Ihre Beziehung: Kurz. Ihre Kunst: Ewig

Ausgerechnet Maria Lassnig und Arnulf Rainer waren in der Nachkriegszeit ein Paar. Damals stellten sich wesentliche Weichen in ihrer beider Malerei: Eine wunderbare Ausstellung im Lentos lässt die zwei Frühwerke miteinander tanzen.

Erst war es Liebe, dann Konkurrenz: 2004 übermalte Rainer ein gemeinsames Foto mit Lassnig von 1949.
Erst war es Liebe, dann Konkurrenz: 2004 übermalte Rainer ein gemeinsames Foto mit Lassnig von 1949.
Erst war es Liebe, dann Konkurrenz: 2004 übermalte Rainer ein gemeinsames Foto mit Lassnig von 1949. – (c) Rainer

Man müsste einen Film über diesen so intensiven Moment der österreichischen Kunstgeschichte drehen, diese Geschichte voll Liebe, Genie und Genderdrama ist fast zu gut, um Realität gewesen zu sein: 1948 schrieb ein 18-jähriger Schüler aus Villach der zehn Jahre älteren, in Klagenfurt damals weltberühmten Malerin Maria Lassnig: Ob er sie denn einmal im Atelier besuchen dürfe?

Lassnig, nach ihrem Studium an der Wiener Akademie in den letzten Kriegstagen in die sicherere Heimatstadt zurückgekehrt, war gerade durch einen Skandal zur Lokalberühmtheit geworden: 1947 hatte sie im Klagenfurter Kunstverein das splitternackte Porträt ihres Liebhabers, des antifaschistischen Dichters Michael Guttenbrunner, ausgestellt, einen spätexpressiven Akt, der an Anton Kolig denken lässt. Nur dass eine Frau damals keine nackten Männer zu malen hatte – noch dazu leuchtete ganz keck das Geschlecht des Herrn rot im Zentrum auf. Lassnig wurde auf der Straße angepöbelt, in einer Zeitung der Pornografie bezichtigt. Dem Zulauf zu ihrem offenen Atelier, das sie am Klagenfurter Heiligengeistplatz führte, tat das keinen Abbruch, im Gegenteil.

 

Sie malten Seite an Seite

Eines Tages schneite dort dieser Postkartenschreiber, der junge Arnulf Rainer, herein. Und scheint so schnell nicht wieder gegangen zu sein. Sie wurden ein Paar, malten Seite an Seite in ihrem Studio. Nur drei Tage, so will es der Mythos, ging Rainer auf die Akademie in Wien, dann kam er wieder zurück zu seiner „wohlmeinenden Nurse“, wie Lassnig das Verhältnis beschrieb. Auch Rainer selbst sah sich als „Künstlerbaby“. Drei, vier Jahre ging diese Liebes- und Arbeitsbeziehung, in der beidseitiges Geben und Nehmen herrschte, in der beide wesentliche Entwicklungen schafften und die bald in eine Konkurrenz ausartete, die beide ihre langen Leben begleiten sollte.

Arnulf Rainer feiert heuer seinen 90. Geburtstag. Lassnig, die 2014 mit 94 Jahren gestorben ist, wäre heuer 100 Jahre alt; 2013 bekam sie noch den Goldenen Löwen der Biennale Venedig fürs Lebenswerk verliehen. Beide zählen unabhängig voneinander zu den prägenden Künstlerfiguren in Österreichs Nachkriegskunst, die auch international ausgestrahlt haben. Wobei man sagen muss: Hier hat sich der anfangs schleppende Erfolg Lassnigs, der sie schwer gekränkt hat, zu ihren Gunsten gekehrt: Lassnig legte in ihren letzten Jahren eine Weltkarriere hin, die sie über die wichtigsten Institutionen in London und New York heuer posthum ins Stedelijk Museum Amsterdam führt. Dort findet von 6. April bis 11. August eine große Retrospektive statt, die im Herbst in die Albertina nach Wien weiterwandert – um hier, ein Zufall, wieder auf Rainer zu treffen, der zeitgleich zu seinem 90er gewürdigt wird.

Eine Doppelausstellung der beiden aber gab es noch nie, hört man im Lentos, auch wenn Rainer, wie überliefert, es in den letzten Lebensjahren Lassnigs versucht hatte: Er ließ fragen, ob sie in seinem Rainer-Museum in Baden ausstellen wolle. Sie ließ antworten, er solle doch selbst kommen und persönlich fragen, erklärte Peter Pakesch, Leiter der Lassnig-Stiftung, am Donnerstag bei der Pressebegehung im Lentos. Wozu es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kommen sollte. Man sieht: Es war schwierig.

Hier ist sie jetzt also doch, diese große gemeinsame Ausstellung, die erzählt, wie zwei ehrgeizige Maler auszogen, die Welt zu entdecken – und das Informel nach Österreich brachten. Über diese abstrakte Bewegung kam der eine dann zu seinen berühmten „Übermalungen“. Und die andere zu ihren international gefeierten „Body Awareness“-, also Körpergefühlsbildern.

 

Slalom laufen durch 120 Bilder

Den großen Saal des Lentos haben die Architekten Nicole Six und Paul Petritsch in einen lichten Parcours verwandelt, in dem man Slalom laufen kann durch die miteinander verwobenen Frühwerke. Das ist sehr schön gelungen, es hat etwas Tänzerisches, wenn man die auf dünne, bis zur Oberlichtendecke reichende Eisenstangen montierten Gemälde und Zeichnungen durchstreift, 120 teils sehr selten gesehene Arbeiten, zusammengestellt von Kuratorin Brigitte Reutner. Manchmal kommen Rainer und Lassnig hier stilistisch und räumlich ganz nahe zusammen, etwa bei den surrealistischen Zeichnungen, die man nur bei genauem Hinschauen auseinanderhalten kann; das war, gab auch Lassnig immer zu, Rainers Anregung, der den Surrealismus im Innsbrucker Kulturforum der französischen Besatzer gesehen hatte, der junge Herr war bestens informiert.

 

Mit ihrem Geld ging es dann nach Paris

Lassnig allerdings bekam dann das Stipendium, das es beiden 1951 ermöglichte, selbst nach Paris, zum angebeteten Surrealistenpapst André Breton, zu reisen. Von dem sie dann schwer enttäuscht waren, zu bürgerlich kam ihnen diese bereits saturierte Surrealistenszene vor. Dafür entdeckten sie im Vorbeigehen eine Ausstellung, die gerade abgebaut wurde – so stießen sie auf die Informel-Malerei, auf den Tachismus, aufs Action Painting, auf Jackson Pollock und Georges Matthieu, der dann 1959 in Wien seine berühmte Schüttaktion im Theater am Fleischmarkt durchführte.

Lassnig wie Rainer nahmen das auf, experimentierten mit Automatismen, mit gestischer Abstraktion. Rainer entwickelte daraus seine eigene abstrakte Handschrift, Lassnig kam über diesen Umweg wieder zurück zum menschlichen Körper, zu ihrem Körper. Rainer wurde mit großer, freier Geste und provokantem Habitus schnell zum Star einer damals männlich dominierten Avantgarde in Wien, unterstützt von Monsignore Otto Mauer, der Lassnigs Kunst nicht verstand. Lassnig bekam erst Jahre später, 1960, eine erste Einzelausstellung, die erste einer Frau immerhin, in der legendären Galerie St. Stephan. 1961 wanderte sie aus. Erst nach Paris. Dann nach New York. Erst 1980 kehrte sie wieder zurück nach Wien, übernahm eine Malereiprofessur an der Angewandten. Der Rest – Geschichte.

„Lassnig–Rainer. Das Frühwerk“. Bis 19. Mai. Di.–So. 10–18 h, Do. bis 21 h. Die Ausstellung wird am 12. Juni vom Museum Moderner Kunst in Klagenfurt übernommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2019)

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