Ulitzkaja: „Russland wird zivilisiert – oder schrecklich!“

Die große russische Autorin erzählt von der Punkband Pussy Riot, wachsender Stalin-Nostalgie und Putins Infantilität. Ljudmila Ulitzkaja ist als Stargast beim Festival „Literatur im Nebel“ im Waldviertel zu hören.

Ljudmila Ulitzkaja
Ljudmila Ulitzkaja
Ljudmila Ulitzkaja – (c) Annette Pohnert/Hanser Verlag

Zwei Tage hat sie während des Prozesses gegen die Punkband Pussy Riot im Gerichtsgebäude verbracht, als Zeugin der Verteidigung. „Als die Frauen in Handschellen vor mir durch das Stiegenhaus geführt wurden, umringt von Polizisten und einem Polizeihund, war mir nicht klar, wen der Hund nun eigentlich schützen soll – die Polizisten vor den Frauen oder umgekehrt? Eine Stunde nach Sitzungsbeginn ist dem Hund schlecht geworden, er hat schrecklich zu bellen und zu jaulen begonnen.“ Ihr schien das eine sehr treffende Reaktion angesichts dessen, was da passierte.

Ljudmila Ulitzkaja ist an diesem Wochenende als Stargast beim Festival „Literatur im Nebel“ im Waldviertel zu hören. Sie gehört nicht nur zu den berühmtesten Schriftstellern Russlands, sie ist auch im Westen sehr beliebt. Die Begeisterung der Literaturkritikerin Elke Heidenreich für ihre Frauenporträts etwa machte den Erzählband „Die Lügen der Frauen“ in Deutschland zum Bestseller. Ihre Romane sind von „echt“ russischer Weite, wie man sie an Tolstoi und Dostojewski liebt.

„Sie beschuldigen meine Generation“

Diese Bücher umspannen große Teile des (zwanzigsten) Jahrhunderts. In „Daniel Stein“ schildert sie eine schier unglaubliche reale Lebensgeschichte, jene des in Polen geborenen Juden Oswald Rufeisen, der im Zweiten Weltkrieg Partisan wird und danach in Israel versucht, jüdisch-christliche Gemeinden nach dem Vorbild der christlichen Urkirche aufzubauen. Der heuer auf Deutsch erschienene Roman „Das grüne Zelt“ dagegen ist, wie Ulitzkaja der „Presse“ erzählt, der Versuch einer Rechtfertigung.

„Ich wollte meine Generation rehabilitieren. Ein großer Teil der heutigen Jugend sieht die 60er-Generation sehr negativ, die Jungen beschuldigen sie, für das heutige russische Schlamassel verantwortlich zu sein. Ich wollte zeigen, dass diese Generation die erste war, die sich die Freiheit gewünscht und viel dafür getan hat, sie zu schaffen. Der Umstand, dass die in sich selbst zerfallene Sowjetmacht in den 1990er-Jahren in die Hände früherer Parteifunktionäre geraten ist, daran ist nicht diese Generation schuld, sondern nur dass sie zu schwach war.“ Auch die wachsende Stalin-Nostalgie breiter Schichten – „man überlegt sogar, Wolgograd wieder in Stalingrad umzubenennen“ – beunruhigt sie sehr.

„Putin denkt keine drei Schritte weit“

Ihre Großväter verbrachten Jahrzehnte in stalinistischen Lagern, sie selbst wurde als Genetikerin mit Berufsverbot belegt, weil sie verbotene Bücher verteilt hatte. Putin nennt sie „infantil – ein infantiler Mensch kann unter bestimmten Umständen sehr gefährlich sein, weil er keine drei Schritte weit denkt.“

Ulitzkaja arbeitet gegen die Infantilität, u. a. mit kinderpädagogischen Aktionen. „Es gibt kaum noch gute Pädagogen, wie wir sie in unserer Jugend an der Moskauer Uni hatten, wir können unsere Jugend nur bemitleiden. Ein guter Pädagoge hilft, Gut von Böse zu unterscheiden.“ Was sie von der Ansicht halte, die Russen seien nicht „reif“ für eine westliche Demokratie? „Unsinn. Der ,dritte Weg‘, den diese sogenannten Patrioten verkünden, existiert nicht. Entweder Russland wird ein zivilisiertes europäisches Land oder . . . Ich habe Angst, mir das Schreckliche vorzustellen, das sonst passieren wird.“

Auf einen Blick

„Literatur im Nebel“ lädt jedes Jahr im Oktober einen berühmten internationalen Autor ins Waldviertel ein. Heute, Freitag und Samstag ist nun die 1943 geborene Ljudmila Ulitzkaja zu Gast. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem „russischen Booker Preis“ und dem „Prix Simone de Beauvoir“. Weiterer Gast des Festivals: Chruschtschow-Enkelin Nina L. Khrushcheva. Frühere Gastautoren waren Salman Rushdie, Amos Oz, Jorge Semprún, Margaret Atwood, Hans Magnus Enzensberger und Nuruddin Farah.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER
www.literaturimnebel.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)

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