Museum Gugging: Mit Walla bis zum „Weltallende“

Eine große Retrospektive auf August Walla betont seine Bedeutung als eigenständiger Universalist, als Maler, Dichter, Fotograf, Land-Art-Künstler. Dafür müsste nicht jeder Kieselstein ikonisiert werden.

(c) Art Bru KG

Es gibt genau drei Namen, die man kennen sollte, möchte man nicht zu den Outsidern gehören, die sagen, dass die Kunst von Outsidern gar keine Kunst sei: Johann Hauser, Oswald Tschirtner und August Walla – die Stars der Künstlerkolonie in Gugging, die einst auf dem Gelände der Nervenheilanstalt vom mittlerweile verstorbenen Psychiater Leo Navratil gegründet wurde. In den 60ern und 70ern, der Zeit der großen Kämpfe in der bildenden Kunst, war die Art Brut, die „rohe“ Kunst der Autodidakten, wie die Strömung in Europa genannt wird, ein Aufreger. Allen Kollegen voran pilgerte Arnulf Rainer nach Gugging und setzte sich für die Anerkennung der „Kunst der Geisteskranken“ ein. Gugging war der heiße Tipp für die große Inspiration, 1970 fand in der Avantgarde-Galerie nächst St. Stephan die erste Ausstellung der Gugginger statt.

So viel zu vergangenen Modehypes. Heute hat sich die Lage beruhigt, ist dafür professioneller geworden: Die Kunst, nicht die Krankheitsgeschichte, soll im Vordergrund stehen. Navratils Nachfolger Johann Feilacher hat das einstige „Zentrum für Kunst- und Psychotherapie“ in „Haus der Künstler“ umbenannt. Es ist voll besetzt, ein offenes Atelier, eine Stiftung, ein Museum und eine Verkaufsgalerie wurden eingerichtet. Ehrgeizige Künstler pilgern heute keine mehr hierher. Und „Outsider Art“, wie man international sagt, ist eine Nischenkunst unter vielen.

 

Ausnahme Walla: Aus eigenem Antrieb

Schlagzeilen macht sie keine mehr, in die Kunstgeschichte sind nur einige wenige Art-Brut-Künstler der Pionierzeit eingegangen, etwa der Schweizer Adolf Wölfli. Oder eben Hauser, Tschirtner, Walla. Letzterer ist nicht nur ein Ausnahmekünstler der österreichischen Nachkriegszeit. Er ist auch ein Ausnahmekünstler innerhalb der Art Brut – das zeigt und betont die große Retrospektive, die gestern im Gugginger Museum eröffnet wurde: Walla ist weltweit einer der wenigen Art-Brut-Künstler, die schon Kunst machten, bevor sie in die Psychiatrie kamen, die Kunst aus eigenem Antrieb heraus schufen.

Johann Hauser etwa zeichnete vor allem, um Frauen zu beeindrucken. Oswald Tschirtner gab sich als Sir, der erst lange gebeten werden wollte, bis er zum vorbereiteten Stift griff. So erzählt es jedenfalls Johann Feilacher. Nur August Walla bemalte und beschriftete alles, was ihm unter die Finger kam im Zeichen seiner Privatmythologie, mit Ausdrücken aus über 30 Wörterbüchern von Afrikaans bis Lateinisch: Türen, Hauswände, sein Zimmer, Bäume, Steine, Koffer, Tischtücher, ja, den Beton unter seinen Füßen. Er schrieb tausende Seiten konkreter Poesie auf seiner Schreibmaschine, mit einem Finger tippend. Er schoss inszenierte Fotos, in denen etwa seine Mutter eines seiner Schilder hält. Er legte seine Markierungen aus in der Donau-Au, er verwandelte seinen Schrebergarten in ein Schrottparadies. Er war ein großartiger Gesamtwerkskünstler und muss u.a. im Vergleich mit dem Kunstdiktatur-Propheten Jonathan Meese, mit Christoph Schlingensief oder dem slowakischen Einzelgänger Stano Filko gesehen werden.

Was aber „fehlte“ August Walla eigentlich? Feilacher, der Psychiater und Walla-Begleiter, ist sich nicht ganz sicher – ein paar Neurosen und ein Identitätsproblem konstatiert er jedenfalls. Kein Wunder. Zog die Mutter, eine männerhassende Postlerin, Walla in der NS-Zeit doch als Mädchen auf. Ohne Mann. Da Hitlers Stimme aus dem Radio die einzige männliche war, mit der Walla aufwuchs, dachte er sich später als Sohn Hitlers, so erklärt sich das „Adolfe“, das immer wieder in den Bildern auftaucht. Walla dachte auch, er sei erst von den russischen Besatzern zum Buben umoperiert worden – daher sind Hammer und Sichel bei ihm ein Männlichkeitssymbole. Das linksdrehende Hakenkreuz dient als weibliches Gegenstück.

Immer wieder musste Walla sich vergewissern oder verungewissern, welches Geschlecht er doch habe, in seinem Selbstverständnis als Christ durften da Adam, Eva, Teufel und Gott nicht fehlen. Und das Paradies natürlich, das „Weltallende“. Die gleichnamige Ausstellung versucht all das aufzuarbeiten, im neuen, fünfbändigen Katalog-Ziegel geht man sogar so weit, jeden bemalten Kieselstein zu ikonisieren – keine Angst, der Platz in der Kunst ist ihm sicher!

Trotzdem werden spannende Fragen aufgeworfen. Etwa vor den großen Leinwandbildern stehend, zu denen Feilacher Walla für eine Mumok-Ausstellung inspiriert hat: Wie weit ist die Art Brut tatsächlich die „unbefleckte“, von Einflüssen unberührte Kunst, als die sie gefeiert wird? Vor allem – warum soll das überhaupt ein Qualitätskriterium sein? Walla, der in einer alten Kaserne in Klosterneuburg hauste, zog mit seiner dementen Mutter freiwillig nach Gugging – sind dann etwa alle Künstler mit Neurosen und engen Mutterbeziehungen Art-Brut-Künstler? Und apropos Mutter – wo bleiben die auffällig unterrepräsentierten Art-Brut-Künstlerinnen? An Wallas Werk zwischen den Welten wird vieles brüchig, schärfen sich die ewigen Fragen der Art Brut zur Attacke auf uns, im scheinbar sicheren Lager: Wo sind die Grenzen? Gibt es überhaupt welche?

Auf einen Blick

August Walla wurde 1936 in Klosterneuburg geboren, 1983 zog er mit seiner Mutter in die Nervenheilanstalt Gugging, ins heutige „Haus der Künstler“ ein. Schon zuvor bemalte, beschriftete, fotografierte er seine Umwelt, Bäume, Häuser, Steine etc. Er ist einer der renommiertesten Vertreter der Art Brut, der „rohen“ Kunst. Er starb 2001 an Krebs.

Die Ausstellung im Gugginger Museum läuft bis 28. 10., www.gugging.orf, Di–So 10–18h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2012)

Kommentar zu Artikel:

Museum Gugging: Mit Walla bis zum „Weltallende“

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen