"Der Leser soll die ungeschminkte Welt sehen"

US-Autor Don Winslow schreibt über das Drogenproblem wie kein anderer. Von literarischen Regeln hält er nichts, sagt er im "DiePresse.com"-Interview.

Leser soll ungeschminkte Welt
Leser soll ungeschminkte Welt
(c) EPA (Alberto Estevez)

Sie haben das Drehbuch von "Savages", das auf ihrem gleichnamigen Roman (dt. als "Zeit des Zorns" erschienen) basiert, geschrieben. Was ist der große Unterschied zwischen dem Schreiben eines Romans und dem Schreiben für den Film?

Don Winslow: Die Struktur. Film hat eine sehr spezifische und fordernde Struktur, während Romane ein wenig mehr verzeihen. Natürlich ist das Romanschreiben auch eine einsame Erfahrung, das Drehbuchschreiben war eine Gruppenleistung. Außerdem: mit einem Roman hat man ein fertiges Produkt. Ein Drehbuch ist ein Zwischenprodukt. Ich musste mich also erst an die Vorstellung gewöhnen, dass buchstäblich hunderte Leute dem Drehbuch ihren Stempel aufdrücken wollen. Ich glaube, dass Buch und Film getrennte Leben haben, und das ist gut so.

Sie haben das Drehbuch für "Savages" gemeinsam mit Oliver Stone geschrieben. Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?


Intensiv, wie Sie sich vorstellen können. Ich war dankbar, den Drehbuchautor und Executive Producer Shane Salerno während des Prozesses an meiner Seite zu haben. Shane war tatsächlich die erste Person, die die ersten 14 Seiten von "Zeit des Zorns" gelesen hat. Ich fragte ihn: "Was denkst du? Bin ich verrückt?". Und er schrieb mir zurück und sagte "Lass alles fallen und schreib dieses Buch fertig!".

"Savages" ist nicht das erste Buch, das für den Film adapiert wurde. "Bobby Z" kam allerdings nicht in die Kinos und ging nur als DVD über den Ladentisch. War das ein Grund, Drehbücher künftig selbst zu schreiben?

Es war sicher einer der Gründe. Ich hätte nicht gedacht, dass es so sehr schmerzen würde, dass ein schlechter Film aus meinen Büchern entsteht. Ich verkaufte das Projekt an Warner Brothers und die verkauften es dann an eine kleine Independent-Firma. Nach "Z" beschloss ich mehr Einfluss auf die Film-Versionen meiner Bücher zu nehmen. Ich will nicht immer wirklich das Drehbuch schreiben, aber ich möchte eine ernstzunehmende Stimme sein.

Sie haben ein weiteres Drehbuch-Projekt mit dem Titel "Satori", mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle. Es basiert auf einem Thriller von Ihnen. Können Sie sich vorstellen, auch einmal ein Drehbuch zu schreiben, das auf keinem Ihrer Bücher basiert?

Sicher, es gibt eine Reihe von Geschichten, die mich interessieren, die gute Filme und nicht gute Romane hergeben würden. Ich wäre sehr dankbar, die Chance zu erhalten, darüber Drehbücher zu schreiben. Ich sollte auch hinzufügen, dass ich äußerst begeistert bin, mit Leo DiCaprio, den ich für einen brillanten Schauspieler halte, zusammenarbeiten zu können. Ich glaube, "Satori" wird eine große Rolle für ihn sein.

In "Zeit des Zorns" und "Kings of Cool" arbeiten Sie mit vielen Stilmitteln. Was ist Ihre Schreib-Philosophie?

Dass die Form der Funktion folgt. Dass ich tue, was für die individuelle Geschichte, den Charakter oder den Augenblick funktioniert.

Ihr stakkato-artiger Schreibstil - manche sprechen von Musikalität - ist nicht wirklich typisch für Crime Novels. Was denken Sie über Genre-Grenzen?


Das Genre hat nur Grenzen, wenn wir uns selbst welche setzen. Ich schreibe über das Thema Kriminalität - das macht mich zu einem Genre-Autor und ich bin stolz darauf. Aber ich werde keine tyrannischen Regeln über Stil oder Inhalt unterschreiben. Ich habe keine Ahnung, wer diese Regeln gemacht hat, aber ich habe niemanden gesehen, der damit vom Berg Sinai herabgestiegen ist. Und solange das nicht passiert, mache ich, was ich will.

Ihre Bücher zu lesen, vor allem "Savages" und "Kings of Cool", ist - ich meine das als Kompliment - wie eine Sammlung zitierbarer Sätze zu lesen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man einen schmalen Grat beschreiten. Ist es nur harte Arbeit oder macht das auch viel Spaß?

Vielen Dank. Es ist ein großer Spaß. Ich fühle mich sehr glücklich, damit mein Geld verdienen zu können. Ich genieße den Prozess des Schreibens wirklich - die Wahl der Wörter, das Finden des Rhythmus, das Enthüllen des Charakters und die Magie des Orts.

Ihre Bücher haben oft einen starken wirtschaftlichen Gesichtspunkt. Woher kommt das?

Ich komme aus der Arbeiterklasse, daher schätze ich, ich werde diese Perspektive immer haben. Ich denke, dass es bei Noir Fiction größenteils um Klassenkonflikte geht und ich weiß, auf welcher Seite ich stehe. Als Krimi-Autor bin ich mir bewusst, dass manche der größten Verbrechen wirtschaftliche sind, begangen von Politikern, Bankern und Aktienhändlern. Es gibt eine enorme wirtschaftliche Gewalt in unserer Gesellschaft und ich will darüber schreiben.

"Tage der Toten" ist Ihr hochgelobtes Buch über den "War on Drugs". Sie haben jahrelang dafür recherchiert.

Es wurde zu einer Besessenheit. Kurz nach dem Beginn realisierte ich, dass ich eine wirklich große Geschichte zu erzählen hatte - größer als ich jemals zuvor getan hatte. Ich hatte eine Menge Material und keinen Schimmer, wie ich dieses organisieren sollte. Erst als ich den zentralen Konflikt in jeder der Hauptfiguren verstand - den Kampf, anständig in einer unanständigen Welt zu leben - fand ich eine klare Linie, die mir durch die Geschichte half. Was die Motivation betrifft: Ich dachte einfach, dass es eine Geschichte war, die erzählt werden musste. Es war sicher das schwierigste Buch, das ich je geschrieben habe.

Der "War on Drugs" ergibt Ihnen zufolge keinen Sinn und funktioniert nicht. Was sollten die USA tun, um das Drogenproblem zu lösen?

Zuerst müsste Marijuana legalisiert werden, dann müssten die anderen Drogen entkriminalisiert werden. Nehmen Sie die massiven Gewinne weg, die die Kartelle so mächtig gemacht haben. Dann muss man begreifen, dass das "mexikanische" Drogenproblem in Wirklichkeit ein "amerikanisches" ist. Es ist unser Bedarf nach Drogen, der all diese Gewalt verursacht. Und letztlich müsste man das Drogen-Thema als soziales Gesundheitsproblem behandeln, das es eigentlich ist.

Wer profitiert denn wirklich vom "War on Drugs"?

In erster Linie natürlich die Drogen-Dealer, wie die mexikanischen Kartelle. Aber dann haben wir da auch eine große Anti-Drogen-Bürokratie, die jedes Jahr Milliarden von Dollar erhält. Zusätzlich haben wir Gefängnisse, die voll sind mit Drogen-Verurteilten. Drogen- und Anti-Drogen-Establismeht sind symbiotische Kreaturen, die von der Existenz ihres Gegenübers profitieren. Es ist Wahnsinn.

In Ihren Bücher beschreiben Sie eine sehr gewalttätige Welt. Man macht Ihnen den Vorwurf der expliziten Gewaltdarstellung. Ist es aber überhaupt möglich, authentisch und glaubwürdig über das Thema zu schreiben, ohne gewalttätige Textpassagen zu verwenden?

Wenn man sich mit gewalttätige Themen wie dem Drogenhandel befasst, steht man vor der Wahl: Entweder man befreit sich von der Gewalt oder man schreibt anschaulich darüber. Zu einem großen Teil habe ich mich für die zweite Option entschieden, weil ich will, dass der Leser die ungeschminkte Welt sieht. Das ist sehr verstörend für manche Leser - und ich verstehe das. Gleichzeitig habe ich Morde nie wirklich als eine Art von Gesellschaftsspiel verstanden. Ich denke, das ist anstößiger.

Stichwort "War on Drugs". Was denken Sie über die TV-Serie "The Wire" von David Simon? Er arbeitete dabei mit George Pelecanos und Dennis Lehane, zwei Krimi-Autoren zusammen. Würde es Sie reizen, auch für das Fernsehen zu arbeiten? Etwa, um Ihr fast biblisch angelegtes Buch "Tage der Toten" zu adaptieren?

"The Wire" war ein großartiger Erfolg, das allerbeste, das Fernsehen tun kann. Ich bin so stolz auf die Jungs, die das geleistet haben. Für "Tage der Toten" bin ich mir nicht sicher. Ich könnte es mir sowohl am großen als auch am kleinen Schirm vorstellen. Ich glaube, Fernsehen hat großes Potential. Es gibt einem so viel Zeit, Charaktere zu entwickeln.

Welche europäischen (Krimi-)Autoren kennen und schätzen Sie?

Ich bin immer zurückhaltend, solche Listen bekanntzugeben, aus Angst ohne Absicht jemanden zu vergessen. Aber sicher, da gibt es eine Menge Autoren. Bei den britischen Autoren bin ich ein Fan von John Harvey, Ken Bruen, Ian Rankin und Val McDermid. Dann gibt es da noch Henning Mankell, Fred Vargas, Sjowall und Wahloo, Teresa Soldana, Alfredo Collito und Vilmor Kondos.

Abschließend: Als Österreicher bin ich neugierig: Was ist Arnold Schwarzeneggers Vermächtnis als Gouverneur von Kalifornien?

Das ist zu früh zu sagen. Ich lasse es Sie wissen, wenn wir das nächste Mal sprechen!

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