Kunstsammler: Extrem berechnend und unglaublich berührend

Wer sind die jüdischen Kunstsammler von heute? Hedgefonds-Manager Eduard Pomeranz etwa. Im Jüdischen Museum zeigt er erstmals seine ehrliche, aber eigenwillige Methode, internationale Kunst zu sammeln.

(c) IVO KOCHERSCHEIDT

Wie ein mahnender Wächter steht sie da, groß, starr, bedrohlich bunt, am Ende des ersten Teils der Erstpräsentation der Privatsammlung Pomeranz. Der Sammlung des in Wien lebenden, in Odessa geborenen Hedgefonds-Managers, des „bösen“ parasitären Kapitalisten, des „guten“ jüdischen Immigranten. Eine moralisch delikate Situation für die alles sofort schubladisierende Gutmensch-Kunstszene.

Die folkloristisch anmutende Stofffigur am Ende des ersten Stockwerks drängt aber darauf, erst ihre eigene Geschichte zu erzählen. Der in New York lebende, 1975 in Puerto Rico geborene Künstler Ignacio Gonzalez-Lang hat sie erfunden: Bei einer Schneiderin, mit drastischem Ku-Klux-Klan-Hintergrund, hat er eine der typischen Roben bestellt. Dann ließ er sie von einer mexikanischen Einwanderin in New York mit traditionellen Mustern besticken. All over. Zwei entgegengesetzte Kulturen, die rassistische und die immigrantische, prallen hier nicht zusammen, sondern verschmelzen zu einer erschreckend schönen Chimäre.

Kunst und Kohle. Zwei gerne zu ähnlich extremen Gegensätzen stilisierte Welten. Sie treffen in dieser Ausstellung aufeinander und bereiten eine ästhetisch ähnlich überraschende Freude. Man mag es gar nicht fassen. Nicht einmal diese sonderbare Leidenschaftslosigkeit, die alle Vorab-Porträtisten Eduard Pomeranz attestiert hatten, als sie ihn in seinem coolen Büro im Wiener Galaxy-Tower besuchten, kann man nachvollziehen.

Die Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, seine Stimme überschlug sich vor Begeisterung, als er die Journalisten durch seine Ausstellung trieb. Er sprach von seiner sofortigen Liebe zu Sigalit Landaus praktisch unverkäuflicher Installation „Compressed Household“. Die Israelin presste brutal Hausrat aus ihrem Elternhaus zwischen zwei Wandfragmente, eingespannt und in Schwebe gehalten von zwei Baugerüststangen.

 

Im Osten, wo alles begann

Er schwärmte vom albanischen Künstler Adrian Paci, von dem sein Lieblingsbild stammt: „Back Home“, das Foto einer im Westen erfolgreichen Emigrantenfamilie, posierend vor einer gemalten Kulisse, die das Wohnzimmer zeigt, in dem einst alles begann. In das die betagte Mutter zwar noch passt wie angegossen. Aber ihre Kinder und Enkelkinder? Die Schuhe vielleicht gerade noch...

„Man wird die Muttermilch eben nie ganz los, im positiven wie im negativen Sinn“, bemerkt Pomeranz dazu. Es ist nicht schwer, sich aus dieser Sammlung globaler Biennale-Kunst – also vorwiegend Konzeptkunst, die noch irgendwie leistbar, international aber schwer angesagt ist – ein Porträt des Sammlers zusammenzubasteln. Mag er seine Künstler jetzt nach einem ausgefeilten Computersystem aussuchen – „ich komme eben aus der Mathematik und Statistik“. Mag er manche Werke vor allem aus Spekulation heraus kaufen, man merkt es ihnen an, zwei Arbeiten Paul Chans etwa – „ja, das möchte ich gar nicht verheimlichen“. Mag er sich vor jedem Kauf mit dem Kurator Ami Barack beraten – er macht seinen Job anscheinend sehr gut. Denn vor allem erzählen die Arbeiten darüber, wer Pomeranz ist. Erzählten über seine Fragen nach Entfremdung und Heimat, seine jüdische Herkunft, sein Geschäft, die Familie.

So liegt ein Schwerpunkt klar auf den immer noch unterbewerteten Künstlern aus dem ehemaligen Ostblock. Ein toller Raum etwa ist mit historischen Performance-Fotos von Marina Abramovic und ihrem damaligen Partner Ullay bestückt. Eine schöne Brücke zum Judentum schlägt der aus Altmetall zusammengebastelte Davidstern des Slowaken Stano Filko, ein utopisches Zeichen seines komplizierten Weltenkonstrukts.

Die Neonschrift „The Weeping Wall Inside Us All“ des Kollektivs Claire Fontaine spricht in ihrer Poesie für sich. „Fremde überall“, eine andere Neonschrift des italienisch-britischen Duos, gab der Ausstellung den Titel. Hat man diesen Faden einmal aufgenommen, man kann ihn schwer verlieren.

 

Valie Exports „Genitalpanik“

Vor allem aber beeindruckt der kritische Blick aufs Eigene, den sich Pomeranz von den Künstlern abgeschaut hat. Nicht nur eine Arbeit thematisiert, was den Sammler treibt: der finanzielle Erfolg, das Geld. „Geschäft ist Geschäft“, hat die junge Rumänin Mircea Kantor in leuchtender Spiegelschrift an die Wand geschrieben. „Which Light Kills You“ nennt sie das Foto einer Glühbirne, an der tote Mücken kleben. Der Leuchtkasten hängt sonst übrigens in Pomeranz' Küche.

Im Keller hängt das, was hier im Museum von einem Vorhang (und einem warnenden Schild) geschützt wird. Und zwar aus denselben Gründen. Weil eine Vielzahl religiöser Besucher mit nackter weiblicher Scham spontan überfordert sein könnten. Von Valie Exports „Genitalpanik“. Und von Leigh Ledares Erforschung seiner inzestuösen Beziehung zu seiner Mutter, einer Pornodarstellerin.

Man hat sich entschieden, diese Arbeiten zu zeigen. Man hätte nicht müssen. Der Vorhang davor ist zu überwinden. Wie die Vorurteile über die beiden Welten, über Kunst und Geld, die angeblich nicht zusammenpassen. Es gibt nicht viele Sammler dieser Qualität in Österreich. Man kann sie an einer Hand abzählen.

Auf einen Blick

Die Ausstellung „Fremde überall“ ist die erste Präsentation der Sammlung von Eduard Pomeranz. Er wurde 1969 in Odessa geboren, kam als Siebenjähriger nach Wien. Seit 2007 sammelt er, mit Hilfe eines Computerprogramms und eines Beraters. Die Sammlung umfasst rund 200 Werke.

Öffnungszeiten: Bis 7.10., So–Fr, 10–18h. Dorotheergasse11, WienI.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2012)

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