„Meine Hölle hat verschiedene Facetten“

Der Iraker Najem Wali stellt bei der Leipziger Buchmesse seinen neuen Roman „Bagdad Marlboro“ vor. Es geht um Krieg, Töten und Verrat. Der Autor hat das Buch dem US-Whistleblower Bradley Manning gewidmet.

Najem Wali
Najem Wali
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Der Krieg im Irak lässt Sie nicht los. Auch Ihr nächste Woche erscheinender Roman „Bagdad Marlboro“ handelt davon. Was war der Auslöser für dieses Buch?

Najem Wali:
Die Geschichte der Golfkriege holt mich in der Tat immer wieder ein. Diesmal ging es mir vor allem um Schuldgefühle. Diese Traumatisierungen kann es überall geben, auch in Österreich oder in Deutschland. Ich habe zwei Protagonisten, die in die Tötung anderer Soldaten verwickelt sind, sowohl der irakische Dichter Salmân Mâdi, der gezwungenermaßen für die Armee des Diktators Saddam Hussein kämpfen musste, als auch der Afroamerikaner Daniel Brooks, der an sich in der Versorgung der US-Army Dienst macht. Mich interessiert die Frage: Wie weit kann man mit Schuld leben? Und welche Rolle kann die Liebe bei der Bearbeitung von Schuld spielen? Darüber hinaus möchte ich zeigen, welche Macht oder Bedeutung die Poesie in solche einer schweren Situation hat. Ein irakischer Soldat und ein US-Soldat. Sie kämpften zwar an verschiedenen Fronten, als Feinde, dennoch verbindet sie ein Dichter. Beide waren Fans von Walt Whitman.



Wie weit ist dieser Text autobiografisch? Sie mussten doch im Irak in die Armee.

Jeder Schriftsteller, der behauptet, er gebe nichts von seinem Hintergrund wider, sagt nicht die Wahrheit. Es gibt aber einen Punkt, in dem man sich der Biografie so weit nähert, dass man die Perspektive wechseln sollte. Neben den Fakten braucht man auch Fiktion. Deshalb habe ich auch einen Erzähler, der Harun Wali heißt. Der Nachname ist meiner, der Vorname verweist auf Märchen. Dieses Alter Ego hat mich schon durch mehrere Romane begleitet. Er lässt mir genug Spielraum für Annäherung und Distanz. Und fürs Spielen auch. Denn egal wie ernst meine Literatur ist – es macht mir Spaß, beim Erzählen zu spielen.



Wie drückt sich im Schreibprozess dieses Wechselspiel von Emotion und Kälte aus?

Das ist eine Übungssache. Beim Schreiben bin ich weggetreten und fühle mich glücklich, obwohl es fast so ist, als ob ich nicht existierte. Ich lache und weine mit den Figuren, sie begleiten mich Tag und Nacht. Sie verreisen sogar mit mir. Wenn ich mit einem Buch fertig bin, macht mich das traurig. Es ist wie ein Abschied von diesen fiktiven Menschen. Die Emotion entsteht nicht nur bei den guten, sondern auch bei den bösen Charakteren.



Sind Ihnen auch die brutalen Figuren in gewisser Hinsicht nah?

Die brutalen Henker wagen nur zu verwirklichen, was wir in extremen Situationen denken, aber eben nicht tun. Sehen Sie sich die Autofahrer an. Gott sei Dank haben die normalerweise keine Waffen bei sich! Das Böse an sich muss man unter Kontrolle halten.



Ihrem Buch ist ein Motto von Italo Calvino über die Hölle vorangestellt. Wie sieht für Sie persönlich die Hölle aus?


Meine Hölle hat verschiedene Facetten. Wenn ich zu bestimmtem, von mir unerwünschtem Verhalten gezwungen werde, wie die zwei Jahre meines Militärdienstes unter der Diktatur, dann wäre das die richtige Hölle für mich, aber genauso, wenn ich auf einer Insel der Freiheit lebe und hilflos ein Kind sehe, das im Krieg lebt oder vor ihm flüchtet und ich ihm nicht helfen kann.



Wann haben Sie sich entschieden, den Roman Bradley Manning zu widmen?

Als man ihn zum Verräter machte, nicht, als ich mit „Bagdad Marlboro“ zu schreiben anfing. Der Roman spricht eine Person an, indem der Erzähler immer seine Erzählung an jemanden adressiert. Im letzten Kapitel und fast am Ende des Schreibprozesses hörte ich von dem Gerichtsverfahren gegen Manning in Fort Meade in den USA. Ich dachte mir, wie ungerecht das Leben ist, wenn die Rollen vertauscht werden. Die NSA mit all ihren Verbrechen steht nicht vor Gericht, in deren Gebäudekomplex findet stattdessen ein Gerichtsverfahren gegen Manning statt. Da steht ein junger Marine, sein einziges, angebliches Verbrechen: Er sah, wie viele unschuldige Menschen im Irak und anderswo starben, kaltblütig von US-Marines abgeknallt wurden, nur weil sie am falschen Ort zur falschen Zeit waren. Und allein diese Kenntnis machte ihn traurig, sodass er seine Trauer mit jemandem teilen wollte.



Ihr Buch ist 2012 auf Arabisch erschienen. Hat sich seither für Ihr Heimatland politisch irgendetwas positiv bewegt?

Das einzig Positive war der Abzug der US-Armee, aber für den Wiederaufbau, die Demokratie, Frieden und Wohlstand hat sich die Situation sogar verschlechtert. Die Zahl der explodierten Autobomben und anderer Attentate ist angestiegen, so wie die Zahl der Opfer. Bagdad ist elf Jahre nach dem Einmarsch der USA eine der gefährlichsten Städte der Welt. Von der Korruption im Lande wollen wir jetzt nicht reden. Denn allein das kann Seiten füllen. Wir haben bis jetzt keine Politiker mit einem Programm, das Menschen verschiedener Ethnien, Religionen und Hautfarbe zusammenbringen könnte. Wir brauchen Politiker, die die Demokratie als Schutz der Minderheiten und nicht als Macht der Mehrheit verstehen.



Bevorzugen Sie die Nacht, um die richtige Stimmung beim Schreiben zu haben?

Ich glaube, die meisten haben als Jugendliche in der Nacht zu schreiben begonnen. Das ist die Zeit, in der man den Engeln begegnet, der Inspiration. Für mich galt das auch bei meinen ersten drei, vier Büchern. Seither aber bin ich ein disziplinierter Tages-Schriftsteller. Thomas Mann hat gesagt, man müsse mindestens acht Stunden am Schreibtisch sitzen. Der Autor ist wie ein Chef, die Protagonisten sind seine Angestellten. Wenn der Chef nicht da ist, verflüchtigen sich die Mitarbeiter rasch. Es ist auch die Platzwahl schwer, man kann nicht überall schreiben. In Hotels gelingt mir das, am Fenster stehend, gut. An einem fremden Tisch liegt mir das aber an sich nicht, da muss ich mich zum Schreiben zwingen. Früher hatte ich das Ritual, dass ich nur mit meinem Parker-Füller schreiben konnte.



Sie haben erst deutsche, dann spanische Literatur studiert und kennen natürlich auch die arabische gut. Welche davon hat Sie am stärksten beeinflusst?

Ich habe in Bagdad als Jugendlicher all mein Geld für Bücher ausgegeben. Eines davon war ins Arabische übersetzt – Gedichte, darunter Rilkes „Duineser Elegien“. Die haben mich nicht losgelassen. Aber eigentlich wollte ich 1973 Kunst studieren. Das durften nur Mitglieder der Baath-Partei. Also habe ich an der Universität in Bagdad deutsche Literatur inskribiert. Die arabische Literatur ist für mich eine narrative, von den Großmüttern erzählt. Den Hang dazu habe ich seit meiner Kindheit. Die spanische und lateinamerikanische Literatur ist im Vergleich zur deutschen mehr handlungsorientiert. Die Deutschen neigen zu Gedanken-Romanen, mit Essays als Einsprengseln, wie bei Robert Musil.



In welcher Tradition steht also Ihr Werk?


Es ist eine Mischung. Das Deutsche wirkt sich sogar auf meinen Satzbau im Arabischen aus. Er ist nicht mehr typisch für diese Sprache. Aber mehr noch ist zum Beispiel die explizite Sexualität aufgefallen. Mein Roman „Die Reise nach Tell al-Lahm“ war in einigen moslemischen Ländern verboten. Es geht um Militär, Politik und Jungfräulichkeit. Im Krieg zählen Offiziere viel, die haben im Irak viele unschuldige Mädchen verführt. Das habe ich thematisiert. Der Staat konnte das nicht dulden. Es wurde trotz Verbot ein Kultbuch, vor allem bei jungen Frauen am Golf. Ähnliche Reaktionen hat ein – noch nicht ins Deutsche übersetzter – Roman ausgelöst, in dem ich die Beschneidung als eine Art Kastrierung darstelle. Das duldet das System nicht. Auch mein Buch über Israel, „Die Reise in das Herz des Feindes“, hat Unmut erregt, bei Moslems wie auch bei Religiösen im Zentralrat der Juden.



Was eint diese konträren Gruppen?


Es gibt bei Christen, Juden und Muslimen Sektierertum, das gnadenlos um Jerusalem kämpft. Nirgends aber sind mehr Menschen wegen der Religion gestorben als in jener Stadt. Deshalb habe ich in meinem Reisebuch Haifa als positiv dargestellt, als offene Stadt. Das gefällt den Religiösen nicht. Die haben sich auch über ein Kapitel alteriert, das ich mit „Schweine im Dienst des Friedens“ betitelte. Es ist eine Lobeshymne auf dieses Tier. In dessen Ablehnung sind sich Moslems und Juden ausnahmsweise einig. Ich erzähle von einem Kibbuz, in dem bis 1961 Schweine gezüchtet wurden. Das hat Premier Ben Gurion dann verboten. Danach wurde das Dorf von Arabern beliefert.



Wenn es stimmt, dass jeder Schriftsteller eigentlich nur einen Roman schreibt, den er variiert – welcher ist denn Ihrer?

Der, den ich noch nicht geschrieben habe! Im Ernst: Bisher ist „Engel des Südens“ mein wichtiges episches Werk, das ein ganzes Jahrhundert und alle Schichten und Gruppen der Bevölkerung im Irak berücksichtigt.



Wird so ein Buch überhaupt jemals fertig?

Ich brauche mindestens ein Jahr für einen Roman. Am Anfang habe ich kein Konzept. Das Thema muss mich hineinziehen. Robert Musil hat gesagt, er schreibe nicht, was ist, sondern was sein könnte. Da hat er recht. Ich will die Möglichkeit nicht von vornherein planen. Leute, die sich nur auf das Ist beziehen, sind Detektive, jene, die sich auf das Sein-Können beziehen, sind Romanciers. Ich gehe vom ersten Bild aus. Wenn ich fertig bin, staune ich darüber, was ich geschrieben habe. Ein guter Lektor ahnt, was während des Verfassens noch fehlt. Auch er forciert beim Autor, was noch sein könnte.

AUF DEM BLAUEN SOFA IN LEIPZIG

1956 in Basra geboren, flüchtete Najem Wali 1980 bei Ausbruch des Irak-Iran-Kriegs nach Deutschland. Bei Hanser sind auf Deutsch seine Romane „Die Reise nach Tell al-Lahm“ (2004), „Jussifs Gesichter“ (2008) und „Engel des Südens“ (2011) erschienen. Bei der Leipziger Buchmesse (13.–16.3.) liest Wali aus seinem neuen Roman „Bagdad Marlboro“. Für Deutschlandradio Kultur redet er darüber am 13.3. um 15.30 Uhr („Das Blaue Sofa“).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2014)

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