Jarosinski: "Das schönste deutsche Wort ist Stillstand"

Als @NeinQuarterly vermittelt der amerikanische Germanist Eric Jarosinski auf Twitter zehntausenden Fans die abgründige Schönheit deutscher Sprache und Denkart. Ein Gespräch über Klischees, Kafka und den Reiz des Umlauts Ü.

(c) Clemens Fabry

Die Presse: Zu Beginn unseres Gesprächs müssen wir etwas tun, das im Englischen nicht nötig ist – nämlich klären, ob wir per Du oder per Sie sein sollen.

Eric Jarosinski: Gern per Du.

>>Eric Jarosinski vulgo @NeinQuarterly auf Twitter

Das ist für mich als Fragesteller natürlich ein Problem. Da entsteht beim Leser der Eindruck, dass wir fraternisieren.

Ach so. Dann bleiben wir beim Sie.

 

Mir ist das ja eigentlich egal. Was ich eigentlich wissen will: Wie erklären Sie Ihren amerikanischen Studenten diesen Unterschied?

Nun, ich erzähle ihnen eine Anekdote von meinem ersten Tag als Student in Deutschland. Ich habe damals andere Studenten im Wohnheim gesiezt. Die waren nämlich deutlich älter als Studenten in Amerika. Die fanden das ziemlich witzig. Ich erkläre meinen Studenten dann, inwiefern das ein Fehler war – aber auch, inwiefern es ein Fehler ist, wenn man den Zugschaffner duzt. Ich habe einmal eine Liste gefunden mit den verschiedenen Geldstrafen, die man in Deutschland für die Amtsbeleidigung von Polizisten zahlt. „Bulle“ kostet 50 Euro oder so, „du“ kostet auch etwas. Zumindest vor rund zehn Jahren.

 

Und wenn man „du Bullenschwein“ sagt, wird es noch einmal teurer.

Ja, das denke ich auch. Übrigens werden auch im Englischen Umgangsformen immer schwieriger. „Du“ und „Sie“ haben wir ja nicht. Meistens werde ich in E-Mails mit „Dear Professor Jarosinski“ adressiert. Vor einigen Tagen erhielt ich aber ein Mail, das mit „Hey!“ begann. Und das war's.

 

War das ein E-Mail mit vielen Smileys?

Das zum Glück nicht. Das wäre ein Eklat.

 

Ich habe für unser Gespräch über die Unterschiede zwischen Amerika und Europa Franz Kafkas Romanfragment „Amerika“ mitgebracht.

Ah, das habe ich immer wieder im Unterricht behandelt.

 

Wenn man das liest, merkt man nach ein paar Zeilen, dass Kafka nie in Amerika war. Schon im ersten Absatz schreibt er, wie die Freiheitsstatue ihr Schwert in die Höhe hält. Das ist doch absurd.

Ja, absurd. Aber es ist genauso wichtig zu erkennen, welches Bild sich Amerikaner von Amerika machen. Darum sind mir Austauschstudien so wichtig. Man erkennt als Außenseiter viel an einer Kultur, das man sonst nicht sehen würde. Gerade bei Kafkas „Amerika“ kann man sagen: Gut, Amerika kennt er nicht. Aber es hat mit den gängigen Vorstellungen von Amerika zu tun. Die sind einerseits Fantasie, aber andererseits sind das recht konkrete Vorstellungen über diese Kultur. Ich habe mit meinen Studenten oft daran gearbeitet, was es heißen würde, sich als Amerikaner so ein Bild von Europa zu machen – und ob man sich mit diesem Bild auseinandersetzen könnte.

Wie geht das?

Ich erzähle dann von meinem ersten Tag im Wohnheim in Bonn, als der eine, der mir gegenübersaß, gleich sagte: „Wir werden uns ja nicht verstehen, denn ich weiß, wie es in Amerika ist.“ Dann kam die lange Liste der uralten Klischees. Am Ende des Jahres hat er gesagt: „Du bist aber die Ausnahme.“ Das war schon ein Erfolg.

 

Woher rühren die Amerika-Klischees der Europäer?

Ich denke, in Amerika ist es sehr leicht, dass man groß wird, ohne die eigene Machtposition infrage zu stellen. Das ist eine Gesellschaft, die einem permanent sagt: Du lebst in dem besten Land der Welt. Ich finde das unvorstellbar. Aber man wird mit diesem Ethos erzogen.

 

Kafka ist ja Karl May für Existenzialisten: Er war nie dort, aber was er beschreibt, ist doch recht zutreffend.

Stimmt. Das ist bei Brecht auch so. Der hat sich intensiv mit den Rohstoffmärkten beschäftigt, um zu wissen, wie der Kapitalismus in der Tat funktioniert. Manchmal ist es fast nötig, dass man nicht in den Dingen steckt, um sie gut zu sehen. Entfremdung kann ja eine Gabe sein.

 

Was ist das häufigste Österreich-Klischee Ihrer Studenten?

Leider steht Österreich in Amerika noch immer für „The Sound of Music“. Die Alpen...

 

...Edelweiß...

Ja. Niemand kennt den Film in Europa, aber hier ist er sehr populär. Man denkt auch an Wien, Fin de Siècle, Jugendstil, Kaffeehäuser, Oper. Meiner Erfahrung nach haben die Studenten kaum eine Ahnung von Österreich – aber dafür sind sie sehr offen.

 

Was ist das Geheimnis Ihrer Twitter-Person @NeinQuarterly?

Dass man nachdenken muss, welche Wirkung ein kurzer Satz hat. Die Kunst dabei ist es, zu erkennen, was ein breiteres Publikum anspricht. Von Nietzsche zum Beispiel kennt jeder drei, vier Begriffe. Diese Einschränkung fördert die Kreativität.

 

Was ist das schönste deutsche Wort?

Stillstand. Denn auf Englisch ist das „Standstill“. Diese komplette Umkehrung eines Wortes, das doch für Unbeweglichkeit steht, finde ich schön.

 

Und wieso ist das Ü Ihr liebster Umlaut?

Weil die Leute das Ü mit neuen Augen sehen, wenn man ihnen sagt, dass es auch ein Smiley ist. Das ist meine Aufgabe: das Außergewöhnliche im Normalen zu zeigen. Das Ü bringt insofern vieles zusammen, worum es bei @NeinQuarterly geht: Trauer, Verzweiflung, eine Rolle spielen zu müssen, die man hasst. „Awkward“, peinlich, ist unser Zeitalter. Ich trauere sehr vielem nach.

Wieso?

Ich habe zum Beispiel durch Twitter eine Beziehung verloren, weil ich so unerträglich war. Wenn der Freund ständig am iPhone hängt und tweetet, ist das für eine Frau ja nicht schön. Diese blöden Witze hatten einen hohen Preis.

DER AUTOR

Eric Jarosinski arbeitete als Germanist an der Uni in Philadelphia. Den Frust über die akademische Tretmühle lebt er auf Twitter als @NeinQuarterly aus. Fast 40.000 Menschen folgen ihm dort. Nun bekommt er eine Kolumne in der „Zeit“. [ University of Wisconsin-Madison]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2013)

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