Aschenwald: „Ich sehe Frauen nicht gern als Opfer“

Barbara Aschenwald aus dem Zillertal stellt bei der Buchmesse in Leipzig ihren ersten Roman vor. Mit der „Presse“ sprach sie über Angst, psychische Krankheiten, Macht der Frauen und die Hinwendung zum Hässlichen.

Barbara Aschenwald
Barbara Aschenwald
Barbara Aschenwald – Thomas Schafferer / Tiroler Literaturclub Cognac & Biskotten

Die Presse: Sind Sie das erste Mal in Leipzig?

Barbara Aschenwald: Ja, ich bin das erste Mal auf einer Buchmesse. Ich habe ziemlich Angst.

Wovor?

Überall, wo große Menschenmengen sind, verstecke ich mich gern. Ich bin das nicht gewöhnt. Es ist ja auch ein Unterschied, ob man als Besucher da ist oder sein eigenes Buch ausgestellt sieht.

Ein bisschen Erfahrung mit Publikum haben Sie aber doch schon gehabt, weil Sie ja bei den Telfser Volksschauspielen mitgearbeitet haben.

Ja, aber das ist etwas ganz anderes, in Telfs mache ich vor allem Öffentlichkeitsarbeit.

Aber Sie haben doch auch Regie gemacht.

Nur Assistenz. Im Vorjahr habe ich auch eine Hosenrolle beim Shakespeare gespielt. Aber da steh ich nicht als ich selber da. Das ist fein. Da geht's nicht um den eigenen Text.

Sie kommen aus dem Zillertal, das ja vor allem durch die Schürzenjäger bekannt ist. Wie geht's einer Künstlerin in Tirol?

Tirol steht ja vor allem für seine Musikanten, für seine Volkskultur und für die Schützen. Drum sagt man hier ja: „Konnst nit blasen, konnst nit spritzen, dann gehst zu die Schitzen.“ Das heißt, wenn du nicht zu den Musikanten taugst oder zur Feuerwehr, dann gehst halt zu den Schützen. Aber es gibt eine Menge Schriftsteller im Innsbrucker Raum, und man kennt sich einfach, weil es hier recht kleinräumig ist.

Haben Sie die Aufregungen um Felix Mitterers „Tatort“ mitbekommen, in dem es um Kriminalfälle rund um die Telfser Moschee geht?

Nur am Rande. Das Minarett der Moschee war schon lange davor ein Ärgernis bei Teilen der Bevölkerung. Aber Telfs rühmt sich ja der kulturellen Vielfalt, das hat dort Tradition, seit die Volksgruppe der Jenischen dort überwintern durfte. Woanders mussten die stets nach drei Tagen weiterziehen, aber in Telfs durften sie den Winter über ihre Zelte aufschlagen. Deshalb war Telfs verschrien als offene Gemeinde. Außerdem steht das Minarett ziemlich außerhalb. Das übersieht man, wenn man im Ort ist.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Ich schreibe, seit ich 15 bin. Mein Vater ist Autor. Er hat vor allem Lyrik geschrieben, womit er einen schweren Stand hatte, und hat trotzdem im Berliner Wagenbach veröffentlicht. Er war der erste österreichische Lyriker seit Erich Fried, der dort verlegt wurde.

Wie kommt man als junge Tiroler Autorin zu einem Thema wie der „somatoformen Dissoziation“, wie die Krankheit der Protagonistin in Ihrem Roman „Omka“ genannt wird?

„Omka“ ist ein modernes Märchen. Das ist bewusst so gemacht, um die Geschichte nicht nur im Hier und Jetzt zu verorten. Ich will zeigen, dass es Phänomene wie das von Omka, mit ihrem Gefühl des permanenten Mangels, immer schon gegeben hat. Nur dass man das früher anders benannt hat. Heute würde man es einen pathologischen Zustand nennen, in dem ein traumatisches Geschehen körperlich verarbeitet wird. Omka selbst sagt ja von sich, dass sie gar keine Seele hat.

Wie kommt man zu einer solchen Figur?

Man muss nur die Augen offen halten. Anstoß dazu habe ich in einem Zeitungsartikel gefunden. Omka gibt's als reale Person bzw. hat es gegeben. Es stellt sich aber auch die Frage, ob sie überhaupt ein Mensch ist.

Sie wird ja einmal als Nixe bezeichnet.

Es gibt Gerüchte, weil sie ja dauernd nach Luft schnappt. Sie selber sieht sich nicht so, sie weiß, dass das ein Blödsinn ist. Es gibt keine Nixen.

Als Frau kommt Omka aber nicht gut weg in dem Buch. Ihre Gewalttätigkeit macht sie nicht gerade sympathisch.

Es ist ein weibliches Problem, das im Mittelpunkt dieser Geschichte steht: dass man bei allem, was man tut und hat, nicht den Eindruck hat, man hätte das Recht zu existieren und für sich Forderungen zu erheben. Sie sagt ja, sie hat keinen Platz. Sie ist getrieben von ihrer Sehnsucht nach einem Ort auf dieser Welt. Deshalb meint ihr Mann Josef auch, sie wolle unbedingt das Haus haben, in dem er lebt. Aber sie will eigentlich nur Boden unter den Füßen. Es geht heutzutage in der Literatur nicht mehr anders als über die Hinwendung zum Hässlichen, zu dem, was fehlt. Wie Yeats sagt: Schönheit kann auch aus dem Schrecken geboren werden. Ich bin überzeugt, dass das Destruktive ganz viele Frauen betrifft, dass das ein weibliches Problem ist. Deshalb ist es ein Buch für Frauen.

Das steht dem Frauenbild unserer Zeit aber ziemlich entgegen. Mit Feministinnen werden Sie da Probleme bekommen.

Wenn man die Frau als Opfer sehen will, dann wird man das Buch vielleicht nicht gern lesen. Aber ich sehe Frauen nicht gern als Opfer. Omka ist auch kein Opfer: Sie nimmt am Ende alles mit sich unters Wasser. In der Frage „Frau als Opfer“ lege ich mich gern mit Feministinnen an, weil Frauen immer Macht gehabt haben – nur eine andere Macht als Männer. Der Anthropologe Wolf-Dieter Storl hat einmal gesagt: ,Es wird in der Gesellschaft erkannt, dass Frauen die besseren Arbeiter sind. Wir werden es also bald so weit haben, dass die Frauen alle Arbeit machen. Wir Männer können dann endlich auf der Couch liegen und unser Bier trinken.‘

Zur Person

Barbara Aschenwald wurde 1982 in Tirol geboren, sie ist im Zillertal aufgewachsen. Sie studierte vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck, schrieb Lyrik, Prosa und Hörspiele. Sie ist Regieassistentin und Öffentlichkeitsarbeiterin bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs und verfasste das Hörspiel „Manchmal fürchte ich mich vor dem Fleisch, aus dem ich gemacht bin“ (2005, ORF Tirol). Für ihren ersten Erzählungsband „Leichten Herzens“ (2010) wurde sie mit dem mit 15.000 Euro dotierten Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet. Soeben erschien ihr Debütroman „Omka“ bei Hoffmann und Campe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2013)

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