Albertina: Wenn Nitschs Malerei wie ein Film vorbeizieht

Ist Hermann Nitsch mit dieser reinen Malerei-Ausstellung endgültig im Olymp der Salonmaler angekommen? Ja. Aber selbst hier bleibt er intensiv. Der Trick ist die Musikübermalung.

14 Serien Nitschs wählte man aus, um die malerische Vielfalt zu zeigen. Hier ein Schüttbild aus dem „Auferstehungszyklus II“, 2002.
14 Serien Nitschs wählte man aus, um die malerische Vielfalt zu zeigen. Hier ein Schüttbild aus dem „Auferstehungszyklus II“, 2002.
14 Serien Nitschs wählte man aus, um die malerische Vielfalt zu zeigen. Hier ein Schüttbild aus dem „Auferstehungszyklus II“, 2002. – (c) Albertina/Sammlung Batliner/Bildrecht, Wien, 2019

Irgendwie wünscht man sich Blumenduft, Gedärmgestank und wilde Erde voll Geschleime unter sich. Sofort. Vor einem aber liegt die Albertina-Rolltreppe. Immerhin abwärts in Richtung der Unterwelt, in der Hermann Nitsch immer schon sein „Orgien Mysterien Theater“ angesiedelt hat. Dem eingeweihten Nitschianer graut trotzdem vor der dräuenden endgültigen Salonifizierung menschlicher Ekstase in die marmorne Sphäre musealer Entrückung. Doch das scheint die ewige Rache der Kunstgeschichte an ihren Neuerern zu sein.

Und das ist Hermann Nitsch: einer der großen Neuerer der Nachkriegskunst. Er ist aber auch einer ihrer größten Traditionalisten, was Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder bei der Präsentation der ersten reinen Nitsch-Malerei-Ausstellung betont. Man muss diesem skeptisch beäugten Unterfangen, ein widerspenstiges Gesamtkunstwerk auf sein malerisches Produkt hin auszuschlachten, zugutehalten, dass es dieses Anknüpfen an die Tradition nicht populistisch ausschlachtet. So liest man etwa nichts von Nitschs dezidierter Bezugnahme auf Alte Meister oder auf Gustav Klimts Maler-Guru-Kittel bei den ab 1986 in die Bilder montierten „Malhemden“. Der Künstler müsse als Priester agieren, das war Klimts und ist Nitschs Ansinnen. Doch die Religion (und damit alles möglich Blasphemische) kommt hier nur sehr am Rande vor. Priestergewänder, Reliquiare, Monstranzen wurden vermieden. Und statt gekreuzigter Tierkadaver findet man süße Hundepfotenabdrücke in den Schüttbildern.

 

Erlöst von eingeübten Skandalen

Derart erlöst von allen eingeübten Erregungsnarrativen, kann man sich tatsächlich getrost auf das „Formale“, die „malerischen Qualitäten“ dieser mächtigen Farbkompositionen konzentrieren, wie man im Fachjargon so schön sagt. Wobei: Vorher darf man sich doch noch einmal darüber wundern, warum gerade die ehemalige Grafische Sammlung Nitschs Malerei zeigt. Seit die Albertina die Sammlungen Batliner und Essl in petto hat, ist sie allerdings über all diese Schrebergärteleien erhaben. Noch dazu gerade in Nitschs Fall, da man die letzten Monate doch schon am selben Ort, der Basteihalle, seine großformatige Grafik aus der ständigen Sammlungspräsentation zu sehen bekam. Alles Übrige wird mit dem Wort „Paradox“ weggewischt, anscheinend dem Lieblingswort Schröders im Rahmen dieser Ausstellung. So sei es tatsächlich ein Paradox, dass gerade die Albertina, die bisher immer gegen die „Quarantäne“ der Kunstgattungen eingetreten ist, jetzt selbst Nitschs Malerei unter Quarantäne stelle.

Nitsch gefiel das sichtlich, Schröder und Ko-Kuratorin Elsy Lahner ebenso. Schließlich erreichten sie mit dieser Ausstellung, was sie beweisen wollten: Nitschs Schüttbilder schauen nicht alle gleich aus. Was diese 100 Bilder aus 14 Serien seit 1960 belegen. Seit Nitsch sich mit Adolf Frohner und Otto Mühl im Wiener Perinet-Keller einmauern ließ, beim Initialritus des Wiener Aktionismus, bei dem der 22-jährige Nitsch erstmals mit Blut schüttete. Auf eine neun Meter lange Leinwand, die man sich in Österreich jedesmal aus der Zeitgenossengalerie der Stadt Leipzig ausborgen muss, wenn man derart tief schürfen will. Auch diesmal. Diese frühesten Bilder, die im etwas verwinkelten Entrée hängen, können es in ihrer feinen, extrem sensiblen Ästhetik mit jeder zeitnahen Arbeit der gestisch-abstrakten Internationalen wie Jackson Pollock aufnehmen.

Die Malerei, das merkt man bei Nitsch immer, ist die Zelle, die Energie, aus der das ganze hochartifizielle Drama sich speist, das er so unbeirrt veranstaltet, um das menschliche „Sein“ in all seinem Jauchzen, Heulen, Sich-Entäußern fassen zu können. Auf seinem Schüttboden (wo sonst) in Prinzendorf werden Exzess und Konzentration auf die Leinwand gebracht, das Wühlen, das Rinnen, das Schmieren, das Verlaufen, das Explodieren. Die ersten Jahrzehnte in Rot und Braun, ab 1989 dann in allen liturgischen Farben. Einmal wild, einmal sanft, einmal voll Material, einmal fast impressionistisch. Man kennt das. Was man nicht kennt, erschließt sich erst beim Besuch der Ausstellung. Erstmals arbeitet man hier mit einem für Museen seltenen Mittel, der ständigen „Musikübermalung“ (sic). Was nach Kaufhaus klingt, ist für das intensive Erlebnis dieser Ausstellung essenziell. Schließlich ist es Nitschs Komposition (Harmonium-Werk 1984–89), mit ihm selbst am Harmonium, die hier von oben durch die Lautsprecher dröhnt und den Gang vorbei an den fast lückenlos aneinandergereihten Schüttbildern zu einem immersiven, filmähnlichen Erlebnis macht. Paradox. Wer hätte sich gedacht, dass Quarantäne derart inspirierend sein kann.

„Nitsch. Räume aus Farben“. Bis 11. August, täglich 10–18 Uhr, Mittwoch und Freitag: 10–21 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2019)

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