Pussy Riot: Solschenizyns widerständige Enkeltöchter

Stalins Terror ist Vergangenheit, seine Schauprozesse Gegenwart: Die Autorin Masha Gessen legt in ihrer packenden Chronik der Verfolgung der Pussy-Riot-Aktivistinnen Wladimir Putins Zermürbung der Bürgergesellschaft dar.

(c) REUTERS (SHAMIL ZHUMATOV)

Wenn eines Tages das große Buch der russischen Dissidenten geschrieben wird, müssen neben den Namen Sacharow, Solschenizyn und Brodsky auch Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Ekaterina Samuzewitsch stehen.

Das mag all jene überraschen, die von diesen drei jungen Frauen nach ihrer Verurteilung zu zwei Jahren Straflager wegen Gotteslästerung im Jahr 2012 nicht mehr viel wahrgenommen haben. Zumal das Bild, das man sich in Russland und auch im Westen von ihnen gemacht hat, eine karikaturhafte Verzerrung ist. Junge Frauen in grellbunten Kleidern und mit Bankräubermasken, die unter dem Namen Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale herumspringend „Heilige Scheiße!“ grölen und die Muttergottes bitten, Russland von Wladimir Putin zu erlösen: Sieht so das mahnende Gewissen der russischen Bürgergesellschaft aus?

Ja, das tut es, muss man nach der Lektüre von Masha Gessens neuem Buch „Words Will Break Cement: The Passion of Pussy Riot“ schlussfolgern, das kürzlich bei Riverhead Books in New York erschienen ist. Die russisch-amerikanische Journalistin Gessen ist eine der scharfsichtigsten Kennerinnen des postsowjetischen Russland. Ihr ausgezeichnetes Putin-Porträt „Der Mann ohne Gesicht“ ist in zahlreichen Sprachen erschienen – nur nicht auf Russisch: kein Verleger wagte es bisher, diese Entblößung des zutiefst korrupten Putinismus zu drucken.

 

Drei hochbegabte Wunderkinder

Für „Words Will Break Cement“ hat Gessen über Monate hinweg Tolokonnikowa und Aljochina in deren Straflagern besucht (Samuzewitschs Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt) und heimlich mit ihnen korrespondiert – unter dem Pseudonym Martha Rosler. Den Gefängniszensoren war der Name dieser renommierten amerikanischen Feministin nicht bekannt. Gessen zeichnet Porträts dreier außergewöhnlicher Frauen, die schon als Mädchen ein starkes politisches Bewusstsein entwickelt haben.

Die heute 24-jährige Tolokonnikowa, in der düsteren, unter Stalin von Zwangsarbeitern gegründeten Bergbaustadt Norilsk in der russischen Arktis geboren und aufgewachsen, legte sich bereits als Mittelschülerin mit ihren Lehrern an. „Meine Bildung begann nach Ende der Schulstunden“, sagt sie. Als Teenager verschlang sie die Werke von Kierkegaard, Schopenhauer und den russischen Existenzialisten Nikolai Berdjajew und Lew Schestow, schloss sich dann der Künstlergruppe „Woina“ („Krieg“) an, deren bekannteste Aktion es war, auf eine der St. Petersburger Zugbrücken vor der örtlichen Zentrale der Geheimpolizei einen riesigen Penis zu malen, der sich jedes Mal erhob, wenn die Brücke hochgezogen wurde.

Auch Samuzewitsch ist hochbegabt: Die 31-jährige studierte in Moskau Computerwissenschaften und programmierte Software für Atom-U-Boote; wenige Monate, nachdem sie diese Arbeitsstelle gelangweilt aufgegeben hatte, brannte es an Bord jenes U-Boots, an dessen Testfahrt sie hätte teilnehmen sollen; 20 Menschen starben.

Aljochina ist die rätselhafteste und, je länger man sich mit ihr und ihren Schriften befasst, beeindruckendste der drei Frauen. Die 25-Jährige begann in der Umweltbewegung, organisierte eine Bürgerinitiative gegen die Abholzung des südrussischen Nationalparks Utrisch. Später, in den Schlussworten am Ende des Prozesses, zeichnete sie das klarste Bild vom Russland Putins: „Dieses Verfahren ist nicht bloß eine groteske böse Maske: Es ist das Antlitz des Staates, wenn er den Einzelnen in diesem Land anspricht.“

Die gläubige Christin Aljochina führte auch die fadenscheinige Argumentation der Staatsanwaltschaft ad absurdum: „Die Demut, einer der wichtigsten Werte des Christentums, wird heute nicht als Pfad zur Erleuchtung und Befreiung gedeutet, sondern im Gegenteil als Mittel zur Versklavung.“

Das Strafverfahren gegen die drei kann nur als Schauprozess bezeichnet werden, wie er seit den 1930er-Jahren zur öffentlichen Vernichtung von Regimekritikern inszeniert wurde. „Sie haben wie der Teufel getanzt“, gab eine jener Zeuginnen der Anklage zu Protokoll, von denen manche erklärten, durch das „Punkgebet“ schockiert monatelang arbeitsunfähig gewesen zu sein. „Woher wissen Sie, wie der Teufel tanzt? Haben Sie ihn schon einmal gesehen?“, wollte einer der Verteidiger wissen. Es nutzte nichts: Die Absurdität der Anklage stelle Russland im Kleinen dar, sagte Gessen neulich bei der Vorstellung ihres Buches in Washington.

 

Staat, Kirche und 40.000-Dollar-Uhren

Welches Russland also wollen die Aktivistinnen von Pussy Riot? „Wir müssen als Erstes das Justizsystem reformieren“, sagten sie. „Demokratie ist ohne unabhängige Justiz unmöglich. Bildungs- und Kulturreform sind auch nötig. Und wir wollen betonen, dass es zu viel Nähe zwischen Kirche und Staat gibt. Unser Patriarch schämt sich nicht dafür, eine Uhr um 40.000 Dollar zu tragen, und das ist inakzeptabel, wenn so viele Familien in Russland am Rande der Armut leben.“

Alexander Solschenizyn hätte dem zweifellos zugestimmt. In seiner Tradition stehen Pussy Riot: als aufrechte Russinnen, die sich ein gerechtes und demokratisches Mutterland wünschen. „Das Wort wird den Zement zerbrechen“: Mit diesem Zitat Solschenizyns sprach Tolokonnikowa in ihrem Schlussplädoyer vielen Russen aus der Seele.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2014)

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