„Wider die politische Farbenlehre!“ und weitere fixe Positionen

„Ein Museum ist kein luftleerer Raum, sondern immer Bestandteil einer öffentlichen Debatte“, sagt der Grazer Universitätsprofessor Dieter A. Binder. Interaktion mit der Gesellschaft sei wichtig. Und es sei „Konsens“, dass man sich „einer solchen politischen Debatte nicht entziehen kann“.

Zukünftiger Eingang zum Haus der Geschichte Österreich
Zukünftiger Eingang zum Haus der Geschichte Österreich
Zukünftiger Eingang zum Haus der Geschichte Österreich – © Hejduk/Österreichische Nationalbibliothek

 

Das Haus der Geschichte Österreich soll nicht zu sehr in der politischen Farbenlehre wurzeln. Was ist damit gemeint?

Ich denke, dass ein Museum immer Bestandteil einer öffentlichen Debatte ist. Ein Museum schwebt nicht im luftleeren Raum, sondern kann nur in Interaktion mit der Gesellschaft stattfinden.

Dieter A. Binder

„Historiker und Kulturwissenschaftler stehen im Verdacht, diese politischen Positionen zu bedienen. Und genau das passiert beim HdGÖ nicht.“ Hier gehe es um den Versuch einer Annäherung an historische Fragestellungen „aus der Historizität heraus und nicht aus einer politischen Positionierung“.

Historische Debatte vonnöten
Andererseits stehen Parteien letztlich nicht nur für Politik, sondern für Lebensprinzipien, oder? Binder: „Das Problem bei uns ist, dass Grundsatzentscheidungen sehr stark aus parteipolitischen Positionen heraus diskutiert werden.“ In anderen Staaten seien Museen oder Häuser der Geschichte „längst konsensual über die Bühne gegangen“, sagt Binder. „Bei uns hat das unendlich lang gedauert. Und da waren sicher über weite Strecken auch parteipolitische Befindlichkeiten im Spiel.“ Die Ursachen aber liegen tiefer: „Eine große Rolle spielt, dass man lange Zeit keine historische Debatte geführt hat“, meint er. Solche Themen seien immer nur im Wahlkampf aktiviert worden, danach habe man „wieder sehr pragmatisch miteinander zusammengearbeitet“.

Man sehe das „sehr schön, bei den Wahlen 1945. Es gab einen antinationalsozialistischen Grundkonsens. 1949 hat es bereits ein Wettrennen um die Stimmen der ehemaligen Nazis gegeben. Die Erste Republik und der sogenannte Ständestaat, das wurde nie ausdiskutiert. Das Lager der ÖVP hat dem Austrofaschismus 1945/46 eine klare Absage erteilt. Aber nach 1949/50 wird daraus ein Justamentstandpunkt eines kleinen Teils innerhalb der ÖVP.“ Und Binder weiter: „In dem Ausmaß, wie die Politik entideologisiert worden ist, hat man historische Versatzstücke genommen, um immer wieder ideologische Positionen für die eigene Anhängerschaft deutlich zu machen, ob das nun bei der Volkspartei das völlig widersinnige Festhalten am Dollfuß- Bild im Club war, von dem keiner gewusst hat, wie es dorthin gekommen ist, oder die Hysterie der SPÖ 2000, als man Khol und Schüssel mit Dollfuß gleichgesetzt hat. Ich glaube, Robert Menasse hat das einmal die ,Maßlosigkeit des Befürchtens‘ genannt.“ Kann ein Museum öffentliche Debatten ersetzen? Binder:

Vor allem die Geschichte der letzten 100 Jahre war stark an fixe politische Positionen gebunden

erläutert der Grazer Universitätsprofessor Dieter A. Binder, der einer der wissenschaftlichen Berater des HdGÖ ist.

„Brauner Mief“ schwand
Diese Positionen, ist Binder überzeugt, „werden beim HdGÖ auch deutlich gemacht. Ich glaube, dass in der Zwischenzeit der politische Konsens darüber vorhanden ist, dass man sich einer solchen politischen Debatte nicht entziehen kann.“ Kuratoren und wissenschaftliche Berater arbeiten auch dafür beim HdGÖ eng zusammen.

Wie weit ist der Nationalsozialismus bewältigt? „Es gab große Fortschritte“, betont Binder, „das hängt auch mit dem Abtreten einer Generation zusammen. Die Larmoyanz und der braune Mief verlieren sich mit der Modernisierung der Gesellschaft ab den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren. Diese ist durchaus gelungen, das soll man nicht krankreden. Es hat aber eine lange Latenzphase gegeben, in der man auf die ehemaligen Nazis in der Bevölkerung Rücksicht genommen hat.“

Für die Zukunft hofft Binder auf „einen selbstbewussten Staat, der zu seiner Geschichte steht“. Ein gutes Modell hierbei sei Deutschland, das mit seinen historischen Museen und Ausstellungen „Vorbildhaftes geleistet hat“. Als Signal für eine gute Zukunft des neuen Museums sieht Binder, dass hochrangige Experten wie der Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Republik Deutschland in Bonn, Prof. Dr. HansWalter Hütter, oder aus Wien Oliver Rathkolb, Universitätsprofessor für Zeitgeschichte an der Universität Wien, wichtige Unterstützer des HdGÖ-Teams sind.

Auf einen Blick

Univ.-Prof. Dieter A. Binder, geboren 1953, ist  wissenschaftlicher Berater des HdGÖ in Wien. An der Uni Graz und an der Fakultät für Mitteleuropastudien der Andrássy Universität in Budapest lehrt er neue österreichische Geschichte und Zeitgeschichte.

Weitere Informationen zum Haus der Geschichte Österreich finden Sie auf www.hdgoe.at


 

 


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