Bildende Kunst: Rostige Wächter der Höhen

Hundert nackte Männer hat Antony Gormley nach einer exakt ausgeklügelten Choreografie in einem Gebiet von 150 Quadratkilometern zwischen dem Vorarlberger Bregenzer Wald und dem Arlberggebiet ausgesetzt.

Bildende Kunst Rostige Waechter
Bildende Kunst Rostige Waechter
Antony Gormley – (c) AP (Ennio Leanza)

Hundert nackte Männer hat Antony Gormley nach einer exakt ausgeklügelten Choreografie in einem Gebiet von 150 Quadratkilometern zwischen dem Vorarlberger Bregenzer Wald und dem Arlberggebiet ausgesetzt.

Jede dieser mannsgroßen Figuren steht – GPS sei Dank – exakt auf 2039 Meter Seehöhe, wiegt 640 Kilogramm und ist in Eisen gegossen. Je nach Topografie sind sie zwischen 60 Metern und mehreren Kilometern voneinander entfernt und schauen in die unterschiedlichsten Richtungen. Direkt zugewandt ist keine einer anderen. Zwei Jahre lang werden die rostigen Männer in Habtachtstellung das „Horizon Field“, das Gormley im realen wie virtuellen Raum ausgesteckt hat, bewachen – und so den gebirgigen Naturraum zum erweiterten Denk- und Kunstraum machen.

Angelegt ist das als Experiment mit offenem Ausgang, wie der 60-jährige Brite Antony Gormley sagt, der es mag, seine Skulpturen außerhalb des musealen White Cube und dessen einschlägigem Publikum zu präsentieren. 2007 etwa, als er seine Figuren in Manhattan auf die Brüstungen von Hochhäusern stellte und damit für massive Irritationen sorgte, vier Jahre nachdem er bereits an der Küste Westaustraliens metallene Klone der lokalen Bevölkerung ausgesetzt hatte. Indem Antony Gormley die Kunst aus dem geschützten Raum holt und der vom Menschen gestalteten – oder wie bei „Horizon Field“ unberührten – Natur aussetzt, bekommt seine Arbeit eine neue Dimension. Wobei es ihm nicht wie einst Caspar David Friedrich oder vor wenigen Jahrzehnten Walter De Maria darum geht, die menschliche Großspurigkeit zu relativieren, indem das Individuum in seiner Kleinheit der Archaik der Natur gegenübergestellt wird.

Obwohl sich auch hier dieses Gefühl unmittelbar aufdrängt, geht es dem einzelgängerischen Briten in erster Linie um die Frage, welche Rolle das Projekt Menschheit in der Evolution des Lebens auf der Erde bzw. im Universum spielt, um die „Notwendigkeit einer radikalen Neuorientierung des kulturellen Ausdrucks, der ein neues Verständnis einer sich selbst regulierenden Biosphäre zugrunde liegt“.

 

Existenzielle Fragen an Skifahrer

Die existenziellen Fragen nach dem Woher und Wohin, nach der Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Masse, nach Raum und Zeit, Kultur und Natur sollen sich bewusst oder unbewusst alle stellen, die diesen eisernen Stellvertretern der Spezies Mensch in dieser zwischen domestizierter und hochalpiner Welt gelegenen Region begegnen: den Kunstsuchern genauso wie den „normalen“ Wanderern, den Skifahrern, Jägern oder Hirten.

Schutzlos freigegeben sind sie ihrem Finden oder Nichtfinden, ihren Berührungen, aber auch Aggressionen. Eine dieser Begegnungen scheint auf alle Fälle eine höchst liebevolle gewesen zu sein, wie der Kranz aus gelben Alpenblumen beweist, den jemand einer in der Nähe der Kriegeralpe hoch über Lech stehenden Skulptur um den Hals gelegt hat.

Antony Gormleys „Horizon Field“ ist eines der wichtigsten, in jedem Fall das größte in Österreich je im öffentlichen Raum realisierte Kunstprojekt, vor fünf Jahren initiiert vom damaligen Leiter des Kunsthauses Bregenz, Eckhard Schneider. Seine Umsetzung bedeutete eine formidable organisatorische und logistische Leistung. Vom Auftreiben des Budgets von 600.000 Euro – wovon zwei Drittel durch private Sponsoren gedeckt werden mussten– über das Überreden der zahllosen Grundbesitzer (nur zwei haben sich dem Projekt verweigert) bis letztlich zur punktgenauen Platzierung der 64 Tonnen rostigen Eisens mittels Hubschrauber im hochalpinen Raum und ihre unsichtbare Verankerung durch 29 Kubikmeter Beton.

Und so werden die hundert Skulpturen nun scheinbar barfuß in den kommenden zwei Jahren auf Wiesen und Felsen stehen, ausgesetzt dem unerbittlichen Wandel des Wetters und der Jahreszeiten. Um immer mehr zu einem integralen Teil der Natur zu werden, allein schon durch die Tatsache ihres permanenten Verrostens und somit zunehmenden Vergehens.

Information: www.kunsthaus-bregenz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2010)

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