Debatte: Ein irrer Trip zum hässlichen Deutschen

Der amerikanische Regisseur Tuvia Tenenbom erhitzt die Gemüter mit seinem satirischen Reisebericht „Allein unter Deutschen“. Angeblich traf er auf lauter Menschen, die so antisemitisch sind wie zu Hitlers Zeiten.

Symbolbild
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Symbolbild – (c) GEPA pictures (GEPA pictures Josef Bollwein)

Das Angebot klang verlockend: eine Reise durch Deutschland, bezahlt vom Verlag, der Bericht darüber frei im Stil und ergebnisoffen. Rowohlt versprach sich amüsante Kulturschock-Episoden eines intellektuellen Großmauls aus Amerika. Und Tuvia Tenenbom freute sich auf lockere Plaudereien an Theken und Kaminen, „mit netten, gebildeten Leuten“.

Sicher, da war noch die Sache mit dem Judentum. Tenenbom, der in New York das Jewish Theatre leitet, hat einen Teil seiner Familie im Holocaust verloren. Ein Opfer im Land der Täter, das birgt emotionalen Konfliktstoff. Aber mehr als „drei Seiten über die Juden“, beteuerte Tenenbom nun in Berlin vor der Auslandspresse, hatte er als Plan nicht im Gepäck.

Es sollte anders kommen. „Allein unter Deutschen“ wurde zur Abrechnung. Tenenbom verdammt die Deutschen als „antisemitisch und rassistisch bis ins Mark“, als „so selbstbetrügerisch und selbstgerecht wie kein zweites Volk“. Im Vorwort zur Originalausgabe heißt es, sie seien die gleichen Judenfeinde wie zu Hitlers Zeiten. Der Funken zündet: Das Feuilleton stürzt sich mit wollüstigem Masochismus in die neu entflammte Debatte um den hässlichen Deutschen.

Wie Michael Moore und „Borat“

2006 schien es, als hätten die Gastgeber der Fußball-WM diesen Untoten fröhlich feiernd zu Grabe getragen. Sie präsentierten sich als Menschen, die gelernt haben, historische Schuld ohne Ausflüchte zu tragen und dabei doch erhobenen Hauptes durch Leben gehen. Eine Nation, die ihre Symbole ins Spiel bringt und nach dem Spiel auf Nationalstolz verzichtet. Und dazu gute Figur macht wie ihre Kicker: cool, souverän, entspannt.

Nur schöner Schein? Tenenbom will es glauben machen. Als reiner Touri-Tor lockte er seine betulichen Deutschen, befangen in Bedenken und Gedenken, mit brutal direkten Fragen aus der Reserve und in den längst gewitterten Mief. Er entdeckt: Ordnungssucht, Gesetzeshörigkeit, den Gruppenzwang in der Vereinsmeierei, das manische Müllgetrenne, die ideologischen Abgründe hinter dem Tiefsinn. Ohne Struktur und Stringenz, wie ein Tagebuchschreiber, reiht er seine Impressionen aneinander. Mal liebt er die Deutschen, mal hasst er sie, ganz nach Laune.

Nicht nur seiner Statur nach erinnert der rabiate Provokateur an den US-Regisseur Michael Moore. Und er nimmt, bei reduziertem Klamauk, auch Anleihen bei Cohens kasachischer Kunstfigur „Borat“. Ähnlich fies, zuweilen ähnlich lustig. Das grimmige Fazit aber zeigt: Er meint es bier- und bitterernst. Fast wie ein Deutscher.

So hatte sich das Alexander Fest nicht vorgestellt. Der Rowohlt-Chef traktierte Tenenbom mit juristischen Einwänden und stilistischen Mängeln, bis dieser entnervt das Handtuch warf und in die ausgebreiteten Arme von Suhrkamp flüchtete. Heute zeiht der Autor auch Fest des Antisemitismus. Too much, gewiss, aber dass Rowohlt die beklemmende Episode in der Neonazi-Kneipe streichen wollte, beschert dem Gast aus Übersee einen Punktesieg.

Holzfäller und Ministerpräsident, linker Anarcho und Nazi, Promiwirt und Chefredakteur: Jeder kommt bei Tenenbom zu Wort. Das erweckt den Anschein anekdotischer Objektivität: „Ein Buch, das das Deutschland von heute in Wort und Bild enthält.“ Doch dazu ist es zu gnadenlos subjektiv – und oft genug auch einfach unfair.

In Hamburg gastiert ein Prophet und Wunderheiler, seine Anhänger himmeln ihn an. Ist das typisch deutsch? Nein, und der Bursche kommt auch aus den USA. Tenenbom aber notiert: „Erstaunlich, wie leichtgläubig diese Leute sind. Ihre Eltern glaubten einem kleinwüchsigen Österreicher, sie glauben einem hochgewachsenen Amerikaner.“ Nicht der einzige argumentative Kurzschluss, bei dem alle Sicherungen durchbrennen.

Und dann, vor allem, die Sache mit den Juden. Nicht drei, fast alle Seiten füllt sie. „Acht von zehn“ seiner Bekanntschaften hätten sich als Antisemiten entpuppt, sagt Tenenbom. Das ist, als ehrlicher Eindruck, zu akzeptieren. Repräsentativ ist es nicht. Das Phänomen ist erforscht: Zwischen 20 und 25 Prozent der Deutschen, sagen die Soziologen, sind zumindest latent antisemitisch. Schlimm genug.

Hohn über Gedenkstätten

Tenenbom konzediert: Der Antisemitismus sei meist „eher unbewusster“ Natur. Doch ähnlich unbewusst scheint er die Feindschaft zu suchen, bis er fündig wird. Mit inquisitorischem Eifer verurteilt er Dachauer Bürger, weil sie nicht in der Gesinnung ihrer Nachbarn aus der Kriegsgeneration bohren. Wenig später verhöhnt er die zahlreichen Gedenkstätten im Land: „Man kann die Juden nicht in Ruhe lassen“ und „Kommt endlich drüber hinweg!“ Ja, was denn nun?

Wie sehr sich Tenenbom in sein Leitmotiv verbeißt, zeigt sein Disput mit der „Süddeutschen“. In einem sonst rundum korrekten Artikel hieß es dort: „Der Jude Tenenbom traf so ziemlich alles: Fußballfans, Juden, Christen und Türken.“ Wegen der Formulierung „der Jude Tenenbom“ steht das Urteil über den Redakteur fest: ein böser Antisemit. So verkrampft sich der Autor – und der als hässlich erkannte Deutsche mit ihm.

Am Ende schüttelt Tenenbom sein Souvenir, eine Flasche mit Goldwasser. Da „steigt das Gold auf und erstrahlt in vollem Glanz“, wie auf der schwarz-rot-goldenen Fahne. Zu spät fürs versöhnliche Bild: Man kann auch schütteln, bis alles schwarz wird. Im Dunkeln aber sieht man nichts – auch nicht die Wahrheit über die Deutschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2012)

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