Historiker Jacques Le Goff gestorben

Der Franzose starb im Alter von 90 Jahren. Le Goff galt als einer der bedeutendsten europäischen Historiker der Gegenwart und als "Papst" der "Nouvelle Histoire", der Neuen Geschichte.

Der französische Historiker Jacques Le Goff ist tot. Der international bekannte Spezialist für die Geschichte des Mittealters starb nach Angaben seiner Familie vom Dienstag im Alter von 90 Jahren in Paris. Le Goff war auch Autor und Herausgeber der Zeitschrift "Annales", einer wichtigen Publikation französischer Historiker. Als Wissenschafter lehrte er unter anderem in Rom, Lille und Paris.

Die Geburt Europas hatte Le Goff ins Mittelalter verlegt, und daran, dass das Individuum in der Neuzeit "geboren" wurde, glaubte er auch nicht. Le Goff galt als einer der bedeutendsten europäischen Historiker der Gegenwart und als "Papst" der "Nouvelle Histoire", der Neuen Geschichte. Eine Schule, die auf die Erneuerung der Forschungsmethoden und Interdisziplinarität setzt. Le Goff gehörte zu den wenigen Historikern, denen es gelungen ist, das Mittelalter und die europäische Geschichte gegenwärtig zu machen.

Sein Forschungskonzept bestand aus einer Kombination aus Sozial-, Wirtschafts- und Mentalitätengeschichte, die nach kollektiven Weltbildern und alltagsweltlich verankerten Orientierungsmustern fragt. Le Goff revidierte in klarer und verständlicher Sprache das Bild vom Mittelalter und stellt die Kontinuität von neuzeitlicher und vorneuzeitlicher Geschichte auf.

Der 1924 in Toulon geborene Franzose wurde international bekannt mit Werken über das Mittelalter, die Identität Europas und mit Biografien. Viel Anerkennung fand seine Biografie "Ludwig der Heilige" über den französischen König Ludwig IX (1214-1270), aber auch die Bände "Die Intellektuellen im Mittelalter", "Die Geburt des Fegefeuers", "Das alte Europa und die Welt der Moderne" und "Die Geschichte Europas" wurden viel gelobt.

In seinen Werken über das Mittelalter deckt er Schicht um Schicht die Träume, Ängste, Fantasien und Vorstellungen der mittelalterlichen Menschen auf, was bedeutet, dass er stets die gesamte Geschichte im Blick hatte. Er interessierte sich nicht nur für die Welt der Arbeiter, sondern wird auch zum Entdecker der Lehrenden und Denkenden.

Für seine Arbeiten zog der Historiker auch Quellen heran wie Inventare, Predigten und Testamente. Mit seinem innovativen Forschungsansatz revolutionierte er die bisherige Historiographie. Denn seine Arbeiten belegen, dass das Mittelalter keine statische und rückschrittliche Zwischenzeit zwischen Antike und Neuzeit war. In Wahrheit erstreckten sich die tiefen Strukturen des Mittelalters vom 4. bis zum 19. Jahrhundert, so Le Goff.

(APA)

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