Regionale12: Oberwölz sperrt die Welt aus

Das steirische Festival für zeitgenössische Kunst und Kultur steht heuer unter dem Motto „Stadt, Land, Fluss“. Einer der teilnehmenden Orte schließt die Tore.

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(c) REGIONALE12, Foto: Gunilla Plank

Am Samstag um 24 Uhr ist Schluss. Da werden die drei Stadttore geschlossen. Zweieinhalb Tage lang wird es in Oberwölz kein Kommen und Gehen geben. Wer drinnen ist, bleibt drinnen. Wer draußen ist, bleibt draußen. Die Stadt wird im Rahmen der Regionale12 zum Experiment.

Was passiert, wenn sich eine Stadt im Gesamten dem Alltagsfluss verschließt? Gunilla Plank hofft, auf diese Frage am Montag um drei Uhr, wenn die Stadttore wieder öffnen, eine Antwort zu haben. Die Architekturstudentin und Oberwölzerin hatte die Idee zum Stadtexperiment. „Mir ging es darum, etwas zu entwickeln, was nur Oberwölz machen kann“, erklärt Plank der „Presse“: „Alle obersteirischen Gemeinden setzen auf das Prädikat ,klein, grün und familienfreundlich‘. Dieser Generalisierung, vor allem im touristischen Bereich, wollte ich etwas entgegensetzen.“ Das Alleinstellungsmerkmal der alten Handelsstadt ist die vollständig erhaltene Stadtmauer mit ihren drei Stadttoren und Wehrtürmen. In einer demokratischen Abstimmung haben die Oberwölzer entschieden, sich aus dem Lauf der Welt auszuklinken und eine Performance-Aktion im Verborgenen aufzuführen. Leicht war die Entscheidungsfindung nicht. „Zuerst war die generelle Meinung: Das kann man doch nicht machen, das geht doch nicht“, erzählt Plank. Doch mit dem Entschluss, sich der Außenwelt temporär zu verschließen, seien Grenzen in den Köpfen gefallen, die Möglichkeiten des Machbaren auf einmal groß.

Ab 20 Uhr wird das Zumachen heute mit Musik und Schauspiel inszeniert und zelebriert. Um Mitternacht werden die Tore geschlossen. Dann wird geschaut, was passiert, wenn man sich aufs Miteinander konzentriert. Und was die Stadt zu bieten hat. Wo ihre Grenzen liegen, und wie man diese erweitern kann. Langweilig dürfte es den knapp 1000 Bewohnern nicht werden. Es wird Stadtführungen durch Privathäuser geben, Diskussionen, Aufführungen, auch kollektives Sockenstricken. „Es ist schön zu sehen, dass viele gebürtige Oberwölzer extra für dieses Wochenende wieder in die Heimat zurückkehren, um sich einsperren zu lassen“, sagt Plank. Durch das gemeinsame Projekt wachse die Stadt mehr zusammen. „Der Umgang der Bewohner miteinander hat sich schon im Vorfeld positiv verändert.“ Eigens dokumentiert wird die „Intervention“, wie Plank das Stadtexperiment bezeichnet, nicht. „Uns geht es ums Erleben und wie sich jeder Einzelne mit dieser neuen, ungewohnten Situation auseinandersetzt.“ Die Regionale12 sieht Plank als „ein großes Wachrütteln“ für Murau. Die Region ist gezeichnet durch Abwanderung und immer wieder, so auch aktuell, durch starke Unwetter. Seit die Region den Zuschlag für das Festival bekommen hat, war Plank am Überlegen, wie Oberwölz sich beteiligen könnte. „Das Paradoxe ist, dass Oberwölz sich durch den Akt des Zumachens eigentlich öffnet“, sagt Plank.

Oberwölz ist aber nicht die einzige Bühne für eine Stadtintervention. Unter dem Titel „Sie befinden sich hier“ werden die Innenstadt von Murau sowie der Ortskern von St. Lambrecht von Künstlern erforscht. Das Festivalzentrum in Murau ist Teil dieser Aktion. Entworfen von dem Architektenduo Peter Fattinger und Veronika Orso sitzt es krakenähnlich inmitten des Hauptplatzes und lädt zum Erkunden des Festivals ein.

Steirisches Kulturfestival

Die Regionale findet seit 2008 anstelle der Steirischen Landesausstellung statt – alle zwei Jahre in einer anderen Region: 2008 in der Südoststeiermark (Motto: „Diwan – Grenzen und Kongruenzen“), 2010 im Bezirk Liezen („In der Mitte zum Rand“).

„Stadt, Land, Fluss“ ist das Motto der Regionale12 im Bezirk Murau, es beteiligen sich 20 Gemeinden und mehrere 100 Aktive. Ob die Regionale selbst an ihre Grenzen stößt, ist noch ungewiss. Erst nach Ende der Regionale12 wird der steirische Wirtschafts- und Kulturlandesrat Christian Buchmann über den Fortbestand des Festivals für zeitgenössische Kunst und Kultur entscheiden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)

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