Politische Karikatur: Die gezeichnete Stimme des Volkes

Ein Rundgang durch die Ausstellung im Parlament zeigt, Wie harmlos die angeblich scharfen Karikaturen sind. Barbara Prammer ist neugierig auf die Reaktionen der Abgeordneten.

(c) Clemens Fabry

Sie sei „neugierig“ auf die Reaktionen der Abgeordneten, meinte Nationalratspräsidentin Barbara Prammer bei der Eröffnung der jüngsten Ausstellung im Parlament: Verteilt über mehrere Sitzungszimmer werden in nächster Zeit politische Karikaturen von elf österreichischen Künstlern zu sehen sein, die Abgeordneten seien also tagtäglich mit gezeichneter Kritik an sich konfrontiert. Michael Frank, scheidender „SZ“-Korrespondent in Österreich, sekundierte Prammer und meinte: In den kommenden Wochen würden den Politikern die „spitzen Federn im Nacken“ sitzen.

Ein Rundgang durch die Ausstellung zeigt allerdings: Die Politiker müssen sich nicht allzu sehr fürchten. Kränkt sich Maria Fekter etwa, wenn sie – in Anspielung an den Troubadix im gallischen Dorf – an einen Baum gefesselt gezeigt wird? Der ÖVP-Klub gröhlt die alte Bundeshymne, während Fekter hartnäckig von Töchtern und Söhnen singt. Eh nett. Da wirken die Statements der Abgeordneten nachgerade kokett, wenn sie davon sprechen, die Arbeiten würden manchmal „wunde Punkte“ treffen.

Der Österreicher wird ausgewrungen

Vielleicht ist es auch so: Politikerbeschimpfungen sind so salonfähig geworden, dass die Karikaturen, die hier gezeigt werden, gegenüber dem Tenor der meisten Postings nachgerade harmlos wirken. Sogar dann, wenn Josef Pröll unter dem Titel „Da muss noch etwas drin sein“ einen Österreicher auf der Suche nach dem letzten Steuergroschen wie einen nassen Fetzen auswringt (Sinisa Pismetrovic). Oder wenn Rachel Gold, die einzige Frau in der Ausstellung übrigens, Faymann, Pröll, Strache, Petzner und Glawischnig zeigt, wie sie allesamt einfältig vor sich hin stieren. Darüber steht in einer großen Denkblase nur ein Wort: „Blopp“. Dass Politiker alle deppert sind, hört man an jedem Würstlstand und in jedem Theaterfoyer, mittlerweile auch in jeder Schulklasse, wenn man danach fragt – da ist die Verbildlichung dieses Vorurteils eigentlich eher ein sich anbiedernder Akt denn ein subversiver.

Nicht zufällig hat die böseste Karikatur der Ausstellung darum gar nicht mit der Politikerkaste zu tun, sondern betrifft die Österreicher selbst. Ein Trachtenpärchen, wohlbeleibt – und daneben steht geschrieben: „Yes, we could“ (Thomas Wizany).

Kommt hinzu, dass das Genre der Karikatur gar nicht dazu gedacht ist zu entlarven, auch wenn das immer wieder betont wird. Entlarven müssen andere, von einer Zeichnung ist das zu viel verlangt: Die Mittel der politischen Karikatur sind nun einmal vor allem die der Zuspitzung. Sie kann nicht argumentieren, sie verlangt vom Betrachter politisches Vorwissen – und nimmt vor allem Gedanken, Probleme, Ressentiments auf, die in der Luft liegen. Kein Wunder, dass sich die Themen gleichen: der Euro (er ist krank oder tanzt ganz im Gegenteil vergnügt im strömenden Regen), die Belastung des Mittelstands (den Markus Szyszkowitz unter ein riesiges Sparschwein legt), die Patzer von Darabos (gern mit Zielscheibe dargestellt) oder die Reformunfähigkeit der Politiker (ein Würstelstand, auf dem groß „Stillstand“ steht und wo es statt Debreziner und Frankfurter Faymann und Neugebauer zu kaufen gibt).

Dabei stehen den Karikaturisten verschiedene Mittel zur Verfügung: Michael Pammesberger greift etwa das Problem der alternden Grünen in einem amüsanten Gedankenspiel auf und zeigt einen im Rollstuhl sitzenden Haudegen, der mit den Worten „Sie, ich habe in Hainburg gekämpft“ fiktiven Gegnern droht. Andere nutzen in guter alter Witztradition die Tatsache, dass ein Wort in verschiedenen Kontexten Unterschiedliches bedeutet. Josef Pröll, eines der Lieblingsobjekte der Karikaturisten, steht da in einer Herde schwarzer Schafe und ruft: „Ja, sollen sie rot sein vielleicht?“ (Rachel Gold). Und Erich Schatz alias Bul arbeitet gern und raffiniert mit Metaphern: Sein Atlas steht für Europa, das die Währungsunion stemmen muss. Griechenland rollt als Sisyphus sein Budget auf den Berg und bittet den ächzenden Atlas: „Kannst du mir nochmals helfen?“

Ein Praktiker der Ironie ist Gustav Peichl, der seit 1954 für die „Presse“ zeichnet und verdienstvoll ältere Arbeiten zeigt – und damit demonstriert, dass sich manches nicht geändert hat. „Alte Regierung neu gewickelt“ heißt eine seiner Karikaturen von 1959 – sie zeigt Kreisky als Baby, auf seinem Latz steht „Bruno 2“ (Bruno 1 ist Pittermann). Er schaut schon aus wie in späteren Karikaturen, samt wellig fliehendem Kopfhaar.

Peichl arbeitet subtil. Andere sind da grober: Sie vergleichen Politiker mit Würsteln oder Affen. Trotzdem, die Kommentare des Publikums sind in jedem Fall schmerzhafter. Vor einer Karikatur stehend, die einen in der Sonne schwitzenden Josef Pröll und einen vor Arbeit schwitzenden Faymann zeigt, meint ein Zuschauer süffisant: Ach, der Pröll, der schwitzt doch immer!

Informationen unter www.parlament.gv.at, Unterverzeichnis: Gebäude und Führungen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2012)

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