil es zeigt, wie trügerisch das Gefühl sein kann, in der Welt daheim zu sein, sich im Raum auszukennen. Abstrakt zeigt das Hans Peter Reuters „Kachelraum ohne Ding Nr. 110“: ein Ölgemälde eines gekachelten Raums, aus dem ein Quader ausgeschnitten ist, wie eine Bühne, auf der sich etwas abspielen könnte. Es spielt sich nichts ab, hier ist nichts als . . . Was denn? Ein Koordinatensystem? Was bleibt, wenn man aus dem Raum alles entfernt? Ein Rahmen? Und woraus ist der?

 

Gemalte Schnitte, daneben die Klinge

Lang bevor die Physiker begannen, sich den Raum in Wechselwirkung mit den Dingen in ihm vorzustellen, stellten Künstler Rahmen dar, die keine Ruhe geben. Und Objekte, die sich nicht mit ihren Umrahmungen zufrieden geben wollten, sondern über sie hinausragten, hinausgriffen. Oder, wie die Hände in Georges Méliès' „Bildnis eines Mannes“, in ein Bild im Bild griffen. Gemaltes zerbrochenes Glas, gemalte Eselsohren (wie in Gerhard Richters „Blattecke“), gemalte Jalousien, Holz, das aussieht wie Papier, Papier, das aussieht wie Holz . . . In ihrer Fülle wirken diese neckischen Täuschungen bald manieriert, wie ein Witz, den man schon zu oft gehört hat. Bis man doch wieder erstaunt, etwa vor dem Ölbild „Räumliche Transzendenz“: Henri Cadiou hat darauf die Schnitte gemalt, die der italienische Avantgardist Lucio Fontana seinen Leinwänden zuzufügen pflegte, und daneben eine Rasierklinge an einen – ebenso gemalten – Faden gehängt. Was für ein scharfes Stillleben.

Im Blick schmerzhaft spürbar wird Körperlichkeit in Caravaggios Darstellung des ungläubigen Thomas, der den Zeigefinger in Jesu Wunde bohrt. Sie ist in München nur als Kopie vertreten, die wohl nur wirkliche Kenner ohne die Beschriftung als solche erkennen würden. Auch das passt gut zum Thema. Zum Raten aufgefordert wird man vor zwei Kopien von Van Goghs „Schlafzimmer“: eine billige aus dem chinesischen Kopistendorf Dafen, eine mit aufwendiger Reliefografie vom Van-Gogh-Museum hergestellte. Die meisten Besucher finden, dass die chinesische Kopie echter wirkt – vor allem, weil das Braun des Holzes natürlicher aussieht. Wer nicht mehr zum Test nach München kommen kann, soll stattdessen „Van Gogh Schlafzimmer“ googeln und vor all den Gelb- und Brauntönen über das Echte sinnieren.

Kunsthalle München: bis 13. Jänner, tägl. 10 bis 20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2018)

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