Karo allover: Die Secession im schottischen Tartan-Look

Karos, schwarze Puppen, große Schmetterlinge: Die junge englische Künstlerin Anthea Hamilton, 2016 Turner-Preis-Nominierte, schlägt den White Cube der Secession sozusagen mit seinen eigenen Waffen.

Alles, nur nicht weiß, sondern voll das Ornament: Einblick in den Hauptraum der Secession von Anthea Hamilton
Alles, nur nicht weiß, sondern voll das Ornament: Einblick in den Hauptraum der Secession von Anthea Hamilton

Es gibt einfach Ausstellungen, über die darf man sich nichts erzählen lassen, von Kuratorinnen nicht, von Künstlerinnen nicht, da geht es dann um "offene Räume" und irgendwelche "offenen Antworten" auf Fragen, bei denen man irgendwas rationalisieren soll. Dabei ist rund um einen die wunderschönste Hölle los! Im Hauptraum der Secession etwa zur Zeit, wo die britische Künstlerin Anthea Hamilton (*1978) einen Traum in Karo verwirklicht hat. Alle Wände und der Boden sind mit einer rot-blau-violetten Tapete verkleidet, dem Muster des schottischen Hamilton-Clans, und nein, es ist nicht ihr Clan, sie ist eine Schwarze mit ganz anderer Familiengeschichte - und einer steilen Karriere. 2016 war sie für den Turner-Preis nominiert und sorgte mit einem überdimensionalen nackten Popo für Aufsehen, die Realisierung eines Türentwurfs des italienischen Designers Gaetano Pesce von 1972. Zur Zeit ist sie die erste schwarze Frau, die in der Tate Britain eine Commission bekam, also den prominenten Auftrag zu einer Rauminstallation: Sie lässt dort Performer in Kürbis-Masken posieren und tanzen, wieder bezugnehmend auf die Kunst-, bzw. Tanzgeschichte, auf ein sehr schräges altes Schwarzweißfoto eines solchen sehr eleganten Kürbistänzers.

In der Secession sollen die Besucher jetzt selbst zu Performern werden, wünscht sie sich. Jedenfalls werden wir zu Staunern, wenn wir auf dieser Raumbühne, die sie uns hier bereitet hat, lustwandeln. Denn das ist äußerst unterhaltsam - an den Wänden hängen riesige Schmetterlinge aus Stoffen, einer scheint die Haltung verloren, heruntergesunken zu sein und liegt an einer Wand wie ein baunkeliger Schmetterlings-Sitzsack. Im Raum stehen schwarze elegante Modepuppen, die teils wie Köche gekleidet sind, einen Suppenschöpfer in der Hand, umgeben von Lebensmitteln. Aber nicht irgendwelchen, aufgeschnittenem Rotkraut etwa, dessen wunderschön ornamentierte Schnittflächen einerseits die Farbe des Tartan-Musters aufnehmen. Andererseits an den Secessionsanspruch erinnert, das ganze Leben zu ästhetisieren, zu ornamentieren, das hätte ruhig auch in Richtung Kochen gehen können, aber von derlei wissen wir zumindest nichts.

Hier beginnt es interessant zu werden, hier bekommt diese oberflächlich sehr auf Hamiltons Biografie bezogene Installation historische Tiefe: Der Tartan, das Ornament, ist klar eine Secessions-Anspielung. Man denkt sofort an einen der Lieblinge der Wiener Secessionisten, den Schotten Charles Rennie Mackintosh, der hier auch ausstellte und dessen weiße (!) Inneneinrichtungen angeblich den Secessions-Architekten Olbrich zum White Cube inspiriert haben soll, genau den, den Hamilton jetzt mit wildem schottischen Muster verdeckt.

Schönheit ist der nächste Punkt. Der Schmetterling steht dafür, Schönheit und Vergänglichkeit. Die vergängliche Schönheit kann in unserer Zeit auch mit dem Diätwahn assoziiert werden. Vielleicht soll darauf das lebensgroße Cut-Out eines liegenden jungen Karl Lagerfelds anspielen, vor dessen Figur Hamilton ein paar Süßkartoffeln aufgelegt hat und ein paar Kilo Buchweizen aufgeschüttet hat.

Das macht jedenfalls alles viel Spaß. Mehr als die Theorie jedenfalls.

Bis 4. November.

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