Buchpreis: Immer mehr deutsche Geschichte(n)

Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" wurde zum "besten Roman in deutscher Sprache" gekürt. Die Autorin erzählt über eine Frau und ein Jahrhundert.

AP (Bernd Kammerer)

Wer erinnert sich noch an die dunkelhaarige junge Frau mit den blauen Augen und dem weichen Gesicht, die vor sieben Jahren in Klagenfurt "wettlas"? Damals erhielt die gebürtige Ostberlinerin Julia Franck für ihre sinnlich-erotische Kurzgeschichte "Mir nichts, dir nichts" den 3sat-Preis. Nun wird ihr, wie am Montagabend bekannt gegeben wurde, der diesjährige Deutsche Buchpreis zuteil; und der spielt schon in einer anderen Preisklasse: 25.000 Euro und viel Ehre für den "besten Roman in deutscher Sprache".

Zwei Erzählbände und vier Romane hat die 37-Jährige bisher veröffentlicht. Ihr jüngster, "Die Mittagsfrau", beginnt hart: Die junge Jüdin Helene lässt ihren siebenjährigen Sohn an einer pommerschen Bahnstation stehen, um allein ein neues Leben zu beginnen. Was für eine Lebensgeschichte kann einen zu solcher Grausamkeit fähig machen? Julia Franck erzählt diesen Weg in die totale Gefühlskälte, er reicht von einer glücklichen Kindheit am Vorabend des Ersten Weltkriegs über die Lust an der Freiheit im Berlin der Zwanzigerjahre - bis in die private Katastrophe: Tod des Geliebten, Ehe aus Gleichgültigkeit (mit nazifreundlichem Ingenieur).

Flucht aus Ost-Berlin

Franck hat die Ausgangsepisode ihrer Familiengeschichte entnommen. In ihrem vorhergehenden Roman "Lagerfeuer" (2003) hatte Julia Franck überhaupt auf die eigene Biografie zurückgegriffen und Erfahrungen in einem West-Berliner Flüchtlingsaufnahmelager verarbeitet: Ein Jahr verbrachte sie dort nach ihrer Flucht aus Ost-Berlin gemeinsam mit ihrer alleinerziehenden Mutter. Julia Franck stammt aus einer Künstlerfamilie: Mutter Schauspielerin, Vater Regisseur, Großmutter Bildhauerin, Urgroßvater Maler. Nach dem Besuch der Waldorfschule und nachgeholter Matura studierte sie (Altamerikanistik, Philosophie und Germanistik), außerdem erfährt man aus ihrer offiziellen Biografie, dass sie "sieben lange Jahre als Putzfrau, zehn kurze Jahre als Kindermädchen, drei nicht zu verachtende Jahre als Kellnerin sowie als Hilfsschwester, Phonotypistin, wissenschaftliche Hilfskraft an der Freien Universität und auch als freie Mitarbeiterin für das Radio und Zeitungen" gearbeitet habe.

Diese Jahre wechselnder Profession dürften endgültig hinter ihr liegen. Keine deutsche Literaturauszeichnung ist so geeignet, Verkaufszahlen anzukurbeln, wie der vom Börsenverein des deutschen Buchhandels vergebene Deutsche Buchpreis. Die (jährlich wechselnde) Jury, in der sich heuer auch der österreichische Schriftsteller und Literaturkritiker Karl-Markus Gauß befand, hat Franck fünf anderen Autoren auf der Shortlist vorgezogen: aus Österreich Michael Köhlmeier ("Abendland") und Thomas Glavinic ("Das bin doch ich"); aus Deutschland Martin Mosebach ("Der Mond und das Mädchen"), Thomas von Steinaecker ("Wallner beginnt zu fliegen") und Katja Lange-Müller ("Böse Schafe"). Die Wahl kam aber nicht überraschend: Die übrigen Finalisten hatten entweder heuer schon einen Preis gewonnen, waren beim "falschen" Verlag (wie etwa Köhlmeier - bei Hanser erschien schon "Es geht uns gut" des ersten Preisträgers Arno Geiger), zu alt oder, wie Glavinic' Roman, schlicht zu leger.

Denn der dem Vorbild des britischen Booker Prize nacheifernde Deutsche Buchpreis hat in den zwei Jahren seines Bestehens schon ein klares literarisches Wunschprofil entwickelt (auch wenn man sich hüten würde, diese Kriterien offen auszusprechen). Nach dem Österreicher Arno Geiger ("Es geht uns gut", 2005) und der Deutschen Katharina Hacker ("Die Habenichtse", 2006) wird heuer zum dritten Mal ein Autor jüngeren Alters erwählt, und wieder ein erzählfreudiger Roman, der Privates in schwere kollektive Geschichte einbettet: Bei Geiger waren es Nationalsozialismus, Nachkriegszeit, bei Hacker 9/11, bei Julia Franck ist es fast ein ganzes (deutsches) Jahrhundert.

Zeitgeschichte und Zeitgeist

Auch "Die Mittagsfrau" ist bei aller von der Jury gelobten "sprachlichen Eindringlichkeit, erzählerischen Kraft und psychologischen Intensität" etwas zu schwer mit dem Gewicht der Zeithistorie, aber auch mit marktschielerisch wirkenden "pikanten" Zeitgeist-Details befrachtet. Arme junge Autoren, sie müssen den Deutschen Buchpreis beachten, selbst wenn sie ihn verachten. Wie der Erzähler in Glavinic' "shortgelistetem" Roman "Das bin doch ich": Er quält sich, weil er zuletzt nur auf die "Longlist" (also die ersten 20 Autoren) kam, anders als Freund Daniel Kehlmann. Aber auch in Romanen, wo nicht "Deutscher Buchpreis" drinsteht, könnte man künftig Spuren davon finden. Man sollte sich nicht wundern, wenn bald eine Menge typischer Buchpreis-Romane auf den Markt prasseln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2007)

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