was für ein gewaltiges theater der grausamkeit!

eine elektrische welt zwischen blasphemie und heiligkeit: antonin artaudsbuch »heliogabal oder der anarchist auf dem thron« ist ein literarisches spiegelbild seiner auffassung von theater.

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(c) Rogner & Bernhard

ich habe texte lange vor 1970 geschrieben, die zwar sehr stark auf die psychoanalyse bezogen waren, die aber erstaunlich ähnlich dem waren, was artaud wollte. wie ich artaud zum ersten mal tatsächlich gelesen habe, war ich verzückt. ich habe einen bruder im geist erkannt, auch gleichzeitig einen ganz großen dichter, der das aber nicht so methodisch ausgedrückt hat, wie ich das versucht habe. sondern jemand, der wohl vollgepumpt war mit den gedanken der psychoanalyse, sie aber viel freier, als dichter, verwendet hat. ich war überglücklich. künstler sind ja oft sehr eifersüchtig aufeinander, wahrscheinlich auch die wissenschaftler und philosophen, wer hat dieses oder jenes zuerst geschrieben, wer hat das zuerst gemacht. von meiner seite gab es nicht die geringste betroffenheit oder neid, dass ein so genialer mann all diese ideen auch gehabt hat. es war das gegenteil der fall, ich fühlte eine große freude und eine tiefe bestätigung, dass jemand so denken kann und dass der weg des theaters so geht, wie artaud geglaubt hat und wie ich es glaube. ein ganz gewaltiger mann!

unruhe der sinne. artauds theorien haben das gesamte neue theater beeinflusst. artaud wollte, dass das durch die zivilisation verloren gegangene, intensive, sinnliche, existenzielle empfinden durch grausamkeit, durch ein theater der grausamkeit wiederhergestellt werden kann.

 

„ein wirkliches theaterstück stört die ruhe der sinne auf, setzt das komprimierte unbewusste frei, treibt zu einer art virtueller revolte.“


„ohne ein element von grausamkeit, das jedem schauspiel zugrunde liegt, ist theater nicht möglich. bei dem degenerationszustand, in dem wir uns befinden, wird man die metaphysik via haut wieder in die gemüter einziehen lassen müssen.“


„ich gebrauche das wort grausamkeit im sinne von lebensgier, von kosmischer unerbittlichkeit und erbarmungsloser notwendigkeit im gnostischen sinne von lebensstrudel, der die finsternis verschlingt, im sinne jenes schmerzes, außerhalb dessen unabwendbarer notwendigkeit das leben unmöglich wäre. das gute ist gewollt, es ist ergebnis eines tuns, das böse dauert fort.“


„wenn das theater seine notwendigkeit wiederfinden will, muss es uns all das zurückgeben, was in der liebe, im verbrechen, im krieg oder in der ausgelassenheit zu finden ist. die tägliche liebe, der persönliche ehrgeiz, die tag für tag sich wiederholenden mühen sind nur dann von bedeutung, wenn sie auf jene art von fürchterlichen lyrismus stoßen, den es in den mythen gibt, mit denen kompakte kollektive sich einverstanden erklärt haben.“

 

artaud behauptet: auch die auferstehung ist grausam, auch das wachsen von gräsern und blumen ist grausam.

er versteht unter grausamkeit eine zusammenballung von energien und setzt die grausamkeit gegen das laue vegetieren. er will, dass die leute im theater aufwachen und sich selber spüren und spüren, dass sie da sind, dass sie existieren. all das, was jeder, der gutes und großes theater machen will, auch erreichen möchte. auch ich möchte gerne, dass durch meine aktionen, durch mein aktionstheater, durch mein orgien-mysterien-theater die leute so intensiv empfinden, dass sie spüren, dass sie da sind, dass sie einen intensiven zustand verspüren. ich werde es immer wieder sagen: es geht um das durchdringen zu einer stärkeren und intensiveren wirklichkeit als der, in der wir normalerweise herumvegetieren. es geht eigentlich immer um einen ausbruch aus den vorhandenen ordnungen. theater ist jene maschine oder jener apparat, der das im großen stil erreichen kann.


skizzen und entwürfe. es gibt nicht so viele reine literarische texte von antonin artaud. seine entwürfe zu großangelegten theaterprojekten sind eben nur skizzen und entwürfe. ein buch gibt es, in dem er mit all seiner sprachgewalt und all seinen archetypischen themenbereichen auftrumpft. das paganische triumphiert über das christliche, das phallische provoziert abgründe des wahnsinns. die welt, die natur, der kosmos, ewigkeit und unendlichkeit zeigen sich grell. die natur offenbart sich insgesamt als numinoses ereignis. die person des heliogabal scheint die „anarchische zeit“ des hellenismus zusammenzufassen. die aus dem kollektiven unbewussten wie aus einem vulkan herausströmenden mythenbereiche schaffen eine elektrische welt zwischen blasphemie und heiligkeit. der ganze umfang seiner radikalen, lebensbejahenden theaterauffassung spiegelt sich wider. irgendwie ist heliogabal ein selbstporträt von artaud.

 

„die menge verbeugt sich. der weihrauch steigt auf, scheint durch alle öffnungen zu entweichen. im allerheiligsten des tempels erwartet der oberpriester den gott – auch er mit insignien weiß bemalt, mit edelsteinen, flitter und gefieder behängt, gold schwitzend, aufrecht, zart und ätherisch wie ein glockenschwengel. in der plötzlich einsetzenden stille vernimmt man schritte, stimmen, mancherlei hin und her in den unterirdischen kammern des bauwerks; alles zusammen bildet gleichsam scheiben, übereinander liegende stockwerke aus geflüster und geräuschen. unter der erde führt der tempel spiralförmig in die tiefe; die kammern der riten türmen sich senkrecht hinab; der tempel ist nämlich wie ein weitläufiges theater, ein theater, wo alles echt wäre.

im augenblick, da der gott, der trunkene gott, inmitten seiner schwankenden wächter erscheint, erhebt der tempel in einklang mit den übereinander geschichteten wirbeln der kellergeschoße, die man bereits in der frühesten antike gekannt und gesichtet hat. in den ritenkammern, bis mehrere hundert meter unter der erdoberfläche, geben sich die wächter losung, rufen, schlagen gongs an, lassen hörner aufstöhnen, und die gewölbe spielen sich ihre echos zu.

auf dem flügel der schreie, auf den rollenden wolken von weihrauch und geräuschen, die treibenden rauchschwaden gleichen, befragt der oberpriester das orakel, forscht es aus, ruft es rhythmisch mit lauten schreien an. dann sieht man den rasenden gott, dessen bart inmitten des goldes, in dem er schwimmt, ein großes schwarzes loch bildet, sieht man den gott sich bewegen und schäumen, als sei er vom zorn gepackt, von inspiration verstört.“ (seiten 34/35)


„wenn die ägyptischen pyramiden mit ihren gemauerten dreiecken das helle licht beschwören, so muss man beim tempel von emesa an seinen unterirdischen mittelpunkt denken, an eine art dreieckigen filter, einen filter für menschenblut.

das blut der oben vollzogenen opfer darf nicht in die gewöhnliche kanalisation sickern; es soll sich nicht mit den gewöhnlichen menschlichen ausscheidungen, mit urin, schweiß, sperma, speichel oder exkrementen vermischen und in die ursprünglichen wasser des meeres zurückkehren. so besteht unter dem tempel von emesa ein besonderes kanalsystem, wo das menschenblut mit dem plasma gewisser tiere zusammenfließt. durch dieses kanalsystem, diesen glühenden bohrer, dessen gewinde sich in dem maße verengt, in dem es tief ins erdreich vorstößt, soll das blut der nach vorgeschriebenen riten geopferten lebewesen wieder in heilige winkel der erde zurückkehren, an urtümliche geologische adern, erstarrte schauder des chaos rühren.

dieses reine blut, dieses rituell entsündigte, geläuterte und dem gott da unten schmackhaft gemachte blut netzt die grollenden götter des erebos, deren atem es vollends reinigt. nun liegt der tempel mit den protuberanzen seiner nischen, quellen und flachreliefs, seiner zitternden, wie nägel in die mauern eingesetzten steine von der spitze seines phallus bis zum letzten ring seiner sonnenkanäle in einer art unermesslichen kreis beschlossen, der dem himmelskreis mit seinen krämpfen entspricht. hier, im mittelpunkt dieses trügerischen kreises, gleichsam im lebendigen punkt eines netzes, wo die spinne sitzt, befindet sich die kammer mit dem filter, der einem auf der spitze stehenden dreieck gleicht. und die filterspitze da unten entspricht im umgekehrten sinne der phallusspitze da oben. in diese verschlossene kammer hat sich nur der oberpriester am ende eines seils wie ein eimer in die tiefe eines brunnens hinuntergelassen.

man lässt ihn jährlich einmal, um mitternacht, im gefolge seltsamer riten, die dem körperlichen geschlecht des mannes ungeheure bedeutung beimessen, da hinunter.“ (seiten 50/51)

 

Im Rahmen der Reihe „Leseempfehlungen von Herman Nitsch“bespricht der Künstler mit Michael Fleischhacker ein von ihm ausgewähltes Buch. Im Mittelpunkt der vierten Veranstaltung steht der Roman „Heliogabal oder der Anarchist auf dem Thron“ von Antonin Artaud. Das Gespräch findet im Hermann-Nitsch-Museum in Mistelbach statt. www.mzm.at

Termin: Samstag, 20. Oktober 2012, 15.45 Uhr: Weinempfang und Begrüßung durch Prof. Nitsch. 16.00 Uhr: Leseempfehlung von Hermann Nitsch und Gespräch mit Michael Fleischhacker über den Roman.

Adresse: Hermann-Nitsch-Museum, Museumszentrum Mistelbach MZM, Waldstraße 44–46, 2130 Mistelbach
Anmeldung bis 18. 10. 2012, KW „Nitsch“ an derclub@diepresse.com oder per Fax an 01/514 14-277

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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