Dreyfus und der Whistleblower

Robert Harris erzählt in "Intrige" die Dreyfus-Affäre nach, er verschiebt allerdings den Blickwinkel. Ein bemerkenswert gut choreografiertes Buch.

AUTOR ROBERT HARRIS
AUTOR ROBERT HARRIS
AUTOR ROBERT HARRIS – APA

Der Mief längst vergangener Zeiten klebt an den schmutzigen Wänden. Es ist dunkel. Durch die Schächte zieht der erbärmliche Gestank der Pariser Abwasserkanäle direkt in die trostlosen Räume der Statistikabteilung, wo Oberstleutnant Marie-Georges Picquart täglich versucht zu begreifen, was hier gerade passiert. Erst vor einigen Monaten haben sie ihn verurteilt, degradiert, öffentlich gedemütigt und auf die südamerikanische Teufelsinsel verbannt, den Verräter und Spion der Deutschen, Hauptmann Alfred Dreyfus.

Picquart war nicht unbeteiligt an diesem beispiellosen Schauspiel, hat er doch nicht zuletzt seine Beförderung zum Chef der Statistikabteilung – eine verharmlosende Bezeichnung für den militärischen Geheimdienst – dem Fall Dreyfus zu verdanken. Aber in diesen bestialisch riechenden Räumen geht die Rechnung nicht auf. Denn je länger Picquart in der Dreyfus-Affäre herumstochert, desto deutlicher ist die Unschuld des Hauptmannes zu erkennen. Die Beweise gegen ihn sind nicht mehr als ein jämmerlich zusammengeschustertes Konstrukt aus Halbsätzen und Lügen.

Picquart will, trotz eindringlicher Mahnungen vom Kriegsminister abwärts, seine Recherchen nicht aufgeben. „Ich kann einfach nicht“, sagt er zu seinem Stellvertreter, Major Hubert-Joseph Henry, „Es geht gegen meine Natur. Dafür bin ich nicht in die Armee eingetreten.“ Picquart riskiert seinen Kopf. Und Robert Harris begleitet ihn.

Hang zum Historischen. Der routinierte Autor mit Hang zum Historischen widmet seinen neuen Roman „Intrige“ der Dreyfus-Affäre im Frankreich der 1890er-Jahre. Der Romanname ist Programm. Wie ein Spinnennetz dehnt sich die Intrige rund um den jüdischen Hauptmann Dreyfus aus, es ist ein Zusammenspiel von antijüdischer Hetze, dem Eifer karrieristischer Militärs sowie adeliger und klerikaler Interessenvertreter.

Harris erfindet das Rad nicht neu, denn: Was ist nicht schon über die Dreyfus-Affäre geschrieben worden! Aber dem Autor gelingt es, den Blickwinkel zu verschieben, ohne die Geschichte zu verstellen. Harris' Icherzähler ist Picquart, ein gewissenhafter, bisweilen knochentrockener Militär, der in der Spionage landet, obwohl er sie für Schmutzarbeit hält. Aber langsam setzt er in seiner neuen Position die Puzzleteile der Dreyfus-Affäre zusammen, macht Major Marie Charles Ferdinand Walsin-Esterházy als den eigentlichen Spion aus, enttarnt sein nahes Arbeitsumfeld.

Harris stellt seinen Picquart wohl ein bisschen zu enthusiastisch und verklärt dar, aber jeder seiner Schritte hallt im Kopf des Lesers nach. Das ist der unprätentiösen Sprache des Autors geschuldet, seiner gründlich dargestellten Chronologie. Harris lässt keinen Protagonisten der Affäre aus, beschreibt eindringlich ihre dicken Bäuche, rote Nasen, pompösen Roben und schmutzigen Monokel. Ein bemerkenswert gut choreografiertes Buch.


Der Armee verpflichtet. In einem Interview hat Harris Picquart den „ersten Whistleblower der Geschichte“ genannt. Ein direkter Vergleich zu den zeitgenössischen Whistleblower drängt sich allerdings nicht auf, zumal sich Harris' Picquart der Armee sehr wohl verpflichtet fühlt – und auch die langfristigen Auswirkungen der Enthüllungen von Julian Assange und Edward Snowden noch nicht greifbar sind (wiewohl sie in der kurzen Zeit seit ihrer Veröffentlichung ebenfalls ein Erdbeben ausgelöst haben). Nicht zuletzt spielt im Fall Dreyfus der giftige Antijudaismus eine tragende Rolle.


Vor den Augen des Lesers.
Was das Buch nicht gestrig macht, ist das ewige Spiel um Macht und Kontrolle. Zudem schreibt Harris in der Gegenwartsform, ein raffinierter Griff, um die Affäre seinen Lesern so darzustellen, als passierte sie gerade. In seinem Vorwort schreibt der Autor, dass er genötigt war, „zu vereinfachen, zu dramatisieren“, damit das Konzept eines Romans auch sinnvoll ist. Kenner der Dreyfus-Affäre (und auch die anderen) werden wohl darüber hinwegsehen können, denn Harris' neuer Politthriller ist ein wirklich gutes Stück.

Neu Erschienen

Robert Harris
„Intrige“
übersetzt von Wolfgang Müller

Heyne Verlag
622 Seiten
23,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2013)

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