Judith Eisler: Die Galerie als Kino

Mit gemalten Filmstills wurde Judith Eisler zum Shootingstar. In ihrer Malerei lotet sie den Nullpunkt des Films aus.

(c) Christine Pichler

Ob es sie stören würde, im „artforum“ einen Artikel über ihre Arbeit zu finden? Ein Lächeln huscht über Judith Eislers Gesicht, als sie sich an diese Anfrage erinnert. Tim Griffin, damals Chefredakteur des renommierten US-Kunstmagazins, hatte sie irgendwann im Sommer 2004 vorgebracht. Unter dem Titel „First take“ sollten „12 new artists“ in dem Beitrag vorgestellt werden.
Selbstverständlich hatte die Künstlerin, die heute an der Wiener Angewandten Professorin für Malerei, Tapisserie und Animationsfilm ist, zu dem Zeitpunkt aber gerade 32 Jahre alt war und sich ihr Künstlerdasein nach dem Studium mit Restauratorenjobs finanzierte, nichts gegen den Bericht. Wie denn auch? Noch viel größer war allerdings die Überraschung, als die Nummer im Herbst herauskam und am Cover völlig unerwartet eine Arbeit von Judith Eisler abgebildet war. Eisler: „Das war für mich wie ein Cinderella-Traum!“ Die abgebildete Arbeit – „Smoker (Cruel Story of Youth)“ – zitierte eine Stelle aus einem Frühwerk Nagisa Oshimas und zeigte ein Close-up eines aus extremer Überkopfperspektive gemalten Gesichtes, wobei die dominanten Details, der geschminkte Mund, eine glühende Zigarette zwischen den Lippen und die Kinnpartie, am linken Rand des Bildes waren.

Markenzeichen: Filmgeschichte.
Das Bild sollte ein Meilenstein in Eislers Karriere werden. Nicht nur, dass „Smoker“ der Schlüssel zum Erfolg in einer der heißesten Phasen des Kunstmarkts war (Eisler: „Die Leute wussten Anfang der Nullerjahre ja gar nicht, was sie mit ihrem Geld machen sollten. Also kauften sie so lange Kunst, bis der Markt 2008 überhitzt zusammenbrach.“) In der wandfüllenden Leinwand ist auch das Konzept von Eislers Malerei in aller Vollständigkeit angelegt: Ein Realismus, der mit Abstraktion spielt. Eine luzide, fast altmeisterliche Maltechnik, die ihren Zusammenhang mit der feinen Arbeit des Restaurierens nicht verhehlt. Ein Oszillieren zwischen der Präzision bei der Darstellung von Details und der bewussten Gestaltung offener, unbestimmter Flächen. Und explizite Verweise auf die Filmgeschichte, die gleichsam Judith Eislers Markenzeichen geworden sind.
Also Malerei, die auch Medienkunst ist? „Definitiv, wobei mich am meisten Filme aus den 1960er- und 1970er-Jahren interessieren“, sagt Eisler. „Also aus einer Zeit, als es noch keine Blockbuster gab, als die Filme noch analog waren und eine eigene Art von Schönheit hervorbrachten.“ Das malerische Interesse der eingefleischten Cinephilen gilt dabei allerdings kaum den Filminhalten, sondern vielmehr der Beschaffenheit des Mediums, seinen unspektakulären Zufällen und Zwischenfällen. „Mich interessiert am meisten das, was vom Regisseur, aber nicht von der Kamera übersehen worden ist. Es bekommt eine eigene Dynamik dadurch, dass es im Film nicht wichtig ist“, sagt Eisler. Solchen Stellen spürt sie nach, wenn sie Filme am Computer oder am Fernseher nach Vorlagenmotiven durchforstet und dafür Kader um Kader, Bild um Bild immer wieder vor- und wieder zurückrollt, bevor sie sie fotografiert und vielleicht im digitalen Stadium noch einer letzten Überarbeitung unterzieht. Selten konzentriert sie sich dabei auf Lieblingsfilme oder Klassiker der Filmgeschichte.

Fasziniert von Romy Schneiders Zähnen. „Filme von Hitchcock sind für mich ungeeignet, weil er jedes einzelne Bild unter Kontrolle hat. Ähnlich geht es mir bei Fassbinder: Ich liebe seine Filme, doch ,stehlen‘ kann ich von ihm nichts, weil seine Filme zu dramatisch sind.“ Eher schon erweckt das Profil einer Liz Taylor mit den dichten, künstlich verlängerten Wimpern ihre Aufmerksamkeit, eine Schrägansicht Romy Schneiders, die Sonnenbrillen von Blondie oder eine Aufnahme Mick Jaggers in action. „Da Filme mein Ausgangsmaterial sind, liegt es in der Natur der Sache, dass ich Stars male. Dennoch geht es nie um deren Berühmtheit und Kultstatus. Viel mehr interessiert mich das ,Dazwischen‘ – der Raum zwischen den Kadern, zwischen den Bildern und schließlich auch zwischen den Bildern und ihren Betrachtern. Dieser Raum hat für mich eine emotionale Resonanz. Er ist ein psychologischer Raum – ein Raum des kollektiven Unbewussten, den ich malerisch wie eine Landschaft behandle.“ Eine Landschaft, die vor allem atmosphärische Qualitäten hat und auf diese Weise die Malerei, deren Farbpalette sich in den neuesten Arbeiten mehr und mehr gelichtet hat, zum Flirren bringt – bis hin zur Abstraktion.

Kein Zufall, dass Eisler ihre neuen Bilder, die sie nun in ihrer mittlerweile fünften Soloshow in der Wiener Stammgalerie Krobath zeigt, unter dem von den Impressionisten entlehnten Titel „Plein Air“ zusammenfasst. „Ich male sehr traditionell und trage die Farbe sehr dünnflüssig und in vielen Schichten auf. Es ist für mich ein Weg, das zu malen, was die Malerei selbst ausmacht, und nicht die Fotografien, von denen ich ausgehe, abzumalen oder zu kopieren. Malerei ist für mich die Dokumentation eines Sehprozesses. So begann mich etwa ein Bild mit dem Gesicht Romy Schneiders vor allem aufgrund des schimmernden Glanzlichts auf den Zähnen zu interessieren. Es fasziniert mich, wenn sich etwa ein Close-up, wenn man nah an die Leinwand herantritt, zu einer Landschaft auflöst.“

TIPP

Galerie Krobath in Wien, Judith Eisler, "Plein air", 18.1.– 29.2. Eröffnung: 17.1. um 19 Uhr

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