Harry Potter: Reise ins verlorene Reich der Kindheit

Harry Potter. J.K.Rowling führt im siebten, letzten Band der Saga (fast) alle Motive überzeugend zusammen.

(c) EPA (Frank May)

Das Unheimliche, schrieb Freud, sei „jene Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht“. So dräut es, darf man ergänzen, am Ärgsten, wenn sich das vermeintlich Heimische als fremd erweist, wenn die Häuser der Kindheit einen nicht (mehr) freundlich aufnehmen.

Diesen Albtraum lebt Harry Potter, der Held von J.K.Rowlings Roman-Heptalogie: Seine Ersatzheimat, die Ziehfamilie, war ihm von Anfang an grotesk feindselig; seine wahre Heimat, die Gegenwelt der Zauberer, wird von Band zu Band unheimlicher und enger. Im siebten, letzten Band verschwindet auch noch die letzte Bastion, die Zauberschule Hogwarts: Das siebte, letzte Schuljahr verbringt Harry Potter, nur begleitet von Ron und Hermine, im Wald, im Untergrund, im Widerstand, mit kaputtem Zauberstab, einem Sack voller Bücher und dem letzten nicht regimetreuen Radiosender als einziger Informationsquelle.


Das Ministerium ist gefallen

Von allen Deutungsebenen der Potter-Saga ist die politische vielleicht am klarsten, ungebrochensten; sie wird im siebten Band völlig logisch beibehalten. Die auf eine rassistische Lehre von „Reinheit des Blutes“ gestützte faschistische Bewegung der Todesser um den (selbst nicht „reinblütigen“) Lord Voldemort triumphiert nicht durch einen nebulosen „Reiz des Bösen“, sondern durch ihr strategisches Bündnis mit großen Teilen der alten Zauberer-Aristokratie. Und durch die Blindheit der Regierung, des „Zaubereiministeriums“, das die Gefahr so lange leugnet, wie es nur irgendwie geht, und das dann leicht in einem Putsch zu übernehmen ist, in dem spezielle Polizeitruppen (die „Dementoren“) eine wichtige Rolle spielen. „Der Coup verlief glatt und praktisch lautlos“, schildert der gute Werwolf Lupin: Die Menschen flüstern nur mehr; keiner weiß mehr, wem er vertrauen soll; man kann nicht mehr unterscheiden zwischen Todessern und Ministerialbeamten.

Aufgenommen wird auch das Motiv des Engagements der – nicht von Zauberern abstammenden, also für die Todesser „rassisch“ minderwertigen – Hermine für die unterdrückten Hauselfen: Es macht sich bezahlt, sie wie die Kobolde und die Riesen als Verbündete zu gewinnen, wobei bald klar wird: Auch Kobolde sind keine Engel, und sie haben geradezu sozialistische Vorstellungen von Eigentum...


Selbst Dumbledore ist nicht nur gut

Der britische Premierminister tritt diesmal zwar nicht – wie im sechsten Band – persönlich ins Geschehen, aber Rowling spielt weiter mit möglichen Parallelen zur realen Geschichte und Politik. So datiert sie das große historische Zaubererduell zwischen dem späteren Hogwarts-Direktor Albus Dumbledore und dem Schwarzen Magier Gellert Grindelwald auf 1945.

Harry Potter muss sich mit solchen Geschichten befassen, um seine Aufgabe zu bewältigen; und er kann sich von Band zu Band weniger mit schematischen Gut-böse-Deutungen zufriedengeben. Sein Vater hat den Status des reinen Helden bereits verloren, nun schwindet auch der Heiligenschein Dumbledores posthum – und damit dessen Erklärungshoheit: In den Bänden eins bis sechs konnte der durch die Geschehnisse verwirrte Harry – wie der mindestens genauso verwirrte Leser – sich darauf verlassen, dass am Schluss der Herr Direktor mit seinen gütigen Ol' Blue Eyes erklärt, wie das alles zu verstehen ist.

Das kann er nun nicht mehr, weil er erstens tot ist (was kein so schlimmes Hindernis wäre, er kommt trotzdem noch zu Wort). Zweitens aber, weil Dumbledore sich selbst als Getriebener und Schuldbehafteter erweist, der sich mit 17 sogar mit dem bösen Grindelwald gemein gemacht hat unter dem Motto „For the Greater Good“. Dieser scheinbar menschenfreundliche Slogan sollte dann die Pforten des Gefängnisses „Nurmengard“ zieren, in das Grindelwald seine Gegner werfen ließ.

Doch die Reise in die Vergangenheit, zu der Potter seine Mission verpflichtet, ist mehr als Projektunterricht in Geschichte der Zauberei, mehr als eine Rätselrallye in Sachen „Horcruxen“ und/oder „Hallows“. Die politische Geschichte ist eng verknüpft mit Familien- und Seelengeschichte: So findet sich Grindelwalds Zeichen in einem Kinderbuch – und auf der Suche nach ihm kommen die drei Partisanen in ein (für Harry) verlorenes Reich der Kindheit: nach Godric's Hollow, wo die Vergangenheiten Dumbledores und Harrys mit der Geschichte eines Gründervaters von Hogwarts verschmelzen. Alles nebeneinander auf einem Friedhof, und das noch zu Weihnachten, das ist – wie der Tod des braven Hauselfen Dobby – eine der streng rührenden Passagen des Buchs.


Die „verlassenen Buben“

So einfach wird es dann nicht mehr: Rowling hat sich entschlossen, ihre Fäden vielfach zu verknüpfen, ohne Angst vor Wirrwarr, sie steuert mehrere Trugschlüsse an, die den wirklichen Schluss seltsam träumerisch erscheinen lassen. Als Heimat bleibt jedenfalls nach allen Schlachten doch die Schule, über die Potter in einem der schönsten – und jede Fantasy-Schwarzweiß-Malerei transzendierenden – Sätze des Buches sagt: „Hogwarts war das erste und beste Heim, das er gekannt hatte. Er und Voldemort und Snape, die verlassenen Buben (abandoned boys), hatten alle dort ein Heim gefunden...“

In einem Atemzug der (mit dem Bösen irritierend nahe verbundene) Gute, der Böse und... – ja, was ist mit Severus Snape, diesem faszinierenden Doppelagenten? Es war klar, dass er nicht, wie es im sechsten Band scheint, eindeutig auf Voldemorts Seite sein kann, aber die Lösung, die Rowling nun für ihn gefunden hat, ist die einzige wirklich psychologisch unbefriedigende der Saga. Sie hat Snape wohl von Beginn an zu wenig nuanciert geschildert, um ihn endlich als unglücklich Liebenden und als letzten Märtyrer glaubhaft zu machen.

Umso schöner ist der zarte Epilog, der quasi ein Meta-Motiv aufnimmt: Die Potter-Romane sind nicht zuletzt eine großartige Überhöhung der Adoleszenz, und sie beleuchten sie von vorne und hinten – aus der Sicht der Erwachsenen und der Kinder. Ihren immensen und verdienten Erfolg nähren auch die vielen Eltern, denen ihre Kinder diese Fantasiewelt eröffnet haben. Ihnen, den Kindern, sei Dank.

HEPTALOGIE: 7 ? Harry Potter

1997: „H.P. and the Philosopher's Stone“
1998: „H.P. and the Chamber of Secrets“
1999: „H.P. and the Prisoner of Azkaban“
2000: „H.P. and the Goblet of Fire“
2003: „H.P. and the Order of the Phoenix“
2005: „H.P. and the Half-Blood Prince“
2007: „H.P. and the Deathly Hallows“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2007)