Rebecca Horn: Inventur der Sehnsucht

Der magischen Kunst einer großen Einzelgängerin widmet sich eine Doppelausstellung: Rebecca Horn in Basel und Metz.

Körper. In „Weißer Körper­fächer“ aus 1970 ist ein Grund­motiv von Horns Arbeit angelegt.
Körper. In „Weißer Körper­fächer“ aus 1970 ist ein Grund­motiv von Horns Arbeit angelegt.
Körper. In „Weißer Körper­fächer“ aus 1970 ist ein Grund­motiv von Horns Arbeit angelegt. – (c) Rebecca Horn/Bildrecht gmbH 2019

Märchen, Mythen, Erzählungen. Schrift, Zeichen, Text. Literatur. Alchimie. Und dazu Klänge, Musik, Töne in jeglicher Form. Immer wieder schieben sich bei der Begegnung mit Rebecca Horns Kunstwerken derlei Ebenen dazwischen. Sie sind den Installationen, Objekten, Bildern, Zeichnungen, Performances, Filmen und Fotografien eingeschrieben, schlagen Lesarten vor und Stimmungen an, öffnen Gedankenräume, evozieren Atmosphären. Mit diesem Instrumentarium hat die deutsche Künstlerin, in deren Biografie Städte wie New York, Paris, Berlin wichtige Stationen waren, ein so komplexes wie unverwechselbares Œuvre geschaffen, das in der Kunst der letzten Jahrzehnte einen Meilenstein darstellt. Die Kunstwelt hat es honoriert. Vier documenta-Chefs haben sie nach Kassel geholt, Harald Szeemann 1972 als erster. Da war sie gerade einmal 28 Jahre alt und somit die jüngste documenta-Teilnehmerin überhaupt. Sie wurde mit Preisen überhäuft wie dem Goslaer Kaiserring, dem japanischen Praemium Imperiale oder dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis, um nur die bedeutendsten zu nennen.

Eines gibt das andere. Eine Arbeit gibt die nächste, entwickelt sich weiter, transformiert sich. Der große „weiße Körperfächer" etwa, den sich Rebecca Horn 1972 umschnallt, wird zum Instrument des Flügelschlags, später zur Pfauenmaschine, die wiederum zum Motiv des Vogels und Schmetterlings überleitet.

Klang. Die ­synästhetische Skulptur „Sonnenseufzer“ ­entstand 2006.
Klang. Die ­synästhetische Skulptur „Sonnenseufzer“ ­entstand 2006.
Klang. Die ­synästhetische Skulptur „Sonnenseufzer“ ­entstand 2006. – (c) Rebecca Horn/Bildrecht gmbH 2019

Ganz am Anfang steht dabei die eigene Geschichte, ein Privatmythos: Ein dreimonatiger Aufenthalt in Barcelona 1965, um den Tod des Vaters zu verarbeiten; eine Liebesgeschichte mit einem Kellner, der sie an Buster Keaton erinnert; die Infektion mit Tuberkulose, zu der sich zwei Jahre später eine Lungenvergiftung gesellt, verursacht durch Experimente mit Polyester und Fiberglas. Daran schließt ein einjähriger Sanatoriumsaufenthalt an. Das schier unerträgliche Gefühl des Eingesperrtseins wirft die Künstlerin auf die Beschäftigung mit dem eigenen Körper zurück. Die Wände des Krankenzimmers definieren und beschränken die Dimensionen ihres Bewegungsradius. (Später wird sie krallenartige Requisiten zur Körpererweiterung konstruieren, um an Wänden zu kratzen.)

In der Isolation beginnt Horn, mit leichten Materialien zu arbeiten: Baumwolle, Bandagen, Zwirn, Federn. Diese Stofflichkeit wird sie nicht mehr loslassen – nur die Nähnadel wird über die Zeit zum bedrohlichen Spieß, meterlangen Kiel, zuletzt monumentalen Halm. Die Idee des Kokons wird in dieser Zeit ebenso angelegt wie das Motiv des Kerkers, des Einhorns (was auch ein Spiel mit dem eigenen Namen ist) oder des körpergroßen Fächers, der ebenso Flügel ist wie auch Requisit, um die Pose des vitruvianischen Menschen inmitten seines Kreises einzunehmen: „Es war eine Sehnsucht nach Fliehen, Fliegen, nach einem Austasten der Welt", sagt sie später über diese Phase.

Der Vielschichtigkeit dieses Œuvres nähert sich jetzt ein spannendes Kooperationsprojekt zweier Museen, das absolut eine Reise lohnt. Das Basler Museum Tinguely und das Centre Pompidou Metz haben gemeinsame Sache gemacht und zeigen zeitgleich zwei Ausstellungen, die Rebecca Horns Schaffen aus unterschiedlicher Perspektive beleuchten und in ihrer Gegensätzlichkeit das Spiel mit den Dualismen aufgreifen, die die Künstlerin in ihrem Werk immer wieder umkreist, um sie zu zugleich zu durchbrechen.

Welt. Freiheit und Eingesperrtheit kollabieren in der Performance „Einhorn“,  entstanden 1970.
Welt. Freiheit und Eingesperrtheit kollabieren in der Performance „Einhorn“,  entstanden 1970.
Welt. Freiheit und Eingesperrtheit kollabieren in der Performance „Einhorn“, entstanden 1970. – (c) Rebecca Horn/Bildrecht gmbH 2019

Gegensätze. „Körperphantasien" heißt die retrospektiv angelegte Schau des Museum Tinguely. In Respons auf dessen Namensgeber – den Schweizer Jean Tinguely, einen Hauptvertreter der kinetischen Kunst – fokussiert Kuratorin Sandra Beate Reimann insbesondere die Aspekte Bewegung und Körper. In vier Kapiteln führt sie das Werk eng unter den Aspekten Flügelschlagen, Zirkulieren, Einschreiben, Tasten – alles Gesten und Bewegungsmuster, die in Rebecca Horns Werk eine zentrale Rolle spielen und für die sie immer wieder andere und doch verwandte formale Lösungen fand. Legt man das auf die Zeitachse um, wird eine Entwicklung ablesbar, die sich von den frühen performativen Arbeit mit dem eigenen Körper und die Konstruktion von prothesenhaften Körper­erweiterungen und Maschinenkörpern über den Raum bis hin zur Umwelt erweitert. Der Raum wird dabei in allen Dimensionen ausgelotet. So finden sich Objekte wie etwa ein Klavier auch schon einmal verkehrt unter der Decke montiert, ein andermal verlieren sie sich einsam im Raum. Die großzügige Präsentation lässt den Arbeiten viel Raum, sich im White Cube zu entfalten, und spiegelt so die analytische Herangehensweise.

Dem steht in der Metzer Dependance des Pariser Centre Pompidou mit „Theater der Metamorphosen" eine immens verdichtete und vi­brierende Präsentation voller Intensität gegenüber, in der Rebecca Horns Arbeiten nicht nur aufgrund des unterschiedlichen kuratorischen Konzepts mit Fokus auf das Surreale und Animistische in einen flirrenden Dialog treten. Ausgangspunkt der Schau sind diesmal Rebecca Horns Filme, zu denen die Objekte und Installationen in Beziehung gesetzt sind. Mit ihren unterschiedlichen, sich teilweise überlagernden Tonspuren von leisem Sprechen bis hin zu leidenschaftlicher Tangomusik tauchen sie die Objekte in eine Sphäre des Synästhetischen. Eine spannende Erweiterung erfährt die One-Woman-Show durch die Kontextualisierung mit Werken des Surrealismus und Dadaismus aus den Beständen des Centre Pompidou, etwa von Claude Cahun, Jean Cocteau, Max Ernst, Alberto Giacometti oder Meret Oppenheim.

Die Autorin reiste auf Einladung des Museum Tinguely nach Basel und Metz.

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