Glavinic: "Nicht alles so friedlich, wie es scheint"

Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic hat mit "Das größere Wunder" einen Roman über Träume und Albträume geschrieben: Im Mittelpunkt steht der Mount Everest. Ein "Presse"-Interview.

Glavinic Nicht alles friedlich
Glavinic Nicht alles friedlich
Glavinic – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

„Das größere Wunder“ spielt zum Teil auf dem Mount Everest: Hätten Sie Lust, dort selbst hinaufzusteigen?

Thomas Glavinic: Sehr gern, aber nicht weiter als bis zum Basislager. Ich weiß, dass ich dort nichts verloren habe. Nicht, weil ich es nicht schaffen würde, denn vermutlich kann jeder da rauf, der sich entsprechend vorbereitet und die nötige Leidensfähigkeit mitbringt, notfalls wird er hinaufgetragen. Ich hätte das Gefühl, jenen den Platz wegzunehmen, für die das eine Berufung ist.


Und ein anderer Berg?

Den Kilimandscharo wollte ich mit Gerfried Göschl besteigen, einem Jugendfreund. Von ihm habe ich über das Höhenbergsteigen Dinge erfahren, die man gar nicht oder nicht leicht nachlesen kann. Was macht eine Expedition auf einem dieser Berge, wenn ein Mitglied stirbt? Man fotografiert die Person, eine bürokratische Notwendigkeit. Gerfried kam 2012 beim Versuch der ersten Winterüberschreitung eines 8000ers ums Leben. Natürlich hatte ich mir immer um ihn Sorgen gemacht. Ich wusste ja, wenn man dort hinaufgeht, kann man sterben.


Fast in jeder Szene, die auf dem Everest spielt, kommt ein Toter vor. Hat das mit dem Unglück Ihres Freundes zu tun?

Nein. Dort oben liegen viele Tote, und nicht seit gestern, sondern schon lange, man kann sie ab einer gewissen Höhe ja nicht mehr abtransportieren. Anhand der Leichen könnte man vermutlich die Entwicklung der Bergsteigermode der vergangenen Jahrzehnte beobachten.


Wann hatten Sie die Idee, über den Mount Everest zu schreiben?

Dass ich über Bergsteigen schreiben würde, wusste ich schon lang. Eigentlich dachte ich an ein Buch über die Eiger-Nordwand, die Toni-Kurz-Tragödie, aber dann kam der Film heraus, und zudem wurde für mich immer deutlicher, der Eiger ist zu niedrig, mein Held muss weiter hinauf, dorthin, wo die Luft so dünn wird, dass der Mensch nicht selten zu halluzinieren beginnt, so hoch, dass die Leute allein an der Höhe sterben können. Es ist ziemlich problematisch, einen Berg als Metapher zu verwenden, aber eines stimmt schon: An einem Berg wie dem Everest kann einem Bergsteiger alles passieren. Das ist ein Gefühl, das mich stets begleitet: Dass nicht alles so friedlich ist, wie es scheint. Dort oben ist das wenigstens klar.


Ist verdrängen nicht auch schön?

Ich kann gar nichts verdrängen. Mein Leben findet so statt. Es ist vom ständigen Bewusstsein einer unsichtbaren Gefahr geprägt. Das hört sich paranoid an, und es ist nicht so, dass ich glaube, ständig von unsichtbaren Mächten verfolgt zu werden. Aber die Angst ist da.


Sie sprechen von Angst, aber Sie fahren schnell Auto.

Ich bin durch Grenzüberschreitungen auch Ängste losgeworden: etwa die Flugangst, indem ich viel geflogen bin.


Da geht man ja nicht an Grenzen.

Das schätzen Sie falsch ein! So lustig das klingt, bei meinem Flugangstseminar hatte ich tatsächlich eine außerkörperliche Wahrnehmung vor lauter Angst. Ich sah mich, wie ich mich hinsetzte und mich anschnallte, ich war auf Sitzplatz 2e und mein Körper auf Platz 2f. Natürlich war das abstrakt. Ich hatte einmal konkrete Todesangst, bei einem Autounfall vor zwei Jahren, doch abstrakt heißt nicht, dass es angenehmer ist. Nur anders.

Sie hatten bei Ihrem Unfall Zeit für Angst?

Ja, weil alles ganz langsam abläuft.


Das ist nicht nur in Romanen so?! Können Sie abrufen, was geschehen ist?

Jede Sekunde. Einerseits hat mich diese Erfahrung gelassener gemacht. Doch man fragt sich auch: Wie wird es wirklich sein, wenn es so weit ist, wenn ich sterbe? Ich empfinde es als einen ekelhaften Gedanken, dass das, mit dem ich die Welt verlasse, etwas so Negatives sein könnte wie Angst. Das ist so – unästhetisch. Der Tod sollte das Leben abrunden, damit das Ganze ein schönes Bild ergibt.


Es ist ja keiner mehr da, der das Bild sieht.

Da bin ich mir nicht so sicher.


Dass Ihr Held Jonas Dinge ausprobiert, von denen er nicht weiß, welche Konsequenzen sie haben, können Sie also nachvollziehen?

Das tut man ja schon, wenn man nur die Tür hinter sich zumacht – und davor hat man das Leben auch nicht in der Hand. Aber extreme Lebenserfahrung kenne ich. Ich bin keiner, der sich ständig nach Adrenalinausschüttung sehnt, aber fast alles, was ich gern mache, mache ich extrem, zum Teil ungesund extrem. Mir ist klar, dass es sich dabei nicht gerade um eine Charakterstärke handelt, aber wie heißt es? Man kann sich nicht ändern, man kann sich nur zügeln.


Sie steuern also gegen?

Na ja, einerseits genieße ich hohe Geschwindigkeit in einem Auto, aber wenn ich mir vorstelle, ich würde jemanden dadurch verletzen, weiß ich nicht, wie ich danach jemals wieder froh werden könnte. Der arme Zuglenker, in dessen Zug vor ein paar Wochen siebzig Menschen gestorben sind und über den so viele Leute die fürchterlichsten Verwünschungen abgesondert haben, tut mir in erster Linie leid. Der wird nie wieder viel Spaß haben. Ja, ich hadere mit meinem Hang zur Grenzüberschreitung, aber ich glaube auch nicht, dass man sich immer an das Erlaubte halten muss, solange man mit einer gewissen Selbstverantwortung handelt.


Ich habe mich immer geärgert, wenn mein Vater sich nicht angeschnallt hat.

Ich schnalle mich immer an, weil ich weiß, wie ich fahre.


Die neuen Autos piepsen ja jetzt.

Unverschämtheit. Ich finde ja schon die Gurtenpflicht problematisch, aber dass mir mein Auto vorschreibt, mich anzuschnallen, finde ich frech! Das Auto soll ruhig sein und mich machen lassen, und es soll auch nicht automatisch bei Rot den Motor abstellen. Dieses ständige Eingreifen in die Entscheidungsgewalt der Menschen nervt.


Die Gurtenpflicht hat viele Leben gerettet.

Ja klar. Aber Menschen sollten auch die Freiheit haben, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, wenn sie sich das unbedingt einbilden, zumindest solange sie niemand anderen gefährden. Wenn jemand meint, er muss sich zu Tode fressen, dann soll er es in Gottes Namen tun. Wenn jemand lieber ohne Helm Motorrad fährt – er ist erwachsen und weiß, worauf er sich einlässt. Und diese ständigen Vorschriften, die uns sagen, wir müssen fit sein, schlank sein, hier perfekt sein, dort perfekt sein, sonst bewältigen wir unseren Job nicht, sonst sind wir kein attraktiver Sexualpartner – oh Gott. Ich möchte in keiner lasterfreien Welt leben, in keiner Welt, in dem es keine Süchte und keine Exzesse und keine Prostitution und keine Überspanntheiten und keine Fehler gibt.

In einer Szene bleibt Jonas im Bus sitzen, er fährt weiter, obwohl er genau weiß, dass er dann weit zurücklaufen muss. Warum?

Ich habe das als Kind selbst gemacht, und zwar häufiger. Ich weiß den Grund nicht. Ich wusste, es ist sinnlos, aber ich habe es trotzdem gemacht. Und das Resultat war ein rauschhaftes Gefühl, das mich reicher gemacht hat. Man stellt sich absichtlich ein Bein und schaut, was passiert.


Wenn man sich selbst ein Bein stellt, erwartet man, dass man sich eh abfängt.

So weit dachte ich nie. Ich habe es gemacht, weil es Unsinn ist, sinn-los. Das Sinnlose hat mich immer fasziniert. Damit meine ich keine Albernheiten, die sind nach drei Minuten uninteressant. Aber mein Jonas sperrt sich etwa zwei Jahre in einer Wohnung ein, zwei Jahre ohne soziale Interaktion. Ich habe das einmal versucht, nach zwei Wochen musste ich abbrechen.


Angeblich wird man nach wenigen Tagen verrückt ganz ohne soziale Kontakte.

Halten Sie mich für normal?


Ja.

Ich nehme das als Kompliment. Und die Frage war ein Witz.


„Das größere Wunder“ erzählt auch eine fast märchenhafte Liebesgeschichte. Gibt es die große Liebe?

Ja, aber ob man sie trifft, ist Glückssache. Es wird so viel geschrieben über enttäuschte Liebe, ich wollte etwas über Liebe im Positiven schreiben, und ich habe mir Mühe gegeben, mich nicht im Kitsch zu verlieren. Aber verliebte Menschen sind kitschig! Zwei Verliebte schauen sich in die Augen und müssen lachen, weil die Situation so kitschig ist. Sie lachen über ihr eigenes Grinsen. Ist das schlecht?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2013)

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