„Frohe Weihnachten, wir müssen uns fürchten – wie absurd“

Lukas Pusch über die Verlogenheit von Heilsversprechungen von Künstlern und warum Moralapostel die wahren Zyniker sind. Der Künstler gestaltete die heurige Weihnachtsausgabe der „Presse“.

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(c) Michaela Bruckberger

Die Presse: Welche inhaltliche Klammer hält den Zyklus zusammen?

Lukas Pusch: Der gesamte Zyklus wird durch die Covergrafik auf den Punkt gebracht: eine persische Miniaturmalerei, die aus einem Werk des iranischen Philosophen Al Biruni stammt. Jesus und Mohammed reiten gemeinsam zum Propheten Jesaja. Damit beginnt die Reise. Man trifft auf dieser Reise alle Vorurteile und Obskuritäten, die es heute so gibt in Assoziation etwa mit dem Christentum und dem Islam.

 

In den Grafiken werden aber vor allem Vorurteile vonseiten des Christentums gegenüber dem Islam thematisiert?

Nein. Wenn man sich zum Beispiel die Ängste in der Türkei vor einer Christianisierung anschaut, dann weiß ich nicht, ob nicht der Schriftzug „Frohe Weihnachten“ unter der türkischen Moschee ein genauso obskures Vorurteil bestätigt wie „Allah ist groß“ über dem Stephansdom. Denn im Wesentlichen bedeutet es ja nichts anderes als „Gott ist allmächtig“.

Lukas Pusch: Covergrafiken der 'Presse'

Der Schrifttyp, den Sie für „Frohe Weihnachten“ verwendet haben, ruft Assoziationen hervor. Warum haben Sie ihn gewählt?

Das ist ein Schrifttyp, der in den Fünfziger- und den Sechzigerjahren am häufigsten in Trash- und Kriminalfilmen verwendet wurde. Da kommt Angst rüber. Frohe Weihnachten, wir müssen uns fürchten. Diese Angst vor einer Christianisierung ist ja absurd.

 

Meinen Sie, dass beide Religionsgruppen eine vergleichbare Angst vor der Übermacht der anderen haben?

Ob sie gleich groß ist, weiß ich nicht. Ich bin kein Wissenschaftler. Ich arbeite nach einem Prinzip der freien Assoziation. Mich interessieren Bilder. Meine Aufgabe ist es, Bilder zu finden. Bilder der Zeit, Bilder von heute. Mich interessiert sozusagen ein Dialog, eine Kommunikation mit der Gesellschaft in meinen Arbeiten. Und wenn ich ein Bild finde für gewisse Zustände, dann finde ich das gut – das ist genau das, was ich will. Ich will nicht moralisieren oder interpretieren. Ich will einfach nur ein Bild finden. Ob es unangenehm ist oder nicht, ist mir völlig wurscht, das ist nicht meine Aufgabe.

 

Das heißt, die Provokation ist nicht eingeplant?

Die Provokation ist unerheblich. Was ist denn die Provokation? Da wäre ich ja Pädagoge, wenn ich mir überlege, was kann den Betrachter provozieren und was nicht. Wenn ich bei meiner Arbeit anfange, so nachzudenken, dann wird nichts dabei entstehen.

 

Sie zeigen Ängste auf, aber was in dem Betrachter geschieht, wie er mit seiner Angst umgeht, ob er sie überwindet oder sich vielleicht darin bestätigt fühlt, ist egal?

Das ist mir völlig wurscht. Das ist ja lächerlich. Ich sitze hier in meinem Atelier mit meinem Messerl und graviere Holzplatten, und dann soll ich mir Gedanken machen, was der Herr XY oder der Nachbar dort drüben, der immer die Tauben füttert, dabei denkt, wenn ich ihm das Bild zeige? Man kann das doch ohnehin nicht beeinflussen. Das ist eine Allmachtsfantasie.

Wenn man ausgerechnet zu Weihnachten so einen Zyklus schafft, will man damit doch zumindest einen Eindruck hinterlassen. Welchen?

Schöne Bilder. In Wirklichkeit ist für mich diese Serie, mit deren Ergebnis ich sehr, sehr zufrieden bin, ein Plädoyer für die Vernunft. Ein Plädoyer für eine vernünftige Debatte. Ich halte es für absurd, auf der einen Seite die Verteufelung des Islam, auf der anderen Seiten die Vorwürfe gegenüber dem Christentum und der westlichen Welt. Aber ich halte es auch für absurd, wenn man aus lauter Vorsicht und Solidarität nichts mehr kritisieren darf.

Nehmen wir einmal unsere Kultur her, in Bezug auf das Christentum. Sie sind noch in der 60er-Jahren von der katholischen Kirche exkommuniziert worden, wenn Sie Psychoanalytiker werden wollten, weil das Teufelswerk war. Ist die Konsequenz daraus: Sigmund Freud lesen wir nicht?

 

Ihre Arbeit ist also auch ein Protest gegen die sogenannte Political Correctness?

Ich halte das für eine Pest.

 

Bei Ihrer Arbeit ist also kein Bürgerschreck-Moment dabei?

Es ist eher eine Einladung nachzudenken. Vielleicht gelassener auf alles schauen. Ich glaube, es wird eine der schönsten Zeitungsausgaben, die es je gegeben hat.

 

Aber Sie haben schon eine gewisse Lust daran, korrekte Vorstellungen zu konterkarieren und die Beschränkung auf eine politisch korrekte Sichtweise aufzusprengen. Ihr Projekt in Afrika hat 2006 auch für Aufsehen gesorgt. Sie haben das Elend in den Slums fast zynisch thematisiert.

Das war eine Performance, die ich in Kenia, in Nairobi, gemacht habe. Das war eine irre Situation, ich als Weißer unter lauter Schwarzen. Ich wollte mich auf das reduzieren, was ich bin: ein weißer Mitteleuropäer aus gutem Haus, der nicht hilft. Ich habe mir einen weißen Smoking gekauft und bin damit durch Mathare marschiert, das ist einer der größten Slums von Ostafrika, dort lebt rund eine halbe Million Menschen, ohne Kanalisation, ohne fließendes Wasser, ohne Müllabfuhr. Man kann sich das gar nicht vorstellen, wenn man nicht dort gewesen ist. Da liegt Leichen- und Fäkaliengeruch in der Luft, noch dazu hat es geregnet. Ich habe nichts anderes versucht, als ein Bild zu finden. Ich wusste ja nicht, wie die Leute auf mich reagieren. Ich wurde dort gefeiert wie ein junger Gott. Die Leute waren entzückt, dass einer, der so schön ist, zu ihnen kommt. Aus der Aktion entstand das Projekt „Slum TV“. In Wien warf man uns dann vonseiten der FPÖ vor, wir machten Propaganda. Das war mir schleierhaft.

Es fällt schwer zu glauben, dass Ihr Engagement mit der Fertigstellung des schönen Bilds aufhört.

In meiner Rolle als Künstler bin ich dazu da, Bilder zu schaffen, in welcher Form auch immer. Was ich grauenhaft finde, wenn ich etwa Bertold Brecht hernehme, diese Moralapostelästhetik, wo immer der Zeigefinger da ist, das ist doch nicht auszuhalten. Damit kann man mich jagen. Das ist für mich blanker Zynismus.

Ich halte es für spannender und ehrlicher, aber natürlich auch für kränkender, das muss man ehrlich sagen, wenn ich mich als Künstler reduziere auf mein Bild. Das ist eine massive Kränkung, weil der Künstler gerade in unserer christlichen Welt immer auch eine Heilsversprechung hat.

 

Sie meinen, es ist eine Kränkung für das Publikum?

Na selbstverständlich. Für den Künstler ist es eine Befreiung. Ich glaube, dass es eine große Sehnsucht innerhalb der Gesellschaft nach Heilsversprechen gibt. Das ist ja auch ein Grund dafür, warum der Populismus en vogue ist. Und warum das auch in der Kunst funktioniert. Und warum man dem Künstler per se auch irgendetwas Gutes umhängt.

Und das wollen Sie nicht?

Das lehne ich ab. Das ist ein Zynismus, weil es nicht stimmt. Meine Erfahrung im Umgang mit Bildern ist die, dass die Assoziationen grundsätzlich so vielfältig sind wie die Menschen selbst. Deswegen sage ich nicht, das bedeutet das und das. Weil die Leute damit ohnehin machen, was sie wollen. Das sollen sie auch.

 

Und wenn Sie vereinnahmt werden? Etwa von der FPÖ? Wenn H.-C. Strache das Bild vom Stephansdom mit „Allah ist groß“ nimmt und sagt, das ist genau das richtige Bild für mich?

Dann hat er einen guten Kunstgeschmack.

 

Was bedeutet Weihnachten für Sie?

Das hat sich für mich in den letzten Jahren sehr verändert.

 

Weil Sie Vater geworden sind?

Ja, weil ich ein kleines Kind habe. Ich muss gestehen, ich habe den Katholizismus sehr früh kennengelernt, meine Großmutter war eine sehr strenge Katholikin, und ich habe es gehasst. Ich fand es grauenhaft. Als Scheidungskind habe ich das alles als zutiefst verlogen empfunden. Ich war in einem katholischen Kindergarten mit Nonnen als Kindergärtnerinnen und ich empfand es als eine Tortur. In der Volksschule habe ich den Religionsunterricht hauptsächlich in der Ecke verbracht. Ich bin mit tiefster inbrünstiger Überzeugung im zarten Alter von 16 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Ich bin aber weiter in den Religionsunterricht gegangen. Ich wollte dann in Religion maturieren und durfte es nicht, weil ich nicht katholisch war. Das empfand ich als Diskriminierung.

Sehe ich Weihnachten als Familienfest, als Fest der Versöhnung und Vergebung? Da braucht man bitte nur am Samstag in Wien auf die Mariahilfer Straße gehen, das ist ja grauenhaft, was sich da abspielt an Hysterie.

 

Vielleicht gibt die Konsumwelt die Heilsversprechen, die die Künstler nicht gewillt sind zu geben?

Ja, genau (lacht). Für mich ist die Frage: Was ist denn da zynischer und was provokanter?

Aber nun freuen Sie sich auf Weihnachten?

Wie gesagt, Weihnachten hat sich für mich stark verändert. Bisher hatte ich zwei schöne Weihnachten. Das erste Weihnachtserlebnis, das nett war, war 1991 in Moskau, denn dort war einfach gar nichts. Das waren die ersten Weihnachten meines Lebens ohne Reklame. Das fand ich schön. Das war wirklich besinnlich. Da war eine Ruhe. Und das zweite schöne Weihnachten war letztes Jahr mit meiner schwangeren Frau, als das Kind schon im Bauch gestrampelt hat. Damals habe ich das erste Mal einen Baum gekauft. Was ich mit der Vaterschaft gelernt habe oder erkenne: Ich konnte mir vorher nie vorstellen, dass es einen Menschen gibt, den ich so lieb habe wie mein Kind. Das ist eine emotionale Ebene, die extrem berührt.

 

Feiern Sie mit Christbaum?

Mit Christbaum. Da freue ich mich schon sehr drauf. Und das habe ich bisher so nicht gekannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2010)

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