Auktion der Superlative: Kleines Museum gefällig?

Am Mittwoch werden Meisterwerke von Picasso, Monet, Schiele und Klimt versteigert. Es soll die teuerste Auktion werden, die London je erlebt hat – so lauten jedenfalls die Werbesuperlative der Kunstmakler.

Kunstauktion kleines Museum gefaellig
Kunstauktion kleines Museum gefaellig
(c) Www.BilderBox.com

Glaubt man dem Chefauktionator von Sotheby's, Tobias Meyer, müsste der Kunstmarkt – trotz aller Rekorde in den vergangenen Monaten – dennoch vor der Krise zittern. Ein wenig zumindest. In einem Vortrag in der Albertina erklärte Meyer vor einiger Zeit den Zusammenhang zwischen Immobilien- und Kunstmarkt. Demnach wären Sammler bereit, für ein Topgemälde ebensoviel zu bezahlen wie für eine Immobilie in Manhattan. Doch gerade dort verzeichnet man zurzeit das geringste Preiswachstum seit Jahrzehnten. Und diese Steigerung sei nur auf den Verkauf einiger weniger, besonders teurer Wohnungen zurückzuführen, schrieb das Handelsblatt.

So weit so ähnlich wie der Kunstmarkt: Die Käufer lassen sich mehr Zeit als früher. Und nur das Beste geht auch zu Bestpreisen weg – wie Anfang Mai Picassos „Akt mit grünen Blättern und Büste“ bei Christie's um 106 Millionen Dollar, ein neuer Weltrekord. Also müssen die Auktionshäuser ihre Ware lange im Voraus bewerben und dürfen mit Superlativen nicht sparen. Dementsprechend rotieren seit Wochen die beiden Toplose der Impressionistenauktion bei Christie's kommenden Mittwoch durch die Medien.

Wieder ist ein Picasso führend, diesmal ein waschechter „Bluechip“ – das von Andrew Lloyd Webber eingebrachte „Porträt des Angel Fernandez de Soto“ aus der begehrten Blauen Periode des Meisters („Die Presse am Sonntag“ druckte das Bild vorige Woche ab). Schätzpreis: 36 bis 58 Millionen Euro. Soviel soll auch das zweite Toplos, Claude Monets „Seerosen“-Gemälde von 1919, wert sein. Womit wir wieder bei dem Vergleich mit den Immobilienpreisen wären, das kommt nämlich überraschend genau hin: Ein Luxuspenthouse in Manhattan kostet um die 70 Millionen Dollar (56 Mio. Euro).

„Aufregendste Saison seit Jahren.“ Die Superlative der Kunstmakler hören sich folgendermaßen an: Christie's stellt Mittwochabend die bisher wertvollste Kunstversteigerung in Londons Geschichte auf die Beine. 63 Kunstwerke kommen unter den Hammer. Die zusammengezählten Schätzwerte reichen von 196 bis 276 Millionen Euro. Den bisherigen Rekord hält Konkurrent Sotheby's, der im Februar in London mit einer Auktion 175 Mio. Euro erzielte. „Das ist die aufregendste Saison, die ich in 20 Jahren bei Christie's erlebt habe“, steigert Jussi Pylkkänen, Präsident von Christie's Europa, die Spannung noch per Videobotschaft auf der Homepage.

Und tatsächlich – was das weltweit zurzeit führende Auktionshaus hier versammeln konnte, füllt ein kleines Museum: Neben dem blauen Picasso ist noch eine „Lesende“ aus seiner neoklassischen Periode vertreten (sieben bis zehn Mio. Euro), eine pralle Nackte von Henri Matisse (sechs bis zehn Mio. Euro), ein verwegen den Betrachter fixierendes Selbstbildnis von Egon Schiele auf Papier um 1,2–1,7 Mio. Euro – und Gustav Klimts unvollendetes drittes Porträt der unglücklichen Ria Munk, voriges Jahr vom Linzer Lentos-Museum an die Erben der Familie zurückgegeben.

Viele Tode ranken sich um dieses Bild: Klimt starb 1918 über dieser Porträtserie von Ria, die sich aus Liebeskummer umgebracht hatte und von ihrer Mutter Aranka mit mehreren Porträts in Erinnerung behalten werden wollte. Aranka Munk selbst wurde später von den Nazis ermordet. Das Bild kam 1953 in den Besitz der Stadt Linz. Am Mittwoch soll es zwischen 16 und 20 Millionen Euro erzielen.

Einen Tag vorher, Dienstagabend, versucht Sotheby's mit einem vergleichsweise sophisticated Programm seinen Teil der Investoren-Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: Hauptlos ist eines von insgesamt nur zwei existierenden Selbstporträts des Impressionisten-Vaters Édouard Manet; das zweite befindet sich im Bridgestone Museum in Tokio. Als Dandy mit Malerpalette posierte Manet hier gegen Ende seines Lebens 1878. Die Referenz an Alte Meister ist klar, der Pinselstrich aber ist modern, frei. Auf 23 bis 35 Millionen Euro schätzt Sotheby's dieses Werk, das sich im Besitz wichtiger Impressionisten-Sammler wie Auguste Pellerin, Jakob Goldschmidt und John Loeb befand.

Eine der Geschichten, die der Kunstmarkt so liebt, liefert das zweite Toplos bei Sotheby's, eine Landschaft des Fauvisten André Derain, geschätzt auf zehn bis 15 Mio. Euro: 40 Jahre lag es in einem Pariser Banktresor, in dem der Nachlass des legendären Impressionisten-Händlers Ambroise Vollard aufbewahrt wurde. Doch die Gebühren waren aufgebraucht, die Bank ließ das Safe öffnen – und Sotheby's verkauft den Inhalt jetzt in zwei Tranchen.

Apropos Banken: Montag in einer Woche trennt sich die Hypo Vereinsbank erstmals von einem ihrer Schätze. Bei Sotheby's kommt ein großes blaues Schwammrelief Yves Kleins unter den Hammer – Schätzpreis 4,5 bis 6,5 Millionen Pfund. Um das Geld aber gehe es der Bank natürlich überhaupt nicht, so eine Sprecherin. Man wolle nur weiterhin zeitgenössisch sammeln... Das hat sich die Commerzbank wohl auch gedacht, als sie im Februar 58 Millionen Pfund für ihren „L'homme qui marche“ von Giacometti einstreifte.

Im Herbst übrigens wird die Sammlung der „Lehman Brothers“ versteigert, falls das Insolvenzgericht zustimmt: Am 25.September hat Sotheby's mehr als 400 Werke von Damien Hirst bis Gerhard Richter angekündigt.

Rasantes Wiener Saisonende. Auch Wien steigert sich kommende Woche in ein rasantes Finale der Kunstmarktsaison: Hassfurther, Dorotheum und „im Kinsky“ verkaufen Alte Meister, Biedermeier, Jugendstil, Klassische Moderne und zeitgenössische Kunst. Bei Hassfurther steht ein auf 500.000–700.000 Euro geschätzter Totentanz von Egger-Lienz auf dem Programm. Im Kinsky zwei Gemälde von Pierre-Auguste Renoir, geschätzt auf bis zu 250.000 Euro. Das Dorotheum beginnt am Dienstag mit Alten Meistern von David Teniers bis Frans Francken II, der im April mit sieben Millionen Euro zumindest für einen österreichischen Rekord sorgte.

Picasso: „Nackte, grüne Blätter und Büste“
106,4 Millionen Dollar, versteigert am 4.Mai 2010

Giacometti: „Schreitender Mann I“
104,3 Millionen Dollar, versteigert am 3.Februar 2010

Picasso: „Junge mit Pfeife“
104,2 Millionen Dollar, versteigert am 5. Mai 2004

Picasso: „Dora Maar mit Katze“
95,2 Millionen Dollar, versteigert am 3. Mai 2006

Klimt, „Porträt von Adele Bloch-Bauer II“
87,9 Millionen Dollar, versteigert am 9. November 2006

Bacon, „Triptych, 1976“, 86,3 Millionen Dollar, 14. Mai 2008

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2010)

Kommentar zu Artikel:

Auktion der Superlative: Kleines Museum gefällig?

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen