Vienna Biennale for Change: Hysterisches Denken an Greta

Die dritte Ausgabe der vom MAK initiierten Großausstellung aus Design, Kunst, Architektur bleibt in geschützten Räumen und predigt zu den Bekehrten.

Die „AImojis“ eines selbstlernenden Programms vom Wiener Designduo Process Studio.
Die „AImojis“ eines selbstlernenden Programms vom Wiener Designduo Process Studio.
Die „AImojis“ eines selbstlernenden Programms vom Wiener Designduo Process Studio. – (c) Process Studio

Hinter jeder Ecke wartet man darauf, dass Greta-Thunberg-Avatarinnen hervorspringen. Oder zumindest 3-D-gedruckte Greta-Masken ausgegeben werden. Aber nicht einmal in der schummrigen Medusa-Bar in Turnton, dem bemerkenswert konventionellen Zukunfts(t)raum der Angewandten, kann man mit ihr ein Gläschen geklärtes Regenwasser kippen. Obwohl Thunberg doch just am selben Tag ganz leibhaftig in der Stadt anwesend war, an dem die dritte „Vienna Biennale for Change“ im MAK eröffnete, so ganz im Zeichen von „Klimawandel, sozialer Nachhaltigkeit und Digitalisierung“.

Doch mit Humor ist das so eine Sache, wenn es Künstlern, Kreativen und Aktivisten um „Change“ geht, jedenfalls mit freiwilligem. Seit ihrer Gründung ist diese Kunst, Design und Architektur umfassende Biennale mit der Mission der Weltrettung überfrachtet. MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein stellt diesmal im Einleitungsessay sogar Ethikregeln für den zukünftigen Umgang mit künstlicher Intelligenz auf. Aber Regeln und Moral tun der Kunst erfahrungsgemäß selten gut. Sie sind eher Garant für Enttäuschung darüber, was Kunst nicht kann (außer Ólafur Elíasson vielleicht).

Auch der in den vergangenen Jahren so forcierte Paarlauf mit der Wissenschaft ist in der Sackgasse gelandet, mittlerweile eher belächelt von den geduldigen Forschern. Nett sind die Ergebnisse dieser „Kooperationen“, im schlechtesten Fall peinlich. Und das ist das Schlimmste, was man Kunst heute antun kann. Liegt doch ihr Potenzial gerade in einer absoluten Freiheit, auch Freiheit von Pseudo-Seriosität. Sie soll uns mit allen Mitteln und Tricks überraschen, verstören, provozieren, verzaubern können, auch und gerade im öffentlichen Raum.

 

Revolution in geschützten Räumen

Dass gerade diese so auf „Change“ bedachte Vienna Biennale auf diese Wirksamkeit verzichtet und sich u. a. in den zweiten MAK-Stock, in die versteckte Wiener Kunsthalle im MQ oder einen Galerieraum am Franz-Josef-Kai zurückzieht, nagt an der Glaubwürdigkeit. In diesen geschützten Räumen ist es leicht, die „ökosoziale digitale Moderne“ zu proklamieren, für die man eh nur, wie die Eoos-Designer es im MAK-Keller formulieren, mutige Politiker, eine aktive Zivilgesellschaft und verantwortliche Unternehmer brauchte. Gerade dann würden die völlig alten- und kinderunfreundlichen SUV-Ersatz-Fahrzeuge, die Eoos hier samt anderen Prototypen ausstellen, aber nicht gebaut werden, die aufgemotzten Golfwagerl sind „Sozial-Vehikel“ im wahrsten Wortsinn.

Kinder und Familie kommen auch in der Wunschwelt der Zukunft, die ein Angewandte-Kollektiv im „Innovation Laboratory“ als angeblich utopisch-lustvollen Retro-Sci-Fi-Parcours aufgebaut hat, nicht vor. Dafür besagte schummrige Medusa-Bar, ein Ein-Personen-Kapsel-Hotel wie in Japan gang und gäbe und eine eigene Turnton-Zeitung (Print lebt im Jahr 2047 also noch!). Bei einer VR-Session im Keller kann man im Gleichgewichtstanz mit einem Pantoffeltierchen den Plastikmüll aus dem Meer entfernen. Das würde Greta sicher gefallen. Ganze neun Ausstellungen sind in diesem Ton gehalten, der zum Teil ins läppisch Naive kippt. Das große Auftragswerk in der MAK-Hauptausstellung, die sich sehr theoretisch den „Unheimlichen Werten“ künstlicher Intelligenz (KI) widmet, klingt zwar spannend – „Asunder“ soll auf drei großen Leinwandprojektionen anhand von Fallbeispielen zeigen, wie KI die Welt geopolitisch umformen würde –, ist aber schlicht nicht konsumierbar, Bilder und Tabellen bleiben unklar. So wirkt auch diese Arbeit wie der große Rest: eine verschlüsselte Power-Point-Präsentation.

Die Kunsthalle Wien wird inhaltlich zwar auch nicht konkreter und ästhetisch auch nicht überwältigender, aber der Titel ist toll: „Hysterical Mining“, hysterisches Schürfen sozusagen, soll Arbeiten von Künstlerinnen versammeln, die sich mit radikalfeministischen Ideen zur patriarchalen Beschlagnahmung der Technologie an sich beschäftigen. Zu sehen ist u. a. ein Toaster aus Keramik. Und wie aggressive Tierchen hinter Glas gesperrte Bohrmaschinen. Wie gesagt, toller Titel. Kann man ja alles machen in geschützten Werkstätten, predigen zu den schon Bekehrten – bekehrt zu dieser Art von Kunst und zu dieser Art von Change.

Alle Termine und Daten: www.viennabiennale.org

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2019)

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