Der Mann ohne Leidenschaften

Ralph Dohrmann hat in seinem Debüt "Kronhardt" einen passiven Helden geschaffen – und einen Roman, der auf 900 Seiten die Entwicklung Deutschlands nach 1945 aufblättert.

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Buch – (c) Erwin Wodicka

Péter Nádas, „Parallelgeschichten“: 1700 Seiten. Martin Grzimek, „Tristan“: 900 Seiten. Ralph Dohrmann, „Kronhardt“: 900 Seiten. Erleben wir eine Renaissance der großen Romane des vorigen Jahrhunderts? Oder sind diese umfangreichen Werke der Versuch, der Schnelllebigkeit unserer Zeit etwas entgegegenzusetzen? Wollen sie die Leser zur Langsamkeit verführen?

Im Fall von „Kronhardt“ ist jedenfalls der Bezug zu einem großen Roman augenfällig. Wie in Thomas Manns „Buddenbrooks“ geht es auch in „Kronhardt“ um eine wohlhabende hanseatische Familie. Hier wie dort werden die Beziehungsgeflechte der Familienmitglieder analysiert. Aber nicht nur das Thema, auch die Art des Schreibens stellt Bezüge her. „Kronhardt“ ist in drei Teile gegliedert, wobei schon die Anlage des ersten Teils – eine durchgehend chronologische Darstellung ohne zeitliche Brüche – retro wirkt. Zudem ist das Buch in alter Rechtschreibung verfasst.

Die Geschichte beginnt in den 1960er-Jahren mit der Einschulung der Hauptfigur, Willem Kronhardt. Schon früh geht er auf Distanz zu den Eltern, die sich nach wie vor der Deutschtümelei hingeben. Das Kind – und später der Jugendliche – aber fühlt sich anderen Idealen verpflichtet.

Neue Zeiten, alte Strukturen

Willems leiblicher Vater flüchtete einst vor den Nazis in die Schweiz, um in einer Künstlerkolonie zu leben. Die Mutter kümmerte sich aus dem Exil um die Firma, überredete aber nach dem Krieg den Vater, nach Deutschland zurückzukehren. Er willigt ein – und stirbt auf einem Ausflugsdampfer. Der Tod gibt Rätsel auf, schließlich wird aber doch eine natürliche Todesursache festgestellt. Die Mutter heiratet den Bruder ihres Mannes. Dennoch bleibt der querdenkende leibliche Vater die Wurzel für Willems Protesthaltung, die er jedoch sorgsam vor der Mutter und dem Stiefvater verbirgt.

Parallel zu Willems Entwicklung schildert Dohrmann auch das Erwachsenwerden der deutschen Gesellschaft. Das schwierige Heraustreten aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit und die Irrungen und Wirrungen, die diesen Prozess begleiten. Schön, wie Ralph Dohrmann die Kontinuitäten herausmeißelt, die den Systemwechsel unbeschadet überdauern. In den Sechzigerjahren ist die nationalsozialistische Gesinnung noch allerorten präsent. Doch keiner redet über diese Zeit. Auch im Alten Gymnasium, das Willem besucht, sind sich die Lehrer einig, die Nazi-Zeit „abstrakt zu behandeln“.

Ohne Plan und Ziel

Nach 1968 wird diese geistige Verweigerungshaltung zurückgedrängt, doch Willem erkennt in der marxistischen Rebellion die gleichen Mechanismen: Gleichschaltung und die Ablehnung, Eigenverantwortung zu übernehmen. Die Eltern zwingen ihn in ein Betriebswirtschaftsstudium, obwohl es ihn zur Naturwissenschaft zieht. Noch immer opponiert er nicht offen, stromert durch das Leben ohne Plan und Ziel. Auch das eine Allusion – diesmal an Musils „Mann ohne Eigenschaften“, in dem die Vorbereitung der Feiern zum Thronjubiläum ein gesellschaftlich sanktionierter Vorwand für Ulrichs Müßiggang wird.

Der erste Teil endet mit dem Tod der Mutter. Zweiter und dritter Teil spielen in der Gegenwart, es fließt tagesaktuelles Geschehen wie der Arabische Frühling ein. Folgerichtig wechselt Dohrmann vom Präteritum ins Präsens. In diesen immer absurder werdenden Passagen muss Willem einsehen, dass die „Deckel drauf und Ruhe ist“-Methode irgendwann nicht mehr greift, dass längst beantwortet geglaubte Fragen plötzlich wieder virulent werden.

Dohrmann hat für diesen Roman ein Schreibstipendium erhalten. Im Nebenerwerb wäre diese Arbeit wohl kaum zu bewältigen gewesen und zwar nicht nur wegen des Umfangs. Der Autor hat an seinem Text gefeilt und geschmiedet, bis er zu dem wurde, was er ist. Jedes Bild, jede Naturstimmung wird in neue, ungewohnte, aber durchwegs treffende Worte gekleidet. Alles in allem ein wunderbares Buch, das einen ob der schieren Sprachmacht des Autors einsaugt und erst auf der letzten Seite wieder ausspuckt. Ein Buch für Menschen, die sich Zeit nehmen.

Neu Erschienen

Ralph Dohrmann

Kronhardt

Ullstein Verlag
928 Seiten
24,99 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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