Kunsthaus Graz: Drei rote Lampions gegen das China-Syndrom

Der Austrochinese Jun Yang ist einer der spannendsten Künstler seiner Generation. Er traf den Zeitgeist der 2000er mit der Frage nach Identität im globalisierten Alltag. Dazu gestaltete er China-Restaurants und Museumsshops.

Jun Yangs Serie „Paris Syndrome“: Schauspieler vor dem realen Secessions-Nachbau in Guangzhou.
Jun Yangs Serie „Paris Syndrome“: Schauspieler vor dem realen Secessions-Nachbau in Guangzhou.
Jun Yangs Serie „Paris Syndrome“: Schauspieler vor dem realen Secessions-Nachbau in Guangzhou. – Jun Yang

Das Kunsthaus Graz ist jetzt ein China-Restaurant, Zum goldenen Alien oder so. Draußen hängt schließlich ein rotes chinesisches Reklameschriftzeichen, und in der „Needle“, dem gläsernen Veranstaltungsraum ganz oben, baumelt eine ganze Reihe roter China-Lampions, zwischen denen der Uhrturm auf dem Schlossberg gegenüber nahezu exotisch hervorblitzt. Man merkt: Jun Yang ist hier eingezogen, einer der spannendsten österreichischen Künstler seiner Generation, geboren 1975 in Festlandchina, seit 1979 in Wien lebend, wo er an der Akademie Kunst studierte und seine Karriere startete, die ihn zu einem der international erfolgreicheren österreichischen Gegenwartskünstler machte.

Warum? Seine Installationen, Objekte und Filme treffen den Zeitgeist der 2000er-Jahre perfekt. Sie erzählen und umkreisen Geschichten von Globalisierung und interkulturellen Missverständnissen und Vorurteilen auf anmutige Weise mit wundervoll feinem Humor. Es sind Geschichten, die uns allen vertraut und fremd zugleich sind, wir haben sie erlebt oder zumindest miterlebt, etwa den Wandel der gesellschaftlichen Akzeptanz von Chinesen in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten – von der anfänglichen Unsicherheit, die das noch Fremde ins Lächerliche zog, etwa mit befremdlichen Witzen über das nicht aussprechbare „r“. Bis zur heutigen Anbiederung an die erstarkte Wirtschaftsmacht.

 

Das Ra'mien als Kunstkonzept

Jun Yang hat das alles erlebt und reflektiert. Und natürlich ist es so, dass die Eltern von Jun Yang ein China-Restaurant in Wien hatten, eines der ersten. Voll Gold und Kitsch und Drachen. „Es brauchte nur drei rote Lampions, schon hatte man damals ein China-Restaurant“, erzählt Jun Yang unter seiner dieses Klischee zitierenden Rote-Lampen-Installation im Kunsthaus. Und natürlich gehörte es dann zu seinem künstlerischen Konzept, mit seinem Bruder und Freunden dieses Phänomen neu zu erfinden – mit der Eröffnung des Ra'mien in der Gumpendorfer Straße. 2002 war damit das erste „moderne“ China-Restaurant – puristisch, ironisch, hip – mit Einfluss und Ausstrahlung in Wien gelandet. Mittlerweile wurde daraus eine kommerziell erfolgreiche Restaurantgruppe, von der sich Yun Jang künstlerisch bald zurückzog, um sich auf die eigenen Projekte konzentrieren zu können.

Bis auf die jüngste Lokalübernahme, das Café im Leopold-Museum – das war eine Gemengelage zwischen Kunst und Gastronomie, die er sich natürlich nicht entgehen lassen konnte, erzählt er. Die Tapeten dort greifen ein Projekt auf, das er erstmals für den Steirischen Herbst 2016 in Graz verwirklichte: Er ließ Grazer Touristenmotive wie den Uhrturm etc. von einem professionellen Chinoiserie-Maler in China nachmalen, fügte sie zum hübschen Tapetenmuster und ergänzte die derart absurd verfremdet wirkenden Motive mit Texten über die Geschichte der chinesischen Diaspora in Graz. 1974 eröffnete dort etwa das erste China-Restaurant. Es gab auch chinesische Opfer des Nationalsozialismus, die in KZ deportiert wurden.

Überhaupt, daran knüpft diese Ausstellung im Kunsthaus an, stellte er immer schon viel und oft in Graz aus, es gab immer Kontakte hierher und Interesse an seiner Arbeit, erzählt er. Ein guter Grund, hier eben die erste große Retrospektive seiner Arbeit zu platzieren. Wozu auch die guten Kontakte zur Kunsthaus-Leiterin, Barbara Steiner, beigetragen haben, für die er schon einen über fünf Jahre lang bestens funktionierenden Retro-Ost-Ost-Shop (mit Greißlerprodukten aus China und der ehemaligen DDR) eingerichtet hatte, für die Stiftung Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, deren Direktorin Steiner 2001 bis 2011 war, bevor sie nach Graz wechselte. Auch auf die Dokumentation dieses Projekts stößt man hier natürlich.

Und man stößt auch auf viele andere Jun Yangs. Gleich am Beginn steht ein Gruppenfoto, das den Künstler mit einigen seiner Namensvettern und -vetterinnen zeigt, die er sozusagen gesammelt hat. Denn immer geht es ihm auch um Identität und deren Konstruktion: War er Zeit seiner Kindheit immer der Einzige mit diesem in Wien doch ungewöhnlichen Namen, musste er später diese Einzigartigkeit infrage stellen – so viele Jun Yangs entdeckte und kontaktierte er rund um die Welt. Sogar einen jungen Maler aus Los Angeles! Den er dann gleich zur Teilnahme an der Grazer Retrospektive einlud – was die grellen, schrägen Papageibilder erklärt.

 

Das Paris-Syndrom als China-Syndrom

Kopie, Fälschung, Original – auch das Fragen, die in China anders, neutraler bewertet werden als in der europäischen Tradition. Eine Serie, aus der ein Video zurzeit auch in der Gruppenausstellung „Chinese Whispers“ im Wiener MAK zu sehen ist, zeigt entfremdete Menschen durch eine für europäische Augen irreale Siedlung in Guangzhou streifen, in der europäische Architekturstile kopiert wurden, etwa die Wiener Secession, auf der dort eben rote Schriftzeichen prangen (wie jetzt am Kunsthaus, die übrigens Jun Yang bedeuten).

„Paris Syndrome“ heißt diese seit 2007 entstehende Serie, eine tatsächlich so benannte psychische Störung zitierend, die japanische Touristen befallen kann, wenn sie endlich im ersehnten Paris stehen – und dieses mit der Realität nicht zusammenpassen will. Es gibt in Frankreich, weiß Jun Yang, eine eigene Hotline für derlei Traumatisierte. Vielleicht sollte es auch eine solche Hotline für Europäer mit dem „China Art Syndrome“ geben. Jun Yang wäre ein guter Therapeut dafür am anderen Ende der Leitung.

Jun Yang. Der Künstler, das Werk und die Ausstellung, bis 19. Mai. Di–So, Feiertag 10–17 Uhr.

EIS FÜR DEN KAISER VON GRAZ

Jun Yang ist mit einer Aktion auch beim Frühlingsfest des steirischen Skulpturenparks vertreten: Am 19. Mai wird der Eisblock ausgegraben, den er dort im November in einer verschalten Holzkiste hat vergraben lassen. Ziel ist es, das Eis abzuschaben und mit Früchten und roten Bohnen zu servieren – so wie einst dem Kaiser von China. Damit will Jun Yang die Speiseeis-Methode rekonstruieren, die Marco Polo einst von China nach Italien importierte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2019)

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