Linz09: Ein rotes Riesenrad über den Dächern

Höhenrausch. Über die „Himmelsstiege“ können Besucher luftige Höhen erklimmen – und über ein System von Holzstegen von einer Kunstinstallation zur nächsten wandeln.

(c) Linz09

Der dritte Rausch in drei Jahren: Nach dem „Schaurausch“ (2007) und dem „Tiefenrausch“ (2008) animiert das OK Offenes Kulturhaus Oberösterreich gemeinsam mit LINZ09 heuer zum „Höhenrausch“. „Im letzten Teil unserer Trilogie ,Kunst in die Stadt!!‘ verlassen wir den sicheren Boden unter den Füßen“, berichtet Maria Falkinger vom OK. Dächer im Zentrum von Linz werden bespielt und begangen – und Künstler locken mit ihren Werken in himmlische Sphären. Der Parcours startet im OK mit einer fast endlos scheinenden „Himmelsstiege“ und führt über das City Parkhaus auf das Dach des Passage City Centers, zurück in das OK, über eine neue Brücke durch die bisher unbekannte Dachlandschaft des Ursulinenhofs. Nach etwa 1,5 Kilometer Rundweg über Stiegen, Brücken, Aussichtspunkte, Flachdächer und Dachböden landen die Besucher auf der Landstraße.

Das Rauschen über den Dächern

Zur Erinnerung: Bei „Schaurausch“ wurden Schaufenster und Fassaden der Linzer Innenstadt zu Kunstgalerien umfunktioniert. Über dreißig lokale und internationale Künstler gestalteten rund 50 Schaufenster und Passagen mit ihren Ideen und Visionen. „Tiefenrausch“ führte die Besucher in Keller und Stollen, in Trinkwasserspeicher und Krypten der Innenstadtkirchen – und konfrontierte sie mit dem Diskurs von Erinnern und Vergessen. Und nun also „Höhenrausch“. „Die Höhenrausch-Ausstellung widmet sich dem Rauschen, das wir über den Dächern von Linz hören. In der ganzen Weite des Blicks herrscht es ununterbrochen fort. Es entsteht so, wie der Regen zur Erde fällt oder die Sonne einem auf den Kopf brennt“, sagen die Kuratoren der Schau, Paolo Bianchi und Martin Sturm. In den luftigen Höhen werden keine Bilder, sondern Installationen oder Medienprojekte gezeigt.

Ein weit sichtbarer Höhepunkt: das rote Riesenrad. Auf dem Parkdeck 14 steht ein 26 Meter hohes Riesenrad der Firma Rieger. Es kann benutzt werden und wirkt gleichzeitig als weithin sichtbares Kulturund Wahrzeichen: Die baskische Künstlerin Maider López verwandelt das Rad durch farbliche Eingriffe in eine Skulptur und bringt es durch digitale Manipulation auf dem Videobild zum Verschwinden. Überhaupt wurde das Parkdeck zum Luna Park umgestaltet: Wer aus einer der Gondeln des Riesenrads aussteigt, kann entweder das Himmelsmuseum (kuratiert von Brigitte Felderer) besuchen, einen Regenschirm als Resonanzkörper verwenden (Installation von Paul DeMarinis) oder mit einer Skulptur experimentieren, die aus sechs gigantischen, mit Helium gefüllten Ballons besteht (Ricardo Jacinto). Eine „Wetterstation“ von Andreas Strauss präsentiert eine anschauliche Dingwelt zu den Themen Hitze und Kälte, Regen und Wind. Sie gibt Auskunft über das aktuelle Wetter und liefert Daten und Fakten zum Sommer in Linz.

Der Weg führt weiter über das Passagedach, den größten unbekannten Dachgarten von Linz: Hier kann man die unbekannte Silhouette der Stadt erkunden – Häuser, große Rauchsäulen, 30 Kirchtürme und einen Hochofenabstich. Ein Holzsteg, vom japanischen Architektenatelier Bow-Wow entworfen, geleitet die Besucher sicher über das mehr als 2000 Quadratmeter große Dach. Werner Pfeffer, verantwortlich für die Klangwolke 2008, schafft ungewöhnliche Aussichtspunkte.

Lichtballon und Luftblasenmann

Die international bekannte Videokünstlerin Pipilotti Rist (ihren Künstlernamen leitete sie von Pippi Langstrumpf ab) ist eine Spezialistin für außergewöhnliche Videoprojektionen. Auf dem Dachboden des Ursulinenhofs bespielt sie einen großen Lichtballon so, dass es aussieht, als wäre sie darin gefangen. Hoch über dem Dach schwebt der „Luftblasenmann“ von Shih- Yung Ku mit vier Meter Durchmesser. Er signalisiert den Menschen unten in der Landstraße, wann die Ausstellung geöffnet ist: Jeden Abend wird er eingezogen, um am nächsten Tag pünktlich wieder über der Stadt zu schweben.

Der Steg führt weiter auf das Freidach des OK. Die LINZ09-Lounge bietet Entspannung und Erfrischung: Die Besucher können hier einen „Höhenrausch“-Cocktail genießen oder die von Erwin Wurm gestalteten Höhenrausch-Grußkarten mit der Raketenbahn des Künstlers Roman Signer verschicken.

Im „Kunstlabor“ untersuchen Inger Lise Hansen und Leonid Tishkov das Phänomen „Höhenrausch“. In Studien, Versuchen und Experimenten erkunden sie die Überwindung der Schwerkraft, das Fliegen, Fallen und Steigen.

Das „Kunstlabor“ schlägt auch eine Brücke zum Nachbarn: Es verbindet das OK mit dem Ursulinenhof. Dort, auf dem Dach des ehemaligen Ursulinenklosters ist ein Kräutergarten angelegt: Die Pflanzen, die man hier zieht, werden seit Menschengedenken zu Heilzwecken eingesetzt. Die taiwanesische Künstlerin Wu Mali errichtete den Garten mithilfe der Bergkräuter-Genossenschaft Hirschbach im Mühlviertel. Sehen, riechen, fühlen und schmecken sind hier angesagt. Der aus dem 17. Jahrhundert stammende Dachboden des Ursulinenhofs erstahlt in neuer Pracht. Hier treffen die Besucher auf die Installation des Amerikaners Serge Spitzer. Der Abstieg über die Hintertreppe zurück in den urbanen Alltag lässt selbst auf Straßenhöhe die Stadt mit neuen Augen sehen.

Aufwendig, aber nachhaltig

150 Tage lang ist der „Höhenrausch“ in Linz zu erleben – und mit umfangreichen Baumaßnahmen verbunden. Allein schon der japanisch-österreichische Holzsteg, der die Dächer miteinander verbindet, ist ein skulpturales Ereignis: Eine Steg- und Stiegenlandschaft aus Fichtenholz, die sich als Bühne präsentiert. Statische Gutachten, Ausschreibungen und Genehmigungsverfahren stellten das OK vor Herausforderungen, die gemeinsam mit den Behörden der Stadt Linz bewältigt wurden. Der letzte Teil der Rausch-Trilogie ist sicher der aufwendigste, aber auch der nachhaltigste – und ließ sich nur in Kooperation mit der Kulturhauptstadt realisieren.

Höhenrausch

WAS: Ausstellung auf den Dächern von Linz

WANN: 29. Mai bis 31. Oktober ’09

Eröffnung: Do, 28. Mai ’09, 20.30 Uhr

ÖFFNUNGSZEITEN: täglich 11 bis 22 Uhr; Dienstag geschlossen

WO: OK Offenes Kulturhaus OÖ, Tel.: 0732/78 41 78-555 , www.ok-centrum.at

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