"Stoner": Spröde, aber meisterlich

Ein Universitätsroman der anderen Art ist "Stoner". Er erzählt ganz unzynisch vom unspektakulären Leben eines mittelmäßigen Literaturprofessors. Eine Wiederentdeckung.

Stoner Sproede aber meisterlich
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Stoner Sproede aber meisterlich
Stoner Sproede aber meisterlich – (c) beigestellt

Die Universität: altehrwürdiger Tempel des Wissens oder Jahrmarkt der Eitelkeiten? Wenn man sich das Genre der „Campus Novel“ ansieht, das vor allem im englischsprachigen Raum verbreitet ist, tendiert die Sichtweise eher in Richtung Jahrmarkt.

Die Satire ist eine beliebte Darstellungsform von Autoren wie David Lodge („Changing Places“), Jonathan Frantzen („The Corrections“) oder Michael Chabon („Wonder Boys“), die den Uni-Betrieb als Hort der Intrigen, Schauplatz sexueller Eskapaden und gescheiterter Existenzen darstellen.

Ganz anders John Williams. Seinem Protagonisten William Stoner ist die Universität von Missouri im Mittleren Westen der USA ein heiliger Ort. Hier entdeckt der einfache Bauernsohn, der eigentlich Agrarwissenschaften studieren soll, um dann den Hof seiner Eltern zu übernehmen, Anfang des 20. Jahrhunderts seine eigentliche Berufung: die Literatur.

Doch diese Offenbarung führt nicht zu einem kometenhaften Aufstieg. Gleich zu Beginn des Romans wird klargestellt, wie mittelmäßig und unspektakulär die Karriere Stoners verlaufen ist: „Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahmen, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn.“

Miese Ehe. Dazu kommt eine miserable Ehe mit einer Frau, die ohne Weiteres in die Hitliste der hassenswertesten fiktiven Gestalten eingehen darf, die die Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Stoner erträgt sein Los mit einer oft schwer erträglichen Schicksalsergebenheit. Er erkennt glasklar, was schiefläuft, und unternimmt trotzdem nichts. Ein einziger Ausbruchsversuch scheitert.

Die Universität ist für Stoner ein Zufluchtsort, an dem er sich in Recherchen verlieren kann. Er betreibt penible Quellenstudien und verachtet alle, die mit blumigen Worthülsen heiße Luft verkaufen. So zieht er sich einen Feind fürs Leben zu, einen Professorenkollegen, dessen Protegé Stoner gnadenlos durchfallen lässt.

Trotz des spröden Stoffes ist der Roman eine Entdeckung, eine Wiederentdeckung genauer gesagt. „Stoner“ erschien in den Vereinigten Staaten erstmals im Jahr 1965.

Williams, selbst Literaturdozent an der University of Denver, blieb aber unbekannt. Erst nach seinem Tod 1994 wurde „Stoner“ von Edwin Frank, dem Begründer der legendären Reihe „New York Book Review Classics“ aus der Versenkung geholt.

Bestseller in Israel. Die 2003 erschienene US-Neuausgabe verkaufte sich über 40.000 Mal. In Israel steht der Roman seit eineinhalb Jahren auf der Bestsellerliste, in Frankreich wurde er nicht zuletzt auch dank der Übersetzung der Autorin Anna Gavalda („Zusammen ist man weniger allein“) bekannt. Jetzt erscheint „Stoner“ erstmals in der ausgezeichneten deutschen Übersetzung von Bernhard Robben.


Verliebt in Stoner. Anna Gavalda bekannte, sie habe sich in Stoner verliebt. Und tatsächlich, die Figur des integren, ernsthaften, weltfremd-schrulligen Stoner entwickelt eine zurückhaltende Intensität. John Williams ist ein exzellenter Erzähler, der den Leser auf fast beiläufige Weise in seinen Bann zieht. Seine Sprache ist meist asketisch-streng, überrascht manchmal aber mit irisierend-schönen Momenten. Stille Wasser sind tief. Das gilt für Stoner wie auch für dessen Schöpfer.

Neu Erschienen

John Williams
„Stoner“
übersetzt von
Bernhard Robben
dtv
351 Seiten
20,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2013)

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