Klimts verbranntes Wally-Bild

Wer war Wally Neuzil? Hilde Berger hat einen Schiele-Roman geschrieben und gibt Auskunft.

„Zunächst einmal war der richtige Name von Wally nicht Valerie, wie alle schreiben, sondern Walburga“: Hilde Berger weiß das, weil sie für ihren Schiele-Roman „Tod und Mädchen“ jahrelang recherchiert und dabei auch in Taufregistern gestöbert hat.

Schieles Modell und Geliebte kam aus niedrigsten Verhältnissen, erzählt die österreichische Autorin. „Sie ist als lediges Kind geboren, ihre Mutter war eine Tagelöhnerin, der Vater ein Hilfsschullehrer – das war das Geringste, was man damals als Lehrer sein konnte.“ Für ein solches Mädchen habe es kaum Möglichkeiten gegeben, Wally dürfte aber intelligent gewesen sein und die Bürgerschule absolviert haben: „Die wenigen Briefe zeigen, dass sie gut geschrieben hat. Schiele konnte ja keinen geraden Satz machen, und Wally hat für Schiele auch die Buchhaltung gemacht.“

 

Klimt empfahl sie weiter

Mit 15Jahren kam Wally nach Wien und wurde Modell bei Klimt. „Da gibt's die Geschichten, dass Klimt sie dann an Schiele weiterempfahl, weil er sah, dass es gefährlich wurde, wenn Schiele immer nur kleine Mädchen malt. Klimt hat auch die Sitzungen bezahlt, denn Schiele war völlig pleite.“

Vier Jahre, von 1911 bis 1915, war Wally mit Schiele zusammen: Sie war sein Hauptmodell, kümmerte sich um den Haushalt, erledigte die Buchhaltung, und als er wegen angeblicher sexueller Übergriffe gegen Minderjährige in Untersuchungshaft war, kümmerte sie sich um Hilfe. „In der Zeit, in der sie in Neulengbach wohnten, kamen ständig die Kinder zu ihm, das hat die Wally immer mitgetragen – sie dürfte keine sonderlichen moralischen Skrupel gehabt haben.“

Doch dann heiratete Schiele eine Nachbarstochter – warum? „Ein Grund war offenbar, dass ein Modell einfach nicht standesgemäß war. Gerade nach seinem Prozess hat Schiele versucht, sich in der Gesellschaft zu etablieren, eine Ehe mit einem Modell wäre da schon sehr mutig gewesen.“ Auffallend sei, wie plötzlich die Heirat mit Edith Harms gekommen sei, ein Grund war wohl der Kriegsausbruch: „Wenn ein verheirateter Akademiker im Ersten Weltkrieg eingezogen wurde, durfte er die Ehefrau mitnehmen und mit ihr im Hotel schlafen.“

Für Walli war die Trennung schrecklich, erzählt Berger. „Er bot ihr an, sie soll weiterhin seine Geliebte bleiben, aber das wollte sie nicht. Sie meldete sich dann als Hilfsschwester beim Roten Kreuz. Ein Mal wurde sie noch in Wien bei Klimt gesehen, und es gab sogar ein Gemälde von ihr, das Klimt vermutlich 1916 gemalt hat. Doch es verbrannte am Ende des Zweiten Weltkriegs auf Schloss Immendorf.“

 

Aus „Mann“ wurde „Tod und Mädchen“

Wally starb 1917 in einem Landwehr-Marodenhaus in Sinj bei Split an Scharlach. Zu den berühmtesten Bildern, für die sie Modell stand, gehören neben dem „Bildnis Wally“ auch „Tod und Mädchen“ und „Kardinal und Nonne“ (bei dem Wally für beide Figuren posierte). „Tod und Mädchen“, sagt Berger, könne man als Schieles Abschiedsbild von Wally sehen – „wie er sie hält und gleichzeitig loslässt... Das Bild war noch nicht fertig, als Schiele sich mit der Nachbarin zusammentat. Es hieß ursprünglich „Mann und Mädchen“, aber als Schiele von Wallys Tod erfuhr, benannte er es in ,Tod und Mädchen‘ um.“

Hilde Bergers Roman „Tod und Mädchen“ erzählt Schieles Leben aus der Sicht von vier Frauen – darunter Wally Neuzil – und ist 2009 bei Böhlau erschienen. sim

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2010)

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