Sarrazin schreibt über „Tugendterror“ – und hat oft recht

In „Deutschland schafft sich ab“ kritisierte Thilo Sarrazin die Intelligenzsenkung im Land durch Zuwanderung, „Der neue Tugendterror“ widmet sich dem „Gleichheitswahn“.

Thilo Sarrazin Buchpraesentation DEU Deutschland
Thilo Sarrazin Buchpraesentation DEU Deutschland
Thilo Sarrazin – (c) imago/IPON (imago stock&people)

Wenn es um Thilo Sarrazin geht, wird es in der Regel skurril. Aber nicht, weil das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank „krause“, angeblich „rassistische“ und „extrem rechte“ Thesen verbreitet, sondern weil er im Großen und Ganzen vernünftige, intelligente und bedenkenswerte Sachen sagt und trotzdem meist so dargestellt wird, als wäre er der Leibhaftige.

Das begann 2010, als Sarrazin sagte, der gesamtdeutsche Intelligenzdurchschnitt sinke durch die Zuwanderung schlecht ausgebildeter Migranten. Im selben Jahr schrieb er im Buch „Deutschland schafft sich ab“ neben vielem anderem, das ökonomische Potenzial Deutschlands sinke durch die Zuwanderung, weil durchschnittlich Eltern mit geringerem sozioökonomischem Status, geringerem Bildungsgrad und geringerer Intelligenz mehr Kinder bekämen. Sarrazin war und ist weit davon entfernt, Intelligenz oder andere Eigenschaften als unveränderbare genetische Gegebenheiten zu sehen, weder von Einzelnen noch von „Völkern“; trotzdem wird er meist als Persona non grata behandelt, die nur deswegen nicht „totgeschwiegen“ wird, weil sie sich für Schlagzeilen eignet.

Allerdings verblassen diese allmählich. Als „steile These“ in Sarrazins soeben erschienenem Buch, „Der neue Tugendterror – Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“, wussten etwa das Magazin „Focus“ und „Die Welt“ nur von Sarrazins Behauptung zu berichten, dass Männer gleichzeitig klüger und dümmer seien als Frauen – sprich, die Intelligenz der Männer sei breiter gestreut, es gebe mehr Männer mit sehr hohem und sehr niedrigem IQ.

 

Zu „steil“ für einen Harvard-Rektor

Für Menschen wie den deutschen Intelligenzforscher Detlef Rost ist das eine Selbstverständlichkeit, viele Wissenschaftler kommen seit Jahrzehnten zu diesem Schluss. Dennoch verlor Larry Summers 2005 sein Amt als Harvard-Rektor, weil er meinte, dass die männliche Dominanz im naturwissenschaftlichen Spitzenbereich auch damit zu tun haben könnte. Offenbar gelten die „beobachtbare Wirklichkeit und ihre widerborstigen Zusammenhänge“, zu deren Anwalt sich Sarrazin im Buch erklärt, nichts, wenn sie gegen gewisse Denkschranken verstoßen (oder zu verstoßen scheinen).

Einer speziellen Art von Denkschranken widmet sich Sarrazins Buch: den durch „ein marodierendes Gleichheitsbedürfnis“ entstandenen. Die Idee, dass „ungleich“ gleich „ungerecht“ sei und jede Feststellung von Ungleichheit Diskriminierung, bewirke „eine Moralisierung von Fragestellungen und eine Beschränkung von zulässigen Antworten“.

Sarrazin deutet die Entstehung von Meinungszwang und speziell dieses „Tugendterrors“ holprig historisch (Christentum, Französische Revolution, Sowjetkommunismus) und nachvollziehbar psychologisch. So meint er unter Berufung auf Freuds Tabu-Theorie, dass die von ihm angesprochenen Tabus von „verdrängten feindseligen Gefühlen“ herrühren könnten, oder beschreibt gemäß Elisabeth Noelle-Neumanns „Schweigespirale“-Theorie die Entstehung von Meinungszwang als Folge der Isolationsfurcht Einzelner. Und er führt Zeugen an wie Machiavelli und Alexis von Tocqueville. „Die Mehrheit umspannt in Amerika das Denken mit einem erschreckenden Ring“, schilderte dieser. Man ersetze „Mehrheit“ durch „Mehrheit der Medien“, schreibt Sarrazin, und man habe ein Bild des zeitgenössischen Deutschland.

„Der neue Tugendterror“ bringt all diese gar nicht neuen Befunde klar, unaufgeregt und etwas pedantisch. Es ist anregende Populärliteratur, nur wenn Sarrazin recht witzig die „14 Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“ formuliert, blitzt der Polemiker durch. Zu diesen „Axiomen“ gehören etwa: „Ungleichheit ist schlecht“, „Die menschlichen Fähigkeiten hängen fast ausschließlich von Bildung und Erziehung ab“, „Wer reich ist, sollte sich schuldig fühlen“, „Der Islam ist eine Kultur des Friedens“ oder „Das klassische Familienbild hat sich überlebt“. Sarrazin hat nichts gegen ein Adoptionsrecht für Homosexuelle, doch eine dauerhafte Gemeinschaft von Mutter und Vater biete Kindern die besten Bedingungen, daher seien solche Gemeinschaften gesellschaftlich zu fördern. Da kann man oft durchaus über vorschnelle Schlüsse und mangelnde Belege diskutieren. Die sind allerdings bei derlei nicht streng wissenschaftlichen Publikationen gang und gäbe, werden aber gern ignoriert, solange sie die vorherrschende Meinung stützen.

Der Berliner Regionalableger RBB der ARD sagte ein Interview mit Sarrazin kurzfristig wieder ab. Auch aus der gestrigen „Maischberger“-Talkshow wurde er wieder ausgeladen, das Thema „Sind alle Menschen gleich?“ ausgewechselt. Zufall angeblich.

„Der neue Tugendterror“: DVA, 23,70 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2014)

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