Russland: Kakerlaken im Gericht

Zwei russische Kunstkuratoren wurden wegen Schürung religiösen Hasses verurteilt. Die Angeklagten, Andrej Jerofejew und Juri Samodurow, kamen mit einer Geldstrafe davon.

(c) EPA (IGOR KHARITONOV)

Ein letztes Mal demonstrierten die Anhänger beider Seiten am Montag ihren Kampfeswillen im spektakulärsten Kunstprozess des postsowjetischen Russland. Je an die 100 teils renommierte Vertreter beider Lager waren zur Urteilsverkündung über zwei berühmte Kuratoren ins Moskauer Gericht gekommen. Weil sich der Staat nicht in die Kunst einmischen solle, setzte die Künstlergruppe „Wojna“ („Krieg“) am Montag prophylaktisch 3500 Küchenschaben als Zeichen des Protests im Gericht aus. Weil er es aber doch tun sollte, beteten Dutzende alte Mütterchen laut vor sich hin, eine kleine Schar formierte sich hinter einer Ikone zur Prozession ums Gericht. Und von den uniform schwarzen T-Shirts zehn strenggläubiger Orthodoxer prangte die zur Losung gewordene Frage: „Orthodoxie oder Tod“.

Die Angeklagten, Kunstwissenschaftler Andrej Jerofejew und der ehemalige Leiter des Moskauer Sacharow-Zentrums, Juri Samodurow, kamen mit einer Geldstrafe davon. 200.000 Rubel (5140 Euro) muss Samodurow berappen, Jerofejew 150.000 – die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre Lagerhaft gefordert. „Ausgehend von unserer Gerichtsrealität, wo es keinerlei Freisprüche gibt, kommt dies fast einem Freispruch gleich“, sagt die Anwältin der beiden, Anna Stawizkaja, zur „Presse“: „Aber wir werden Einspruch erheben“.

Angeblich hatten die zwei Kunstexperten mit ihrer Ausstellung „Verbotene Kunst – 2006“ die Menschenwürde erniedrigt und „zu religiösem Hass aufgewiegelt“. Das liegt drei Jahre zurück. Im Sacharow-Zentrum hatten sie zeitgenössische Kunst gezeigt, die zuvor aus verschiedenen Ausstellungen entfernt worden war. Samodurow und Jerofejew hatten das „Verbot“ selber mitinszeniert; im Saal war lediglich eine weiße Stellwand zu sehen. Die dahinter aufgestellten Werke konnte man nur durch das Guckloch erspähen. Etwa Alexander Kossolapows Plakat der Fast-Food-Kette McDonald's mit Jesus-Antlitz und der Aufschrift „This is my body“. Oder die „Kaviarikone“, auf der Fischeier die Madonna ersetzen. Daneben die „tschetschenische Marilyn“ des sibirischen Künstlerduos „Blaue Nasen“ (Alexander Schaburow, Wjatscheslaw Misin): Eine oben vermummte, unten nackte Terroristin trägt einen Sprengstoffgürtel, ihre Strapse ziert der Totenkopf. Auf Alexander Sawkos Szene der biblischen Bergpredigt wiederum trägt der Heiland einen Mickymauskopf.

 

Naheverhältnis von Staat und Religion

„Man muss Kritik von Gotteslästerung und Verspottung unterscheiden“, mahnt Andrej Kurajew, orthodoxer Theologe, im Gespräch mit der „Presse“: „In unserer Kirche nämlich sind viele dafür, den Glauben gewaltsam zu verteidigen, wie die Muslime es tun.“ Ansätze davon zeigten sich in der Bewegung „Volkskonzil“, die aggressiv auf den Plan trat und letztlich die Anklage einbrachte.

Beobachtern galt dieser Gerichtsprozess als Gradmesser für das zuletzt fortgeschrittene Naheverhältnis zwischen Staat und Religion.

Eifernde Anhänger der Kirche versuchten damit nicht zum ersten Mal, Kunst spektakulär in Schranken zu weisen. 2003 hatten aufgebrachte orthodoxe Christen im Sacharow-Zentrum die Ausstellung „Achtung, Religion!“ verwüstet. Damals hatte der Staatsanwalt nicht die Kunstzerstörer verklagt, sondern Samodurow und seine Mitarbeiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2010)

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