Kulturszene wehrt sich gegen Mäzene

Der Louvre, die Tate Modern und das Metropolitan Museum wollen kein Geld mehr von der Sackler-Familie haben. Denn der gehört der Pharmakonzern, der das süchtig machende Schmerzmittel Oxycontin herstellt.

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Der Louvre überklebte oder entfernte den Namen Sackler – (c) APA/AFP (ROMAIN FONSEGRIVES)

Woher Mäzene ihr Geld haben, wird in der Kunstwelt zunehmend kritisch hinterfragt. Die jüngste Debatte dreht sich um die milliardenschwere Sackler-Familie. Als Mäzene pumpen die Sacklers viel Geld in Museen weltweit. Ihr Geld verdient die Familie mit dem Pharmakonzern Purdue Pharma, der das Schmerzmittel Oxycontin herstellt. Dieses gilt als eine Hauptursache der Opioid-Krise in den USA. Oxycontin, das stark abhängig macht, soll seit Mitte der 90er Jahre den Tod von mehr als 200.000 Menschen verursacht haben. Gegen den Konzern laufen derzeit deswegen mehr als 1600 Klagen.

Die Kritik an den Sacklers und Purdue Pharma ist so laut, dass etwa das Metropolitan Museum in New York, die Tate Modern in London und der Louvre in Paris ihre jahrelange Zusammenarbeit beendet haben. Das Metropolitan Museum wird vom Österreicher Max Hollein geleitet.

Angeführt wird der Protest US-Fotografin Nan Goldin. Sie hat die Gruppe "PAIN" (deutsch für Schmerz) gegründet, die immer wieder mit Aufsehen erregenden Aktionen auf ihr Anliegen aufmerksam macht. Die Mitglieder der Gruppe ließen beispielsweise Flugblätter in der berühmten Rotunde des Guggenheim Museums herunterregnen, hingen dort Plakate auf, legten sich auf den Boden oder protestierten auf den Stufen des Metropolitan Museums. Vor der Louvre-Pyramide demonstrierte die Gruppe mit Spruchbändern. "Shame on Sackler" (Schande über die Sacklers) stand darauf.

Die Kulturinstitutionen in den USA sind auf reiche Spender angewiesen. Öffentliche Zuwendungen sind knapp - Spender gibt es dafür reichlich und das Mäzenatentum ist fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. 2018 wurde in den USA für alle möglichen Zwecke die Rekordsumme von rund 410 Milliarden Dollar gespendet.

Mäzene mit anderer Meinung

Ohne reiche Mäzene müssten viele Museen sofort schließen. Trotzdem stellt sich immer wieder die Frage: Was tun, wenn der Spender sein Geld dubios verdient hat? Oder wenn er vollkommen anderer Meinung ist als die Betreiber des Museums?

Der erzkonservative Milliardär David H. Koch etwa, der für Millionen von Dollar Plätzen, Theatern, Krankenhaus- und Museumsabteilungen im liberalen New York seinen Namen aufgestempelt hat. Oder Rebekah Mercer, Leiterin einer milliardenschweren Trump-unterstützenden Familienstiftung, die unter anderem dem New Yorker Naturkundemuseum viel Geld spendete - und sich gleichzeitig kritisch gegenüber dem Klimawandel zeigte. Auch Präsident Trump selbst hat schon per Spende seinen Namen an Autobahnen und Parks stempeln lassen.

Im Pariser Louvre war der Name Sackler noch bis vor kurzem zu sehen. Vor etwas mehr als 20 Jahren hat die Familie für mehrere Säle, die dem Antiken Orient gewidmet sind, Millionen gespendet. Ende Juli entfernte oder überklebte das Museum den Namen.

Schenkung zurückgezahlt


Fast zeitgleich wurde bekannt, dass das Kulturministerium eine Schenkung von 200.000 Euro des 2015 noch als Lafarge operierenden Zementherstellers an das Pariser Mittelaltermuseum Cluny zurückgezahlt habe. Das Unternehmen wird verdächtigt, rund 13 Millionen Euro an islamistische Gruppen bezahlt zu haben, darunter die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), um sein Zementwerk in Syrien am Laufen halten zu können.

Das Problem toxischer Gelder ist nicht neu. Der Louvre hat deshalb schon 2003 eine "Sponsoring"-Charta eingeführt. Darin verpflichtet sich das Museum, keine Sponsorenvereinbarung mit Partnern zu treffen, die dem Image schaden könnten.

Die Frage, aus welchen Quellen die Mäzene ihr Vermögen schöpfen, taucht immer häufiger auf. Einer der Gründe dürften wachsende Protest-Communities in sozialen Netzwerken sein. Der französische Journalist und Spezialist für Mäzenatentum, Bernard Hasquenoph, verortet diesen Trend in der angelsächsischen Welt. Für Historiker Hansert ist dabei nicht jeder Vorwurf gerechtfertigt: "Fachliche Einschätzung und die Art, wie etwas zum Teil aufgegriffen und kolportiert wird, sind nicht unbedingt deckungsgleich."

Flick zahlte nicht in den Entschädigungsfonds, verlieh aber Kunst

In Deutschland liegen größere Auseinandersetzungen schon etwas zurück. Hoch umstritten war etwa die Leihgabe von Friedrich Christian Flick. Berlin verdankt dem Kunstsammler und Mäzen eine weltbekannte Sammlung zeitgenössischer Kunst. Stein des Anstoßes war die NS-Vergangenheit von Großvater Friedrich Flick, der als Rüstungsunternehmer während des Nationalsozialismus von Zwangsarbeitern profitierte. Sein Enkel beteiligte sich dennoch nicht am Entschädigungsfonds und gründete stattdessen eine eigene Stiftung.

Jenseits von Mäzenen sieht Experte Hansert die kulturelle Basis in Deutschland gut gesichert. "Hier wird die Institution - zumindest was den Betrieb betrifft - in der Regel von der öffentlichen Hand unterhalten", sagt der Historiker. "Für die wirklichen Perlen der Museumsarbeit, wie Ausstellungen oder Ankäufe, müssen sie sich aber Sponsoren suchen."

Sacklers wehren sich gegen Anschuldigungen

Purdue Pharma und die Sackler-Familie haben Anschuldigungen, die Suchtgefahren von Oxycontin verschleiert und das Schmerzmittel mit rücksichtslosen und dubiosen Vertriebsmethoden in den Markt gedrückt zu haben, stets abgestritten. Die Mitglieder der Familie meiden Interviews, zuletzt aber äußerte sich David Sackler angesichts des wachsenden Drucks erstmals in der "Vanity Fair". Seine Familie werde "endlos gegeißelt", sagte er. "Mein vier Jahre altes Kind kam aus dem Kindergarten und hat mich gefragt: 'Warum sagen meine Freunde, dass die Arbeit unserer Familie Menschen umbringt?'" Seine Familie habe nicht gut kommuniziert, sagt Sackler - aber auch: "Wir haben die Krise nicht ausgelöst." Er hoffe sehr, dass sich die kulturellen Institutionen die Zusammenarbeit mit den Sacklers noch einmal überlegten.

(APA/dpa)

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