Es gibt keinen Bordone-Saal!

Wer auf den Spuren von Thomas Bernhards »Alten Meistern« ins Kunsthistorische Museum pilgert, darf sich wundern.

Kein anderer Saal des Kunsthistorischen Museums wird im Internet so oft erwähnt. Kein anderer so oft gesucht. Nach wie vor kommen Touristen oft nur zu einem Zweck in die Gemäldegalerie, nämlich um die berühmte Bordone-Bank im berühmten Bordone-Saal zu finden, dort, wo Thomas Bernhards Musikphilosoph Reger Platz nahm, um Tintorettos „Weißbärtigen Mann“ zu studieren, immer auf der Suche nach Fehlern, denn eines ist klar: Kein Kunstwerk ist perfekt, jedes ist fehlerhaft, man muss nur lange genug suchen. Aber wo ist er nur, dieser berühmte Saal?

Die Nachfolger von Irrsigler – jenes Saalwächters, der in den „Alten Meistern“ von Reger bestochen wird, den Bordone-Saal für ihn abzusperren– müssen die Fragenden enttäuschen: Erstens wurden die Tintoretto-Bilder seit 1985 – dem Erscheinungsjahr des Romans – mehrmals umgehängt und sind gar nicht mehr an ihrem alten Platz zu finden. Und zum zweiten: Es gibt gar keinen Bordone-Saal im Kunsthistorischen Museum! Gab es nie! „Das war eine reine Erfindung von Bernhard. Oder sagen wir: Es war poetische Freiheit. Für einen eigenen Bordone-Saal besitzt das Kunsthistorische Museum einfach nicht genug Bordones“, so Sylvia Ferino-Pagden, Leiterin der Gemäldegalerie.


Seipel suchte einen El Greco. Also nichts für Aficionados, die auf der Bordone-Bank Platz nehmen und einen Blick auf einen der bekanntesten Tintorettos der Welt werfen möchten. Mancher wäre vermutlich ohnehin enttäuscht: Der „Weißbärtige Mann“ ist zwar ein wunderbares Werk, farblich und formal extrem reduziert – aber um ihn zu schätzen, muss man die Porträtmalerei schon ins Herz geschlossen haben.

Übrigens hatten die „Alten Meister“ auch noch andere Nachwirkungen als durch das Museum irrende Touristen: Als Wilfried Seipel 1990 das Kunsthistorische übernahm, habe er sich, erinnert sich Sylvia Ferino-Pagden, umgehend auf die Suche nach einem El Greco gemacht. Denn wie heißt es in den „Alten Meistern“? „Das Kunsthistorische Museum hat nicht einmal einen Goya, nicht einmal einen Greco hat es.“ Und so etwas, lässt Bernhard seinen Musikphilosophen Reger sagen, sei für ein Museum wie das Kunsthistorische geradezu tödlich! „Keinen Goya, sagte er, das sieht den Habsburgern ähnlich, die ja, wie Sie wissen, keinen Kunstverstand gehabt haben, ein Gehör für Musik ja, aber keinen Kunstverstand. (...) Das Kunsthistorische Museum ist genau der dubiose habsburgische Kunstgeschmack, der schöngeistige, widerliche.“

Wie gesagt: Das sagt Reger, die Figur – nicht Thomas Bernhard, der Autor. Obwohl Bernhard immer gerne damit spielte, dass man ihn ab und zu mit dem Ich-Erzähler oder der Figur in einem seiner Dramen verwechselte und die Kunst für die Realität nahm. Die darauf oft folgenden Skandale– man denke nur an „Heldenplatz“ oder an „Holzfällen“ – waren durchaus eingeplanter Teil dieses Spiels.

Aber zurück zu El Greco und Goya: Mit dem von Wilfried Seipel geplanten Ankauf wurde es bekannterweise nichts: Das Kunsthistorische besitzt nach wie vor keinen El Greco. Aber immerhin brachte Seipel, offenbar von Bernhard angestachelt, Werke beider Künstler zu großen Ausstellungen nach Wien. Sie zählten zu den Glanzlichtern seiner Direktion.

Und vielleicht bekommt der Schriftsteller ja irgendwann dafür doch noch seinen Bordone-Saal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2011)

Kommentar zu Artikel:

Es gibt keinen Bordone-Saal!

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen