Tomi Ungerer: Er zeichnete drastisch, erotisch, bissig, surreal

Der elsässische Zeichner und Autor Tomi Ungerer ist 87-jährig gestorben. Bilderbücher wie „Die drei Räuber“ machten ihn zum berühmten Kinderbuchautor.

Tomi Ungerer (1931–2019).
Tomi Ungerer (1931–2019).
Tomi Ungerer (1931–2019). – (c) APA/AFP/PATRICK HERTZOG (PATRICK HERTZOG)

Nur eine Nebensache seien die Kinderbücher gewesen, erzählte Tomi Ungerer vor drei Jahren in einem Gespräch mit der „Presse“ – da hatte in Zürich gerade die große Ungerer-Ausstellung eröffnet, die bereits ein wenig wie ein Testament anmutete.

Nicht, weil der damals 84-Jährige bereits so gebrechlich gewesen wäre, im Gegenteil, er war immer noch eine imposante Erscheinung mit seinem Gehstock samt Klingel, seinem breitkrempigen Hut und einem Selbstbewusstsein, das für fünf Künstler gereicht hätte. Aber es hatte etwas von einem Abschluss, weil dort Ungerers Zehntausende Werk in seiner ganzen stupenden Vielfalt gezeigt wurde, mit einer Unmenge an Exponaten.

Da waren vor allem Zeichnungen etwa aus dem „Geheimen Skizzenbuch“, dem „Kamasutra für Frösche“, „Fornicon“ oder „Erotoscope“; Collagen, auch Skulpturen; Texte voller Sprachspielereien. Und alles drastisch, erotisch, bissig, surreal, verspielt, strotzend von schwarzem Humor. Kurz, eine Kunst, die man nicht unbedingt mit einem Kinderbuchautor in Verbindung bringen würde. Nicht zu vergessen: die den Elsass atmenden Zeichnungen aus dem „großen Liederbuch“, ein Herzenswerk Tomi Ungerers.

Ja, der Mann konnte es sich tatsächlich leisten, seine Kinderbücher ein Nebenprodukt zu nennen, obwohl sie zum Besten gehören, was die internationale Kinderbuchliteratur in den 70er- und 80er-Jahren hervorgebracht hat. Doch auch wenn es Tomi Ungerer gar nicht so recht war: Am meisten wurde er gewiss für diese Kinderbücher geliebt. „Die drei Räuber“, „Der Mondmann“, „Papa Schnapp“, „Zeraldas Riese“, „Adelaide, das fliegende Känguru“, Crictor, die gute Schlange“, „Rufus, die farbige Fledermaus“, „Kein Kuss für Mutter“ etc. – lange Zeit gehörten solche Titel zu den Juwelen der Kinder-Taschenbuchreihe des Schweizer Diogenes Verlags. Neben Autoren wie Michael Ende, Janosch und Mira Lobe wurde Ungerer damit einer der wichtigsten deutschsprachigen Kinderbuchautoren der Nach-68er-Zeit. Und wie Janosch war er als Kinderbuchautor gar nicht zimperlich. Sieht man genauer hin, erahnt man in ihm den tabubrechenden Zeichner.


Wilde Wanderjahre. Waren seine Kinderbücher also wirklich eine Nebensache? Im Grunde – auch das sagte Ungerer damals im Interview – sei ja ohnehin alles bei ihm Nebensache. „Ich definiere mich nicht gern, ich tu, was mir gefällt. Ich bin der ewige Amateur ohne Abitur.“ Nach der nicht bestandenen Matura (und einer Beurteilung als „pervers und subversiv“ in seinem letzten Zeugnis) zog der Straßburger Uhrmacher-Sohn quer durch Europa, versuchte sich dann als Werbegrafiker, Karikaturist und Autor in den USA – wo er wegen seiner drastischen erotischen Zeichnungen und bösen Karikaturen mit Zensur und Publikationsschwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Farm in Irland. 1971 zog Tomi Ungerer für einige Jahre nach Neuschottland in Kanada, kaufte dann eine Farm im Südwesten Irlands und lebte seit 1976 abwechselnd dort – wo er nun auch gestorben ist – und in seiner Heimatstadt Straßburg, die ihm sogar ein eigenes Museum schenkte. Den Elsass hatte er innerlich ohnehin nie wirklich verlassen. Ganz gleich ob in seinen Zeichnungen für Erwachsene oder für Kinder – seine Bildsprache speiste sich aus elsässischer Geschichte, elsässischen Geschichten, elsässischen Traditionen. Und auch sprachlich blieb Ungerer ein Elsässer.

In seinen Texten spielte er mit der Sprache, sprang zwischen Deutsch, Französisch und Englisch hin und her. Doch das Elsässische, das die Franzosen in seiner Nachkriegsjugend unterdrückt hatten, liebte Ungerer am meisten, nicht zuletzt, weil so viele alte Elemente der deutschen Sprache darin überlebt hatten. Er genoss das Deftige, Drastische, Plastische daran, das er auch in seiner Kunst suchte. „Wäre Martin Luther von hier gekommen, wäre Elsässisch Hochdeutsch geworden“, meinte er.


„Die Gedanken sind frei.“ Ungerer hatte auch eine sehr großzügige Natur. Zwar wollte er nicht in erster Linie als Kinderbuchautor wahrgenommen werden – doch die Freude, die er Kindern mit seinen Büchern machte, machte ihm selbst ungeheure Freude, wie er zur „Presse“ sagte: „Zumindest weiß ich, dass ich mit meinen Kinderbüchern viel Glück gebracht habe. Ich gebe gern! Das ist die Aufgabe des Künstlers, ich bin ein Volkskünstler.“

Am Ende seiner Reden pflegte er ein Volkslied zu singen, das er sehr liebte – es war ihm wohl auch Programm für seine Kunst: „Die Gedanken sind frei.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2019)

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