Wolf Haas: "Keine Strafrunde für die Leser"

Wolf Haas erzählt im Roman "Verteidigung der Missionarsstellung" von der Liebe in Zeiten des Rinderwahns. Mit der "Presse am Sonntag" spricht er über fade Krimis und brutale Liebesgeschichten.

Wolf Haas Keine Strafrunde
Wolf Haas Keine Strafrunde
Wolf Haas – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Ihr Roman ist mit Anmerkungen gespickt: „Hier noch ein bisschen London-Atmosphäre einbauen“, schreiben Sie etwa. Ohne diese Anmerkungen wäre mir vielleicht gar nicht aufgefallen, dass Sie sich gern weigern, Dinge genauer zu beschreiben.

Wolf Haas: Ich wähle eben eine andere Art der Beschreibung. Wenn da steht: „Park-Atmosphäre einfügen“, dann hat ja ohnehin jeder sofort einen Park im Kopf. Mir sind Beschreibungen oft zu lang, zu umständlich und auch zu anachronistisch – aus Zeiten stammend, bevor es Film und Fernsehen gab, eine Gewohnheit, die eben beibehalten wurde. Das kommt mir manchmal vor wie beim Biathlon: Da müssen die Sportler Langlaufen und Schießen, und wenn sie daneben treffen, müssen sie eine Strafrunde laufen. Manche Autoren schicken den Leser auf zehn Strafrunden Parkbeschreibung. Bei mir bekommt er das in drei Wörtern.

 

Man hat als Leser ja auch die Möglichkeit, solche Beschreibungen einfach zu überspringen...

Ich eben nicht! Das würde ich nie machen. Was dort steht, muss ich lesen. Und dann brauche ich für so einen Schinken ein halbes Jahr! Der Autor hat immerhin mehrere Jahre seines Lebens hineingesteckt und den Roman so gestaltet, wie er es für sinnvoll hält.

 

Das heißt, Sie lesen auch nie den Schluss zuerst?

Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht! Da hätte ich das Gefühl, ich müsste mich gleich beim Autor entschuldigen. So wie meine Nichte, die sich Songs von Funny van Dannen heruntergeladen hat, und dann hat sie so ein schlechtes Gewissen gekriegt, dass sie ihm zehn Euro geschickt hat. Ähnlich betrügerisch würde ich mich fühlen, wenn ich den Schluss zuerst lesen würde.

 

Sie sind aber sehr streng!

Vielleicht habe ich ein so neurotisches Verhältnis zur Schrift, weil ich als Kind nicht gelesen habe. Lesen war für mich deprimierend. Ich habe es gehasst! Es war für mich wie eine Strafe, mit der ich ruhiggestellt werden soll. Und jetzt klebe ich fast an den Seiten, ich habe das Gefühl, ich darf keine Zeile überspringen, gerade, dass ich nicht die Lippen bewege. Und darum muss ich den Leser auch so richtig packen, darum findet sich in den Brenner-Romanen immer wieder die Formulierung: „Pass auf, was ich dir sage, hör zu, ob du es glaubst oder nicht.“ Immer diese Aufforderung an den Leser, bei mir zu bleiben.

...und nicht einzuschlafen. Sie schreiben in Ihrem Buch auch über die Kränkung, die es für einen Schriftsteller bedeutet, wenn er erfährt, dass Bücher als Einschlafhilfe dienen.

Man hat als Autor ja die Wahl. Man kann sagen: Ich wollte immer schon Schlafmittelindustrieller werden – oder ich kann den Leser aufrütteln. Wobei ich nicht von der klassischen Vorstellung von Spannung rede. Mir geht es um die Machart, den Raum, den so ein Roman erschließt, nur die Geschichte allein reicht mir nicht. Man hört ja immer wieder, etwas sei „spannend wie ein Krimi“. Für mich bedeutet das: Es ist besonders fad.

 

Wieso schreiben Sie dann selbst welche?

Das ist, wie wenn man gern in der Dusche singt, weil man den Hall so schön hört. Der Krimi funktioniert in einem klaren, eingegrenzten Raum, nach strengen Regeln. Diese Regeln kann man leicht brechen, und es ist wunderbar, wie rasch das dann Komik erzeugt.

 

Ein Rahmen gibt auch Halt.

Das trifft nicht nur auf Romane zu. Wenn man immer in die Firma geht, dann ärgert man sich zwar, dass man pünktlich sein muss und der Chef dauernd dazwischenquatscht, aber wenn das wegfällt, entdeckt man vielleicht, dass man sich gerade innerhalb dieses Rahmens virtuos bewegt hat.

 

Aber irgendwann hatten Sie vom strengen Rahmen Krimi genug?

Ich habe ja acht Kriminalromane und zwei Liebesromane geschrieben, und ich finde, dass sich beide Formen ähneln. Zum einen ist beides brutal, die meisten Morde in der Realität passieren im Zusammenhang mit Liebe und Leidenschaft. Aber beide Formen sind auch formal ähnlich simpel. Es gibt bei beiden einen Anfang und einen Schluss, und dazwischen wird viel gelogen. Außerdem passiert der Mord genauso wie die Liebe getrennt von der Normalität: Wenn man verliebt ist, ist man ja nicht nur ein bisserl in einem anderen Zustand.

 

Sie erzählen diese Liebesgeschichte entlang der Seuchen Rinderwahn, Sars, Schweinegrippe: Was hat Sie daran interessiert?

Die Struktur einer Erzählung, die das Reden über die Seuche bekommen hat. Alle paar Jahre hört man wieder: Es kommt eine Seuche! Mich interessiert, dass alles, was man geistig verarbeitet, die Form einer Erzählung annimmt – dass jeder Mensch in Bezug auf sein eigenes Leben Romanschriftsteller ist, wie Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ schreibt. Ich komme ja als Wolf Haas in diesem Buch vor, und ich werde immer wieder gefragt, ob diese Passagen echt sind. Und die sind zwar großteils echt, aber sie sind trotzdem Fiktion, weil man sich eben die eigene Biografie auch zurechtredet.

Sars, Schweinegrippe... Man erwartet einen Höhepunkt, einen Schluss der Erzählung, aber der wird einem vorenthalten.

Wir können so sehr nicht glauben, dass uns diese Seuchenerzählungen den Höhepunkt verweigern, dass wir permanent darauf warten, dass irgendwann doch noch die Apokalypse kommt, die uns ausradiert, vermutlich ausgehend von etwas ganz Harmlosem, zum Beispiel vom ultimativen Heuschnupfen.

 

Wenn Sie als Kind nicht gelesen haben: Wann haben Sie dann angefangen?

Ich habe zuerst selbst Geschichten geschrieben. Es gibt ja auch Leute, die gern reden, aber nicht gern zuhören.

 

Wie gefallen Ihnen diese Geschichten heute?

Gut, weil ich nicht eingeschüchtert war. Aber nach einem halben Jahr habe ich begonnen mich zu interessieren, was es sonst so gibt, und dann kam zehn Jahre lang nur mehr Schrott heraus. Erst als ich eingesehen habe, dass aus mir kein Schriftsteller wird, ist das wieder anders geworden.

 

Verraten Sie, woran Sie gerade arbeiten?

Ich bin ein extremer Geheimniskrämer. Sobald ich jemandem von einem Thema erzähle, erlahmt nämlich sofort mein Interesse. Als hätte ich vom Druckkochtopf den Deckel weggenommen. Außerdem verliere ich schnell den Glauben an das, was ich mache, wenn einer die Nase rümpft.

 

Nach dem Motto: Echt, du willst über Seuchen schreiben?

Genau, das wäre der Klassiker. Da wäre ich bis heute nicht fertig mit dem Buch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)

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