Kultur: „Linz09 war ein Baumeisterfest“

Dem teuren Kulturhauptstadtjahr folgt der Kampf um Ressourcen. Sowohl die Stadt Linz als auch das Land Oberösterreich haben schon im Vorfeld großzügig investiert

(c) APA (Ruba)

Linz. 2,8 Millionen Besucher, ein zwölfprozentiges Nächtigungsplus, 7700 Veranstaltungen: Für die Intendanz war das Kulturhauptstadtjahr ein glatter Erfolg. Für Harald Gebhartl war Linz09 hingegen „ein Baumeisterfest und eine Touristenmesse“.

Gebhartl, Chef des Theaters Phönix, wurde schon zu Zeiten der ganz jungen Kulturhauptstadt zur Galionsfigur der freien Szene in Linz, die sich zum Großteil mit der Intendanz von Linz09 überworfen hatte. Zum Symbol der Gegenbewegung wurde er durch konsequente Verweigerung: „Alle Projekte, die mir vorgeschlagen wurden, wären unter Ausschluss unseres Ensembles geplant gewesen. Da habe ich nicht mitgespielt.“ Konkret schlugen Intendant Martin Heller und der Linz09-Verantwortliche für die Sparte Theater, Airan Berg, einen Aufenthalt des Phönix-Ensembles in Südafrika vor, „während unsere Infrastruktur für Linz09 genutzt werden sollte.“

 

Freie Szene bangt um Finanzierung

Das Phönix nahm sich daraufhin aus dem Spiel, startete aber mit einem nur scheinbaren Nachteil ins Kulturhauptstadtjahr: 2009 war für die alternative Mittelbühne – wie übrigens auch für die meisten institutionalisierten Kultureinrichtungen – das erfolgreichste der Geschichte. An Gebhartls Urteil über Linz09 ändert das jedoch wenig: „Was ist das für eine Kulturhauptstadt, die ihre Erfolge in Kubikmetern Beton misst?“, spielt er im Gespräch mit der „Presse“ auf den städtebaulichen Bauboom an, den das Großereignis ausgelöst hat.

Sowohl die Stadt Linz als auch das Land Oberösterreich haben schon im Vorfeld großzügig investiert und Plätze, Straßen und Viertel herausgeputzt sowie museale Zu- und Neubauten um mehrere hundert Millionen Euro gestartet. Allein die Absagen einzelner Programmpunkte (Montezuma, Der Heilige Berg, etc.) hätten eine Million Euro gekostet, kritisiert der Phönix-Chef. Langfristig wird die Kunst- und Kulturszene leiden, die Mittel für die freie Szene werden fehlen, glaubt Gebhartl: „Ich finde, man ist mit dem Geld nicht besonders sorgfältig umgegangen.“

 

Kein Graz-Effekt?

Dass Linz dasselbe Schicksal erleiden könnte wie Graz 2003 steht jedenfalls nicht zu befürchten: Vom über 70 Mio. schweren Budget für Programm, Marketing und Infrastruktur bleiben zum Jahresende noch rund 800.000 Euro, um 2010 alle noch auslaufenden Projekte abzurechnen. Doch die kommenden Jahre werden härter, befürchtet werden Verteilungskämpfe um die wieder schmäler werdenden Ressourcen: Im Landesbudget sind für 2010 um 17 Mio. Euro weniger (2008: 154.693.000, 2009: 182.041.500, 2010: 164.916.900) veranschlagt. Außerdem wird mehr in neu profilierte Einrichtungen wie das Linzer Schlossmuseum, das O.K. Offenes Kulturcentrum oder das Ars Electronica Center fließen. Stefan Haslinger von der Kulturplattform Oberösterreich befürchtet, dass die neuen Einrichtungen die Mittel binden werden: „Man hat 2009 mit sehr viel Geld sehr viel gemacht. Das war nett, das Publikum wurde neugierig, aber das Geld ist nicht mehr da. Für freie Kulturinitiativen rechnen wir mit Einbußen zwischen sechs und zwölf Prozent, was sich bei den kleinen Budgets, mit denen zum Teil gewirtschaftet werden muss, verheerend auswirkt.“

Martin Heller relativiert: „Ohne die Kulturhauptstadt hätte es diese zusätzlichen Gelder, die 2009 zur Verfügung standen, gar nicht gegeben.“ Dass Bestehendes hinterfragt wird, sei sogar notwendig, meint Heller: „Kultur lebt aus Innovation, nur das Geld zu sichern ist zu wenig. Das kulturpolitisch Schwierigste, aber auch Wichtigste wird es sein zu hinterfragen, ob nicht dieses oder jenes Format abgeschafft werden kann.“ Und genau an diesem Punkt nahm der Konflikt zwischen dem Linz09-Team und den lokalen Initiativen wohl seinen Anfang: Endlich bekommt die Kunst- und Kulturszene in Linz eine überregionale und internationale Bühne, hofften die einen. „Endlich geht es in Linz um Erneuerung“, sagte Martin Heller.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2010)

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