„Da könnte Homer auch aus Irland stammen“

Schriftsteller Raoul Schrott will das Geheimnis Homers gelüftet haben: Der Schöpfer der Ilias war assyrischer Hofdichter in Kilikien, Vorbild für Troja sei das antike Karatepe. Wissenschaftler reagieren irritiert.

Warner

Bescheidenheit ist nicht seine Zier. "Homers Geheimnis ist gelüftet", ist der 43-jährige österreichische Schriftsteller Raoul Schrott überzeugt. Obwohl man, wie er selbst betont, vom Dichter der Ilias und Odyssee "nur eines weiß: nämlich nichts", ist sich der in Irland lebende Autor nach einjähriger Recherche sicher: Homer war ein assyrischer Hofdichter, er schrieb seine Werke um das Jahr 700 v. Chr., und zwar in seiner Heimat Kilikien. Und das Vorbild für das Troja der "Ilias" ist nicht das klassische Troja im nordwestlichen Kleinasien, sondern die kilikische Bergfestung Karatepe im Südosten, in der heutigen südlichen Türkei.

In der Antike beanspruchten Smyrna, Athen, Ithaka, Pylos, Kolophon, Argos und Chios, als Homers Geburtsort zu gelten, Ithaka und Smyrna werden auch heute noch diskutiert. War es ein Autor, waren es mehrere, entstanden Ilias und Odyssee im 8., im 7. Jahrhundert? Die Forschung streitet und streitet und tröstet sich am Ende gern mit dem Ausspruch des Alexandriners Eratosthenes: Er meinte, die Irrfahrten des Odysseus werde man erst dann lokalisieren können, wenn man den Schuster finde, der den Ledersack des Aiolos, des Herrn der Winde, gefertigt hatte.

Raffinierte Vermarktungsstrategie?

Dann wäre dem in vergleichender Literaturwissenschaft habilitierten Schrott also gelungen, was seit Jahrhunderten Gräzisten, Indogermanisten, Historiker und Archäologen vergeblich versuchen? Vorsorglich räumte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am 22. Dezember dem Autor gleich vier riesige Druckseiten für seine Beweisführung ein.

Nicht zu viel Platz, würden sich Schrotts Behauptung als wissenschaftlich fundiert herausstellen. Viel Platz freilich für eine These, die seit ihrer Veröffentlichung unter Philologen und Archäologen vor allem Kopfschütteln ausgelöst hat - und von der Schrott selbst zugibt, dass sie ihm anfangs "so dubios" vorkam "wie die nächste esoterische Atlantis-Theorie".

Handelt es sich am Ende um eine geniale Vermarktungsstrategie für Schrotts im März im Hanser Verlag erscheinende neue Ilias-Übersetzung? Und das gleichzeitig bei Hanser erscheinende zweite Buch "Homers Heimat - Der Kampf um Troja und seine realen Hintergründe": Ist es am Ende nur ein als wissenschaftliche Sensation verpackter weiterer historischer Roman des Autors, höchstens als Darstellung einer Entdeckungsreise interessant?

Aber von Anfang an: Weil er ein "gründliches" Vorwort für seine Übersetzung schreiben wollte, habe er über Homer zu recherchieren begonnen, erzählt Schrott in der "F.A.Z." - und sei dabei auf Erstaunliches gestoßen: "Hunderte von Mosaiksteinchen", eine "Fülle von kilikischen Querverweisen in der Ilias".

Da ist zunächst die Geografie. Schrott hat die Gegend selbst besucht und herausgefunden: Saftige Graswiesen, Gerstenfelder, Entwässerungskanäle etc. - all diese Landschaftsbilder in der "Ilias" passen nicht auf die trockene Gegend rund um das klassische Troja, wohl aber auf Kilikien. Der Burgberg Karatepe im Nordosten Kilikiens ähnele in Lage, Dimensionen und Umgebung viel mehr dem mythischen Troia als die von Heinrich Schliemann entdeckte Burg. Dazu kommt ein Detail: "Nirgendwo sonst in Kleinasien" gebe es "jenen von Homer beschriebenen Bergkamm, der eine Ebene so entzweiteilt, dass sich an ihm die vom Winterregen angeschwollenen Flüsse stauen könnten".

Prinzip der "kumulativen Evidenz"

Zweitens die Religion: Die Götter der Ilias würden für das multikulturelle Kilikien typische Synkretismen aufweisen, argumentiert Schrott. Auch bei den Heroen hat er Beziehungen zu Kilikien gefunden: Das von Homer beschriebene Grab des Sarpedon etwa wurde in der Antike nur an einem einzigen Ort verehrt - und der befand sich in Kilikien. In der Nähe dieses Ortes trieb nach Hesiod auch die Chimäre ihr Unwesen - eines von vielen Indizien für Schrott, dass der Weg des (im 6. Gesang der Ilias die Chimäre tötenden) Bellerophontes durch Kilikien führt.

Drittens die Namen: Jenen von Priamos' Frau Hekabe führt Schrott zum Beispiel auf einen kilikischen Sippennamen ("h-aka-b") zurück, in Priamos' Herold Idaios und Priamos' Tochter Kassandra entdeckt er die kilikischen Namen "Ida" und "Kaazi", im Helden Aias den Nameen "Eias", der in einer kilikischen Inschrift bezeugt ist.

Und zu guter Letzt findet Schrott unzählige "zeitgenössische" Bezüge in der "Ilias" verschlüsselt. Den historischen Hintergrund für Homers Beschreibung des Trojanischen Kriegs sieht er etwa in Kämpfen zwischen dem Assyrer Sanherib und kilikischen Rebellen, in der Schändung des Rebellenführers Kirua ein Vorbild für das, was dem toten Hektor widerfährt.

Schrott häuft Detail auf Detail, führt einen Indizienprozess auf der Basis von "kumulativer Evidenz". Und was sagt die Wissenschaft dazu? "Es wird beim Lesen immer schlimmer", meint der seit drei Jahrzehnten mit Homer beschäftigte Gräzist Georg Danek (Uni Wien) zur "Presse". "Unredlich ist zunächst, dass Schrott seine Ilias-Version als Übersetzung ausgibt. Er gilt als sprachlich inkompetent. Aber die Ilias wurde natürlich so oft und so gut übersetzt, dass man anhand der Versionen leicht eine neue basteln kann." Für seine Behauptungen über die Ursprünge Homers aber müsste er nicht nur im Griechischen, sondern auch im Altorientalischen ausgezeichnete Sprachkenntnisse haben. "Seine Namensparallelen sind reine Klangassoziationen. Natürlich finden sich bei tausend Namen Ähnlichkeiten. Aber da könnte Homer auch aus Irland stammen, mit derselben Methode find ich dort genauso viele Parallelen."

Homer war für Schrott ein Eunuch

Dass es einen intensiven Kulturkontakt zwischen den Griechen und dem kilikischen Raum gegeben habe, würde ohnehin niemand bestreiten, aber die geografischen und historischen Assoziationen seien ebenso wie die etymologischen viel zu allgemein. "Die könnte man überall finden. Wenn aber jedes Detail so vage ist, bringt das Kumulative auch nicht mehr."

Vollends lächerlich seien Spekulationen wie jene, dass Homer ein Eunuch gewesen sei (weil so wenig Sex in der Ilias vorkomme), oder die von Schrott konstruierte Parallele zwischen dem assyrischen Großkönig Sanherib und Achill. Erster lässt gegen die rebellischen Kiliker Generäle statt seiner in den Kampf marschieren - wie Achill, meint Schrott, der auch zusehe, wie sich Agamemnon und Menelaos gegen die Trojaner schlagen würden. Ein völlig verkehrter Vergleich für Danek: "Agamemnon und Menelaos sind die Heerführer, also die Entsprechung zu Sanherib, und Achill höchstens mit den Generälen vergleichbar."

"Eine irrwitzige Fantasterei"

Auch der Basler Altphilologe und Homer-Forscher Joachim Latacz, einer der führenden Homer-Experten, warf Schrott in der jüngsten Ausgabe des Magazins "Der Spiegel" vor, seine Etymologien seien "aus der Luft gegriffene Wortspiele", er beherrsche das Griechische nicht ausreichend und sei als Altertumsforscher ein "Dilettant". Schrotts Spekulationen seien schlicht eine "irrwitzige Fantasterei".

Der Germanist und promovierte Altphilologe Wendelin Schmidt-Dengler hat schon Erfahrung mit der "Burschikosität und Unverfrorenheit" des Autors im Umgang mit klassischen Texten: "Ich habe mich maßlos über seine Art geärgert, mit Catull, Sappho oder Properz umzugehen. Schrott kann nicht richtig Griechisch und übersetzt wie eine Wildsau."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2008)
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