Im Kino

"Women Stories": Der Meister und seine Margaritas

Ein Mann hat einen Film über einen Mann gemacht, der das Frauenbild der 1990er prägte wie kein anderer: Modefotograf Peter Lindbergh. Der jedoch schweigt und genießt.

Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford 1989 (v. l.).
Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford 1989 (v. l.).
Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford 1989 (v. l.). – (c) Peter Lindbergh

Dieser Film kann einem gehörig auf die Nerven gehen. Er ist pseudomelancholisch, pseudosentimental und widmet sich der Modefotografie mit derart viel Pathos, dass sie auch noch pseudokünstlerisch herüberkommt. Man merkt, dass er gedreht wurde von einem Mann, Jean-Michel Vecchiet, der als Kind van Gogh werden wollte, der später Jackson Pollock verehrte, wie er uns gleich am Beginn des Films mitteilt. Schließlich wurde er zum Künstlerbiografen, drehte Filme über Andy Warhol, Basquiat und jetzt eben über einen der erfolgreichsten Modefotografen unserer Zeit, Peter Lindbergh, den er jahrzehntelang mit der Kamera begleitet hat. Getroffen haben sie sich eher zufällig, wie Vecchiet erzählt, als er Lindbergh beobachtete, wie er bei einem Modeshooting mit seiner Kamera „um anorektische Models herumtanzte“ – „da ist er, mein Jackson Pollock“, dachte er, und man fragt sich, ob er dabei die Frauen mit der (leeren) Leinwand oder mit den Farbspritzern des abstrakten Expressionisten gleichsetzte.

Mit einer Volte, die auf falsche Fährten lockt, wird dann versucht, dem ganzen Film eine vermeintlich feministische Note zu geben: Vecchiet lässt ausschließlich Frauen erzählen, „Women Stories“ lautet daher auch der Titel. Allerdings geht es weder um explizite Frauengeschichten noch sprechen irgendwelche der Frauen, die Lindbergh mit seinen charakteristischen Aufnahmen in den 1990ern zu Supermodels machte. Seine privaten Frauen sollen ihn porträtieren, die Schwester, die zwei Ehefrauen, die Exchefin der italienischen „Vogue“. Ihre Vornamen werden zu Beginn zwar genannt, sie später zuzuordnen ist aber nicht so leicht.

Es ist auch gar nicht leicht, aus ihren Erinnerungen viel darüber zu erfahren, warum dieser 1944 als Peter Brodbeck in Lissa, Polen, geborene Mann derartigen Einfluss bekam. Wie er seine Ästhetik fand. Wie sein Werk einzuordnen ist. Gut, er wollte Künstler werden, wurde in der Düsseldorfer Kunstszene (Beuys!) sozialisiert, fotografierte Avantgardetanz (Pina Bausch). Daher vielleicht die reduzierte, melancholische Ästhetik, dieses Existentialistische, das Lindbergh in die Modemagazine brachte. Ungeschminkt, dunkle Augenringe, natürliche Posen und das alles immer in Schwarz-Weiß – die Marke Lindbergh versteht sich eindeutig als „arty“.

 

Erst mit Aura versehen wurden sie Stars

Erst mit dieser Aura versehen konnten Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford 1989 über ein Cover der britischen „Vogue“ zu den prägenden Rolemodels der 1990er werden. Wie und warum er gerade diese Mädchen aussuchte, das könnte uns wahrscheinlich Lindbergh selbst erzählen. Tut er aber nicht, er darf nicht sprechen in diesem Film über ihn, nur die üblichen Shooting-Ausrufe von sich geben: „Great!“ „Beautiful!“ „Amazing!“ „I love you.“ Die Models kommen bis auf ein paar unerhebliche Sätze Campbells auch nicht zu Wort. Dafür wird mit heftiger Schubert-Untermalung die Familiengeschichte der letzten Weltkriegstage beschworen, die das damalige Baby wohl nicht so geprägt haben, aber was weiß man schon. Aus den Interviews, die Lindbergh bisher gegeben hat, weiß man allerdings, dass er zu all dem recht viel zu sagen hätte. Gern würde man also von ihm hören, wie er sich an seine Zeit an der Kunst-Uni erinnert, wie an seine Mutter, die ein trauriges Leben führte und mit Mitte 40 an Krebs starb.

Erst am Ende dieses gefühlt sehr langen Films wird es tiefgründiger, erfährt man eben über diese Mutter: Sie wäre eine große Opernsängerin geworden, wenn sie ihre Ausbildung früher begonnen hätte. An dieser Analyse ihres versäumten Lebenstraums zerbrach sie angeblich. Hat ihr Sohn, der wenige Monate nach ihrem Tod seine Karriere als Modefotograf begann, diesen Weg auf seine Weise, aber vielleicht für sie eingeschlagen? Ist es das, was seinen Bildern diese melancholische Grundstimmung verleiht? Ist es sie, die er in den Gesichtern sucht, denen er ihr Alter gern ansehen lässt?

Vecchiet sagt am Beginn, er sucht das große Geheimnis, das Lindbergh in sich trägt. Das ist natürlich eine tolle Geschichte. Aber vielleicht war alles auch nur Marketing und Strategie. Eine als „deutsch“ angesehene Melancholie war in den 80er- und 90er-Jahren auch in der Malerei international gefragt und erfolgreich, denkt man an Anselm Kiefer und seine Kollegen. Was würde Lindbergh dazu sagen? Was sagt er zu dem, was aus seinen Supermodels heute geworden ist, zu Heidi Klums Jagd auf sie? Zur Schönheitsindustrie? Zur Diskussion über Magermodels? Lieber wurde in diesem Film die Tränendrüse gedrückt. Lieber ein Künstlerklischee bedient. An dessen Ende, natürlich, die Mutter steht.

„Women Stories“, aktuell im Kino

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2019)

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