Die Kunst als Kletterschlauch

Zum „Höhenrausch“ hat die Kunststadt Linz heuer den „Sinnesrausch“ gesellt: Das Erleben steht hier im Vordergrund, mit Publikumsnahem und unheimlichen Späßen.

Ein Netz donaublauer Linien führt in ein herrlich abgesichertes Ungewisses: die Installation des in Wien und Zagreb sesshaften Kunstkollektivs Numen/For Use auf dem Dach des Parkhauses neben dem OK-Centrum in Linz.
Ein Netz donaublauer Linien führt in ein herrlich abgesichertes Ungewisses: die Installation des in Wien und Zagreb sesshaften Kunstkollektivs Numen/For Use auf dem Dach des Parkhauses neben dem OK-Centrum in Linz.
Ein Netz donaublauer Linien führt in ein herrlich abgesichertes Ungewisses: die Installation des in Wien und Zagreb sesshaften Kunstkollektivs Numen/For Use auf dem Dach des Parkhauses neben dem OK-Centrum in Linz. – (c) Otto Saxinger

Alles läuft in geregelten Bahnen im Linzer Kunstleben, könnte man denken. Ein Netz donaublauer Linien gibt hier zurzeit trittsicheren Halt und führt in ein herrlich abgesichertes Ungewisses, wie man es so liebt in der Kunst: Man weiß zwar nie genau, wohin die Reise einen führt in der Kunst. Aber wirklich schlimm wird es nie. Also senkt man den Kopf und steigt ein in die „Röhre Linz“-Installation, die das Kunstkollektiv Numen/For Use auf dem Dach des Parkhauses neben dem OK-Centrum aufgespannt hat, einen Irrgarten durch die Lüfte aus grobmaschigen Schläuchen, dessen Sinn sich frei assoziieren lässt: vom Perspektivwechsel zur Vernetzung zum Spielplatz-Thrill für Erwachsene (und Kinder). So kennt man das familienfreundliche, parcoursartige Linzer Erlebnis-Kunst-Format, in, am und rund um das OK-Centrum, das unter dem Namen „Höhenrausch“ bekannt ist und pro Ausgabe rund 110.000 Besucher anlockt.

Diesen Sommer wurde allerdings die kleine Schwester dazu programmiert, der „Sinnesrausch“ – ein wenig überschaubarer im Rundgang (die sonst eingebaute Ursulinenkirche steht nicht zur Verfügung) und ein wenig stärker auf bildende Kunst fokussiert. Macht ja nichts. Das Motto verspricht schon genug: „Kunst und Bewegung“. Kuratiert haben Katharina Lackner und Genoveva Rückert, die einst gemeinsam mit OK-Chef Martin Sturm und Rainer Zendron von der Kunst-Uni Linz für das Kulturhauptstadtjahr 2009 den „Höhenrausch“ erfunden haben. Nächsten Sommer wird es wieder eine neue Ausgabe geben, die achte mittlerweile, kuratiert dann von Zendron (64) und Sturm (62). Vielleicht ist es ihr letzter, so viel zu den geordneten Bahnen. Denn ab 2020 wird wohl vieles anders werden in Linz.

Dann wird Alfred Weidinger die Ausgliederung der Landes-Kunstinstitutionen in Linz übernehmen, das heißt Landesmuseum und Oberösterreichisches Kulturquartier (u. a. das OK-Centrum) werden in einer eigenständigen Gesellschaft zusammengefasst. Weidinger, früher langjähriger Vizedirektor des Belvedere, lässt dafür seinen aktuellen Direktorenposten im Leipziger Museum der bildenden Künste nach nur zwei Jahren sausen. Im März tritt er schon in seiner Heimat Oberösterreich an – 1961 wurde er in Schwanenstadt geboren.

 

Schwefel, Feuer, Wasser, Luft

Punkte und Linien. Daraus bestehen nicht nur Karrieren und Leben, daraus besteht auch unser System der Wahrnehmung und ihrer Darstellung, der Kunst. Ihnen folgend nimmt so auch der „Sinnesrausch“ Fahrt auf, dem Motto „Bewegung“ entsprechend. Achim Freyer, den die meisten nur von seinen Theaterinszenierungen kennen, der aber zweifacher Documenta-Teilnehmer ist, man staune, beginnt mit einem hübschen weißen Raum voll bunter Punkte, die mit alchemistischen Begriffen wie Quecksilber, Schwefel, Feuer, Luft, Wasser aufgeladen wurden. In diese Theatralik passt die Seiltänzerin, die per Videoprojektion einen ganzen Gang lang über unseren Köpfen zu balancieren scheint. Das von der brasilianischen Künstlerin Helena Martins-Costa gespannte Seil führt zu Constantin Luser und seinen Drahtzeichnungen im Raum, diesmal ergänzt um das Erlebnis, einmal selbst ein Theremin spielen zu dürfen, also mit den Händen Klänge aus der (elektromagnetisch aufgeladenen) Luft zu zaubern. Währenddessen erfährt man auf Lusers Wandzeichnung dahinter Näheres über die Geschichte dieses 1920 vom Russen Lew Termen erfundene Instrument.

So passiert das hier öfter – das Erleben steht im Vordergrund, eher im Vorbeigehen wird der Hintergrund vermittelt: Etwa über die Op-Art, der gerade im Mumok in Wien eine große Ausstellung gewidmet ist. Das OK-Centrum fungiert fast als kleine Außenstelle dazu mit dem hier wie dort aufgebauten „Spazio Elastico“ von Gianni Colombo, bei dem man sich in einem dunklen Raum in einem Matrixsystem aus Gummibändern wiederfindet, die beginnen, sich zu verschieben, was unsere Wahrnehmung deutlich irritieren kann. Oder Helga Philipps kinetische Spiegelobjekte. Oder Marina Apollonios täuschend rotierende, begehbare Spirale.

Ein weiteres Highlight neben dem zu Beginn erwähnten luftigen Kletterschlauchsystem ist die interaktive Videoinstallation von William Forsythe, einem der bedeutendsten Choreografen des modernen Tanzes: Man glaubt, man stehe vor einer das Sichtfeld füllenden Spiegelwand. Doch das vertraute Spiegelbild reagiert anders als gewohnt, nämlich nur verzögert und verzerrt auf unsere Bewegungen. Was für ein unheimlicher Spaß.

Derart Publikumsnahes, der „Höhen-“ wie der „Sinnesrausch“, dürfte dem neuen Chef jedenfalls gefallen. Nach Yoko Ono zeigt Weidinger in Leipzig im Herbst Malerei von Gefühlsrocker Udo Lindenberg. Falls der in Oberösterreich geborene Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst also zu malen und bildhauern beginnen möchte – es wäre eine gute Zeit dafür.

„Sinnesrausch“, bis 13. Oktober, täglich 10–20.30 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2019)

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