Stille Post mit Chinas Künstlern

Ai Weiwei ist in Wien, und zwar in beiden Zuständen seines mittlerweile mythischen Künstlerdaseins: tot und lebendig. Seine Arbeiten ziehen sich durch die große Gruppenausstellung "Chinese Whispers" im MAK mit rund 120 Werken.

Ai Weiwei scheint wie tot am Boden zu liegen: Die lebensechte Figur heißt „Der Tod von Marat“ (2011) und stammt von He Xiangyu (*1986).
Ai Weiwei scheint wie tot am Boden zu liegen: Die lebensechte Figur heißt „Der Tod von Marat“ (2011) und stammt von He Xiangyu (*1986).
Ai Weiwei scheint wie tot am Boden zu liegen: Die lebensechte Figur heißt „Der Tod von Marat“ (2011) und stammt von He Xiangyu (*1986). – (c) He Xiangyu/Yangwei Photo Studio

Da liegt er am Boden, wie tot: Ein Mann im Anzug, bäuchlings, die Nase ans Parkett im MAK gedrückt. Man hat hier, in der großen Gruppenausstellung „Chinese Whispers“, schon mit Ai Weiwei gerechnet. Aber so? Einer der berühmtesten Künstler der Gegenwart, jedenfalls der berühmteste aus China, mit seinem massigen Körper und Bart, ist unschwer in dieser Figur zu erkennen. Sie wurde von Ai Weiweis jüngerem Künstlerkollegen He Xiangyu (*1986) geschaffen und sorgt mehrfach für Verwirrung: Erstens der Titel, „Der Tod des Marat“, der auf das Gemälde von Jacques-Louis David anspielt und dadurch den in Berlin lebenden chinesischen Regimegegner in die wenig schmeichelhafte Rolle des umstrittenen Revolutionärs und Fanatikers der Französischen Revolution drängt.

Zweitens: Die am Boden liegende Figur erinnert frappant an den Skandal, den Ai Weiwei auslöste, als er sich in der Haltung des an den Strand gespülten, ertrunkenen Flüchtlingsbuben Aylan Kurdi fotografieren ließ. Doch das war 2016. Die Ai-Weiwei-Figur entstand schon 2011, als Ai Weiwei noch in China im Gefängnis saß. War das visionär? Hat Ai Weiwei bei dem nachgestellten Foto die Haltung der ihm bekannten Puppe absichtlich eingenommen? Kommt so in einem Bild alles zusammen, die Frage nach einer universellen Menschenwürde sowieso, aber kulturell auch Fragen über Kopie und Original, über Vergleichbarkeit, über die Wirkkraft oft missverständlicher politischer Kunst?

 

Zensur passiert schon vorauseilend

Derlei Fragen sind ein guter Leitfaden durch die Ausstellung mit dem Titel „Chinese Whispers“, der englische Name eines Spiels, das wir hier unter „Stille Post“ kennen: Einer beginnt ein Wort zu flüstern, beim letzten in der Reihe kommt es in völlig anderer Bedeutung wieder heraus. Die hier versammelte chinesische Gegenwartskunst aus der renommierten Privatsammlung des Schweizer Unternehmers und ehemaligen Botschafters in Peking, Uli Sigg, löst dieses Gefühl der Unsicherheit, das der Titel vorgibt, ein. Die hier gezeigten Künstler arbeiten mit uns vertrauten Mitteln und Medien, auch die Inhalte von Konsumkritik bis zum dekorativen Ornament scheinen vertraut. Dennoch sollte man sich dadurch nicht in Sicherheit wiegen, dass man hier alles richtig interpretiert. Ein Gemälde zeigt Überwachungskameras in einem Park. Wirkt harmlos. In China darf das Bild Zhao Bandis nicht gezeigt werden, erklärt Sigg. Die Zensur sei nicht immer vorhersehbar, werde immer öfter, sagt er, von vorauseilendem Gehorsam gesteuert. Ai Weiwei selbst, der gestern, Dienstag, für eine Diskussion in der Ausstellung anreiste, werde in China sowieso totgeschwiegen, die Jüngeren würden gar nicht mehr wissen, wofür er stehe, so Sigg.

In der Ausstellung aber sind mehrere Arbeiten Ai Weiweis zu sehen, etwa ein monumentaler roter Glitzerluster, der auf den Boden gefallen zu sein scheint. Auf eine Dystopie des neuen Chinas wird hier genauso angespielt wie auf den Bedeutungswandel der Farbe Rot: Vor dem Kommunismus war sie mit Erotik besetzt, dann stand sie für den Maoismus, jetzt für Glück und Reichtum.

Sigg ist bekannt als Europas größter Sammler chinesischer Gegenwartskunst. Seit 40 Jahren beobachtet er die Szene, seit Mitte der 1990er-Jahre sammelt er. Vieles habe er einst um wenig Geld gekauft, in irgendwelchen Wohnungen, denn derart moderne Kunst sei nirgends ausgestellt gewesen. So kann er auch als Entdecker von Ai Weiwei bezeichnet werden. Wobei nicht nur kritische Kunst sein Gefallen fand, er versuchte, einen möglichst breiten Überblick über die Kunstszene zu erlangen. 2012 schenkte er dem „M+ Museum of Visual Culture“ in Hongkong über 1500 Werke dieser Sammlung mit „nationalem“ Anspruch, über 40 verkaufte er ihm um mehrere Millionen Franken. Bis zur Eröffnung des gerade nach Plänen von Herzog & de Meuron entstehenden Hauses 2020 touren Teile davon durch europäische Ausstellungshäuser.

Vor drei Jahren war „Chinese Whispers“ in Bern zu sehen, jetzt ist das MAK dran, für das sich Kuratorin Bärbel Fischer eine Ergänzung einfallen ließ: Zwischen die 120 zeitgenössischen Arbeiten wurden 20 historische Objekte aus der Asien-Sammlung des MAK gestreut. Besonders eng gelingt das „Flüstern“, der Dialog zwischen dafür frisch restaurierten und hier erstmals ausgestellten Lacktafeln mit Schriftzeichen und Landschaftsmalerei, die vor großen Landschaftsbildern von Feng Mengbo aufgestellt wurden, die zwar traditionell aussehen, aber automatisch nach Smartphone-Vorgabe gesprüht wurden. Veejet ist der Markenname dieser weltweit führenden Sprühtechnologie. „Wechat“, eine seltsame klangliche Übereinstimmung, heißt die übermächtige chinesische Internet-Kommunikationsplattform, chinesisches Facebook und WhatsApp in einem. Bis 2020 soll jeder Chinese aufgrund seiner Aktivitäten hier mit Punkten „bewertet“ werden, hört man wieder bei diesem Presserundgang. Dabei blickt man auf eine kleine Buddha-Figur, gepresst aus dem Staub von Antidepressiva-Pillen.

MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein ist sich sicher: Auch wenn man nicht absehen kann, ob das ganze 21. Jahrhundert das Chinas wird – die nächsten Jahrzehnte werden jedenfalls von den Entwicklungen dort bestimmt. Ausstellungen wie diese seien also wichtig für unser Verständnis dieser Kultur. Ob chinesische Gegenwartskunst, noch dazu eine, die einen westlichen Blick schon miteinberechnet hat, dieses Verständnis verbessern kann, ist allerdings fraglich. Man sollte den Titel „Chinese Whispers“ da durchaus ernst nehmen.

„Chinese Whispers“, bis 26. Mai, Dienstag 10–22 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10–18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2019)

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