Michael Stavaric: Normal sind eh die Anderen

In kaum einem Jahr ist Michael Stavaric zum intellektuellen Shootingstar geworden. Wenn es so was geben darf. Ein Gespräch über Wachablöse in der Literatur, die Wahrhaftigkeit der Leere und Columbo.

(c) Julia Stix

"Stillborn“, totgeboren, nannte Michael Stavaric seinen ersten, im Jahr 2006 erschienenen Roman, tatsächlich hat er alles in blühendes Leben verwandelt. Kritik und Leser waren irritiert und begeistert zugleich, erst vor kurzem erhielt Stavaric dafür den Buch.Preis 2007. Auch das im März erschienene „Terminifera“ findet großen Anklang. Der bescheidene Autor, Jahrgang 1972, zeigt sich unbeeindruckt, werkt er doch ständig auch auf vielen Baustellen: als Kinderbuchautor, Ghost-Writer, Essayist, Herausgeber, Übersetzer oder Lehrer für Extremrollschuhfahrer.

Der jungen Literatur in Österreich wurde zuletzt ein merklicher Auftrieb nachgesagt, spüren Sie das?

Es hat sich viel getan in den letzten sieben, acht Jahren, viel mehr als in vorangegangenen Perioden. Es gibt mittlerweile so etwas wie eine breitere Kernschicht an Autoren, bei denen für mich klar ist, dass sie in Zukunft das literarische Podest beerben werden, nach Jelinek, Handke, Ransmayr und Co. Das wird die präsenteste literarische Generation – eine Art Wachablöse, die sich über Jahrzehnte hinzieht, aber die doch eingeläutet ist.

Sie wurden für den Bachmann-Preis nominiert. Was bedeutet diese Einladung für Sie?

Das ist jetzt keine Koketterie, aber ich halte eigentlich nicht so viel von solchen Veranstaltungen, denn Literatur ist für mich nicht vergleichbar. Diese Art von Kritikermeinung ist in Ordnung, wenn man sie als Journalist äußert, aber wenn man 18 Texte miteinander vergleicht und dann sagt, das ist ein guter, das ist ein schlechter Text, das finde ich nicht zulässig im literarischen Betrieb. Andererseits gehört diese Art von Inszenierung einfach auch in unsere Zeit und als junger Autor muss man sich dem stellen. Es kann nie genug Literaturveranstaltungen geben. Selbst wenn Dieter Bohlen morgen was mit Texten machen würde, fände ich das positiv, dann lesen vielleicht wieder mehr Leute. Der Zweck heiligt die Mittel, das eitle Naserümpfen in der Literaturszene über fehlenden Anspruch und Unangemessenheit ist nicht angebracht.

Und das aus Ihrem Mund, Ihre komplizierten Texte sind ja auch nicht gerade massentauglich.


Seit meinem 15. Lebensjahr haben mir alle, egal ob Lektoren oder Verlagsleute, immer gesagt: Nein, niemals, nie wirst du einen Verlag finden, deine Literatur ist zu ambitioniert, zu anspruchsvoll. Warum erzählst du nicht einfach mal eine ganz normale Geschichte?

Warum erzählen Sie nicht einfach mal eine ganz normale Geschichte?

Weil das genug andere tun, und das ist auch amüsant und lesenswert, aber das bin einfach nicht ich. Ich fange meine Bücher und Geschichten nicht damit an, dass ich mir lang überlege, was ich erzählen will, mich interessiert, wie Geschichten erzählt sind. Mein Leben ist ja auch keine gut angelegte, schön erzählte Geschichte und auch keine tragische, die irgendeiner Bestimmung folgt, sondern es ist alles mittelmäßig, alles zerstückelt, und alles in kleinen Episoden, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass ich sie erlebe. Wenn die Form die Geschichte selbst wird, dann kann man eben erst wirklich gut Innenwelten erfassen. Ich glaube, man entwickelt dann ein Gespür für die Menschen, wenn man die ganzen Facetten abarbeitet, die einem geboten werden.

Wenn alles parallel gilt, wird man letztlich handlungsunfähig und zurück bleibt die Leere, die Sie ja auch immer wieder thematisieren.


Mir scheint die Leere trotzdem wahrhaftiger als Seinszustand als diese hermetische kleine Welt, die man zu überschauen glaubt. Dieses Unterscheidenkönnen zwischen ja und nein oder gut und böse, das funktioniert nur in einer bestimmten eigenen kleinen Welt und hat nichts zu tun mit der Wahrheit. Wenn, dann ist die Leere diese Wahrheit, oder das, was irgendwo grenzenlos ist und worin man sich verlieren kann.

Begreifen Sie das Schreiben auch als Handwerk?

Ja, außer in einem Punkt – ich glaube nicht, dass man so was wie Poesie oder Sensibilität, Gespür, Beobachtungsgabe lernen kann. Eine gewisse Art von Sensibilisierung ist vielleicht das einzige, was man als Talent zum Schreiben benötigt, alles andere kann man sich wirklich aneignen. Je mehr man schreibt, desto professioneller wird der Ausdruck – umso vielseitiger man sich orientiert, desto mehr Horizonte öffnen sich einem. Mir liegt aber nicht daran, irgendetwas zu finden, was gut funktioniert und dann davon sieben oder acht Bände zu schreiben. Ich hätte auch nix dagegen, mal einen Krimi zu schreiben, mit irgendeinem originellen Kommissar, aber meine Lieblingsfigur Columbo gibt es ja leider schon ...

Tipp

Tage der deutschsprachigen Literatur 27.6.–1.7. in Klagenfurt
„stillborn“, „Terminifera“ von Michael Stavaric bei Residenzverlag, Kinderbuch „Gaggalagu“ bei Kookbooks erschienen.
bachmannpreis.orf.at

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