In Mark Rothkos Tempeln des Dramas

Die erste Ausstellung von Mark Rothkos dramatischen Bilderräumen in Österreich hätte an keinem besseren Ort stattfinden können als im Kunsthistorischen Museum, diesem Tempel der Kunstgeschichte. Treten Sie nur näher. Noch näher.

Hinter dieser Abstraktion steckt die Kunstgeschichte: Rothko im für seine Bilder neutral adaptierten KHM.
Hinter dieser Abstraktion steckt die Kunstgeschichte: Rothko im für seine Bilder neutral adaptierten KHM.
Hinter dieser Abstraktion steckt die Kunstgeschichte: Rothko im für seine Bilder neutral adaptierten KHM. – KHM

Es ist immer ein dramatischer Aufstieg über die Prunkstiege des Kunsthistorischen. Zurzeit aber ist er besonders dramatisch. Denn oben, in der Mitte der braunroten Säulen, prangt der König des modernen Dramas – das Plakat zur Rothko-Ausstellung, der ersten überhaupt in Österreich mit der mächtig aufgeblasenen „No. 16 (Rot, Weiß und Braun)“ von 1957.

Wie schon Rothko selbst sein Leben lang Österreich (und Deutschland, vermutlich aufgrund des Nationalsozialismus) bei seinen Europa-Reisen mied, schienen bisher auch die Rothko-Ausstellungen einen Bogen um Österreich gemacht zu haben. Wofür allerdings eher die Kosten einer solchen Schau verantwortlich sind – auf dem Kunstmarkt werden Millionen (Rekord 87 Mio. Dollar) für die Bilder des abstrakten US-Expressionisten verlangt; der Rothko aus Heidi Hortens Sammlung soll der einzige sein, den es in Österreich gibt. Nach dreieinhalb Jahren Vorbereitungszeit hat Jasper Sharp, der Zeitgenossen-Kurator des KHM, es aber geschafft, er hat wieder einen der internationalen Stars der Moderne in direkte Konfrontation mit dessen hier versammelten kunsthistorischen Vorgängern geholt. Und es ist groß geworden.

Mit wenigen Einschränkungen. Denn wenn man Rothko und das Pathos seiner meditativen Farbräume liebt, in denen man sich verlieren, vor denen man weinen soll („dann spürt der Betrachter, was auch ich spürte“), – dann hätte man sich gleich noch mehr Inszenierung gewünscht. Etwa dass die Bilder in kleineren Räumen noch näher, noch intensiver zugänglich sind. Zugänglich auch im Wortsinn, also tiefer, bodennäher gehängt, wie Rothko das wollte. Damit der Betrachter direkt eintreten kann in die diffusen, vibrierenden Farbspektakel. So ist die Ausstellung auf drei große Säle aufgeteilt – und auf ein paar wenige Kabinette nur, sie sind die besten, Kapellen gleich.

 

Depression, Alkohol, Freitod

Diese Situation hat Rothko immer gesucht, den Andachtsraum. 1964 hat er diesen Auftrag tatsächlich bekommen, für das Sammlerpaar Menil entwarf er eine (katholische) Kapelle in Houston, bis heute Rothko-Pilgerstätte; gerade wird sie übrigens umgebaut, wie Christopher Rothko, der Sohn, mit dem die Wiener Schau gemeinsam konzipiert wurde, erzählte. Die 1971 vollendete Kapelle mit den großen, grau-schwarzen Bildern hat sein Vater nicht mehr gesehen, er nahm sich ein Jahr zuvor im New Yorker Atelier das Leben. Ein Leben, das geprägt war vom frühen Verlassensein (Rothkos Vater ließ die jüdische Familie 1910 samt sechsjährigem Sohn im damals russischen Dwinsk zurück, sie kamen erst Jahre später in die USA nach), von kultureller Fremdheit in den USA, deren Sprache er nicht konnte (laut Sohn fühlte er sich nie als Amerikaner), von Depression, Krankheit, Alkoholsucht – und vom großen Erfolg auf dem Kunstmarkt, den er, als Anti-Elitist, nicht genießen konnte.

Auch nach seinem Tod ging die unglückliche Geschichte weiter, sie mündete in einen Erbstreit, der als „Rothko Case“ in die Annalen einging. Ohne dass damit jemand gerechnet hätte, gewannen ihn am Ende die beiden anfangs noch unmündigen Kinder, und zwar gegen einige der mächtigsten Personen im Kunsthandel überhaupt. Was im Personal frappant an den (noch nicht abgeschlossenen) Franz-West-Erbstreit erinnert.

Seither haben die Kinder, vor allem Sohn Christopher, die Deutungshoheit über das Werk, parallel zur KHM-Ausstellung erscheint etwa sein Buch „Dramaturg der Form“ im Piet-Meyer-Verlag. Darin analysiert er u. a., wie Rothko das „kollektive Unbewusste“ (C. G. Jung war damals schwer in Mode, Rothko mit den Surrealisten vertraut) triggerte. Mit der intensiven, gefinkelten Farbwahl etwa. Oder mit der Nebulosität, mit „dunstiger Verschwommenheit“, in der man auf sich selbst zurückgeworfen ist.

 

Sein Albtraum hieß Dekoration

In den besten Momenten, tritt man so nah heran wie möglich, kann das auch im KHM gelingen. Höhepunkt neben den Kabinetten ist ein Wunder an Leihgabe, ein Saal voll von sieben Gemälden der burgunderfarbenen Seagram-Serie aus der National Gallery Washington. Ursprünglich als Auftrag für das Luxusrestaurant Four Seasons gemalt, trat Rothko vom Vertrag zurück – ein Skandal. Sein Albtraum aber war, als Dekoration zu enden. In diesen Bildern, mit ihrer rahmenartigen Innenarchitektur, sieht man schön, worauf Sharp mit seiner Auswahl hinauswill: Auf die Herleitung der Rothko'schen Bildwelt aus der von ihm so verehrten Antike und Renaissance. So bezog er sich bei den Seagram-Bildern auf Michelangelos Biblioteca Laurenziana in Florenz. „Ich habe mein Leben lang nur Tempel gemalt“, sagte er einmal.

Im figurativen Frühwerk, das die Hälfte der rund 46 Exponate hier ausmacht, ist dieser Bezug noch klarer, beginnend bei Rothkos Selbstporträt, bei dem er auf Rembrandt anspielt, bis zum Porträt seiner Frau Mary, das Vermeers „Malkunst“ aus dem KHM zitiert. Dichtest gehängt im ersten Saal, läuft dieses Frühwerk wie ein Film vor einem ab und führt zielstrebig zum abstrakten Finale. Als Tonspur dazu darf man sich Mozarts „Zauberflöte“ denken, Rothkos Lieblingsoper. Als Untertitel die Weltgeschichten, den Zweiten Weltkrieg, dessen Gräuel u. a. auch bei den New Yorker Künstlern die Abkehr vom Gegenstand beförderten.

Steigt man die Treppen des Kunsthistorischen wieder hinab, spürt man das alles noch im Rücken, Tragödie, Ekstase, Pathos. Vielleicht aber auch nur Leere, Enttäuschung, Sehnsucht nach Klarheit möglicherweise. Man sollte in jedem Fall noch in die Antikensammlung abbiegen.

Mark Rothko. Bis 30. Juni, Di–So, 10–18, Do bis 21 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2019)

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