Kehlmann: „Schreibst du a was Österreichisches?“

Daniel Kehlmann, Autor des Bestsellers „Die Vermessung der Welt“, schreibt in Wien an einem neuen Roman.

Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Wo werden Sie im Café öfter von Lesern angesprochen, in Wien oder Berlin?

Daniel Kehlmann: In Berlin, in Wien passiert mir das kaum. Deshalb hab ich mich ja jetzt auch hierher zurückgezogen, um mich aufs Schreiben konzentrieren zu können.

 

Ihr Roman ist der bestverkaufte deutschsprachige seit Süskinds „Parfum“, auf der New-York-Times-Liste der weltweit bestverkauften Hardcover stand er 2006 nach Dan Brown auf Platz 2. Sie sind halber Österreicher, haben einen österreichischen Pass, eigentlich müsste man sich hier um Sie reißen.

Kehlmann: Voriges Jahr wollten ein österreichischer Theaterverleger und ich einen Termin bei der Kulturministerin, erfolglos, es wurde uns nur angeboten, mit einem Mitarbeiter zu sprechen. Dann bekam der Verleger vom Minister-Büro noch einen Anruf, in Wikipedia stünde unter Daniel Kehlmann „in München geboren“, das sei ja kein österreichischer Autor. Dabei habe ich vom österreichischen Staat Stipendien bekommen! Das ist der Musterfall, wie Kulturpolitik nicht laufen sollte: man fördert jemanden, und wenn er einen dann nicht mehr braucht, sagt man, den kennen wir nicht.

 

Auch sonst scheint das Interesse viel geringer als in Deutschland, wie erklären Sie sich das?

Kehlmann: Am Anfang schlug mir wirklich Desinteresse, teilweise sogar offene Feindseligkeit entgegen. Meine Literatur wurde als nicht experimentell empfunden. Aber es sind viel mehr Arten von Experiment möglich als der neodadaistische Mainstream der österreichischen Nachkriegsavantgarde. Die „Vermessung“ zum Beispiel war das Experiment eines Romans, der den Ton einer sachlichen, historischen Monografie durchhält und zugleich ad absurdum führt. Außerdem spreche ich keinen Dialekt und klinge für Österreicher ziemlich deutsch. Als ich das erste Mal öffentlich vorgelesen habe, kam ein bekannter österreichischer Autor, legte mir gütig die Hand auf die Schulter und sagte: „Schreibst du a was Österreichisches?“

 

Riesen-Auflagen lösen ja auch bei manchen einen Die-Masse-hat-nie-Recht-Reflex aus.

Kehlmann: Es gibt ja das von Bourdieu analysierte Phänomen der Distinktion: Durch das, was man liest, erwirbt man soziale Auszeichnung und grenzt sich ab. Ein Bestseller taugt nun mal nicht mehr zum Distinktionsgewinn. Man hat den Reflex ja sogar selbst – man kommt in ein Flugzeug, sieht jemanden einen Bestseller lesen und denkt: Kannst du nicht was weniger Offensichtliches lesen . .. – sogar, wenn man ihn selbst geschrieben hat! Zum Glück hat das Feuilleton mein Buch gegen dessen eigenen Erfolg verteidigt.

 

Zumindest in der Art ähneln sich die deutsche und österreichische Rezeption. Anderswo wurde der Roman weniger „bürgerlich“ gelesen.

Kehlmann: Das ist lustig, ja. Einerseits wurde der Roman in Deutschland als Beweis für neuen Respekt vor der deutschen Tradition gesehen, zugleich wurde ihm zu respektloser Umgang mit der Klassik vorgeworfen. Mit denen, die den Roman wegen seiner Respektlosigkeit nicht mochten, kann ich mich im Grunde mehr identifizieren als mit denen, die ihn für seine angebliche Traditionspflege bewunderten. In England war das Gewicht der Besprechungen ganz stark auf diesem Aspekt der Respektlosigkeit, dort hab ich die besten Kritiken meines Lebens bekommen. Offenbar liegen der Humor des Buchs und der Umgang mit den Helden, also dass Verehrung und Komik sich nicht ausschließen, den Engländern sehr nahe.

2007 waren Sie fast ständig auf Reisen. Ist es nicht spannend zu sehen, wie Menschen verschiedener Kulturen den Roman lesen? Wie viel bekommen Sie davon mit?

Kehlmann: Leider wenig. Ich war 35 Wochen auf der nationalen Bestsellerliste in Taiwan, keine Ahnung, warum! In Spanien hat das Buch nicht funktioniert. Die haben einen anderen Humor, viel derber, seit Don Quichotte müssen dort jemandem die Zähne ausgeschlagen werden, damit etwas als lustig gilt – wann immer ich höre, deutsche Bücher können nicht humorvoll sein, sage ich: Lesen Sie mal spanische! In Frankreich war das Buch ein Bestseller, es gab wunderbare Rezensionen. Lustig war nur, weil es so dem Klischee entspricht, dass fast alle das erotische Leben der Helden thematisiert haben, vor allem die Szene, wo Gauß in seiner Hochzeitsnacht aufsteht, um eine Formel zu notieren. Sie fanden das ein unglaubliches Versagen! Das sehe ich nun nicht so. Ihm fällt eine wichtige Formel ein, natürlich notiert er sie, und dann geht die Hochzeitsnacht weiter. Würde meiner Ansicht nach jeder so machen, dem seine Arbeit wichtig ist. Franzosen sehen das offenbar anders. Die englischen Rezensenten hat diese Hochzeitsnacht gar nicht interessiert.

Wie läuft das Buch auf den wirklich großen „Märkten“, etwa in China?

Kehlmann: In China habe ich keine Ahnung, wie groß die Auflage ist, das gehört zu den Ländern, wo ein Buch erscheint, der Verlag bezahlt den Vorschuss und sagt dann, leider sind wir unter dem Verkauf geblieben . . . Na, was soll man machen, den Krieg erklären? Ich kann auch nicht nachvollziehen, was aus meinem Spiel mit der indirekten Rede auf Chinesisch wurde. Ich weiß nur, dass der chinesische Verlag ohne Erlaubnis das deutsche Cover nachgedruckt hat, mit Namen und Titel in unserer Schrift, aber alle l's sind falsch gescannt, als i's. Da steht also: „Daniei Kehimann, Die Vermessung der Weit“.

Und in Lateinamerika, wo ja auch ein Teil der Handlung des Romans spielt?

Kehlmann: Dort hat der Planeta-Verlag in mehreren Ländern die Auslieferung nicht rechtzeitig geschafft, der Roman war zum Zeitpunkt der Präsentation nicht verfügbar. Dabei wird dort so viel gelesen, beim letzten Marquez-Roman wurde ein Laster mit den Leseexemplaren überfallen, so neugierig waren die Leute. In Chile war unglaublich viel Publikum bei der Präsentation, ich dachte, das liegt am Roman, dabei war der noch gar nicht zu haben. Dann bin ich draufgekommen, dass der Schauspieler, der mit mir vorgelesen hat, Hauptdarsteller in der meistgesehenen chilenischen Soap Opera ist.

 

Ihre skurrilste Fanpost?

Kehlmann: Ein Brief von einem Conte de Montúfar, der mir schrieb, er habe gesehen, dass ich ein Buch herausgebracht hätte, „Wo ist Carlos Montúfar?“, er sei ein Nachfahre und könne mir die Frage beantworten ... Ansonsten schreiben viele, weil sie glauben, sachliche Fehler gefunden zu haben. Die meisten irren sich, manche auch nicht. In der ersten Auflage hat sich zum Beispiel der Kompass beim Überschreiten des magnetischen Äquators falsch verhalten. Oder Humboldts Bruder traf den belgischen Botschafter zu einem Zeitpunkt, als Belgien noch nicht existierte.

 

Der interessanteste Verriss?

Kehlmann: Ein großartiger Essay im Wissenschaftsmagazin „Nature“. Ein Wissenschaftshistoriker besprach das Buch ziemlich distanziert. Der wusste natürlich, dass ein Roman nicht Realität widerspiegelt, argumentierte aber, was ihn trotzdem an meinem Umgang mit historischen Figuren störte. Und zwar aus vollkommener Kenntnis sowohl der Geschichtsumstände als auch der erzähltheoretischen Argumente.

 

Bestseller locken auch nicht literaturgewöhnte Leser an. Haben Sie viele verstörte Käufer?

Kehlmann: Offenbar. Viele lesen es als Biografie, glauben alles oder sind beleidigt, weil dies und das nicht stimmt. Oder sie wissen nicht, was indirekte Rede ist, und sind schockiert, weil keine Anführungszeichen stehen. Mein Lieblings-Kommentar in einem Internetforum war: „Dieses Buch ist zu Unrecht auf die Bestsellerliste berufen worden!“ Dieser Satz, diese Mischung aus Zorn und Autoritätsgläubigkeit, als ob eine Regierungskommission entschiede, was auf die Bestsellerliste kommt – das gibt es nur in Deutschland!

 

Sie sind sehr viel in New York ...

Kehlmann: Ja, wenn man das Glück hat, die richtigen Leute zu kennen, ist es da intellektuell stimulierend wie nirgendwo sonst. Im kulturellen Milieu glaubt man manchmal, man ist in einer Fernsehserie, die Leute sind so brillant, als würden sie einen Drehbuchschreiber für ihre Antworten beschäftigen. Mit Jonathan Franzen, der ja Germanist ist und Karl-Kraus-Verehrer, versuche ich gerade ein absurdes Büchlein zu machen, eine Übersetzung von zwei Kraus-Essays. Absurd, weil wir den Fußnotenapparat ziemlich postmodern halten wollen, mit unwissenschaftlichen Erklärungen, Gesprächen zwischen uns, allem, was uns dazu einfällt.

 

Gefällt Ihnen das Theater auch mehr als hier?

Kehlmann: Ja. Das größte Theatererlebnis meines Lebens war „The Coast of Utopia“ von Tom Stoppard letztes Jahr im New Yorker Lincoln Center. Zwölf Stunden, trotzdem ging niemand weg! Stoppards deutscher Verleger erzählte mir dann, dass dieses Stück im deutschen Sprachraum unaufführbar ist, weil Stoppard keine verfremdenden Aufführungen duldet, eben kein Regietheater. Ich weiß noch, ich kam völlig überwältigt hierher zurück, traf einen Dramaturgen, der inzwischen in Wien ein Theater leitet, erzählte dem, ich hab in Amerika viel am Theater gesehen, und er sagte ohne Zögern: „Das ist doch alles furchtbar altmodisch.“ Warum? Ich finde am Prinzip textgetreuer Aufführungen lebender Autoren nichts Konservatives. Dass es als modern gilt, alte Stücke zu verfremden, ist eine willkürliche Zuschreibung, in der Musik gilt besondere Werktreue als innovativ. Das Thema ist seltsam ideologisch überfrachtet. Warum Kritik am Regietheater hier so ein Tabu ist, habe ich noch nicht durchschaut. Der Rest der Welt schaut jedenfalls mit Verwunderung auf dieses Phänomen.

 

Reichen die Einkünfte von der „Vermessung“ für eine Traumwohnung in Soho?

Kehlmann: Aber nein, auch mit einem weltweiten Bestseller kommt man nicht zu den Lofts in Soho und Villen am Meer. Eine kleine Wohnung vielleicht in New York. Das wäre für mich auch der wahre Luxus: Wohnungen in mehreren großen Städten, die einen erwarten, einem gehören. Das war immer eine Wunschtraum-Vorstellung, die ich vom Leben hatte.

 

Woran merkt man sonst bei Ihnen, dass Sie plötzlich viel Geld haben?

Kehlmann: Ich bin noch immer nicht in Versuchung, einen Ferrari zu kaufen, ich hab' überhaupt kein Auto. Aber bei kleinen Dingen merkt man es. Man gewöhnt sich so schnell, merkt plötzlich, dass man ständig Taxi fährt, weil man sich sagt, ach was, es ist spät, es regnet – man muss sich dann wirklich zur Ordnung rufen, U-Bahn-fahren ist schließlich eine Realität des Lebens. Und der Hauptzweck des Bestsellergeldes ist ja, dass ich die Freiheit habe, künstlerisch über lange Zeit zu machen, was ich will.

Wollen Sie immer noch nichts über Ihren neuen Roman sagen?

Kehlmann: Was ich versuche, ist ziemlich experimentell, ohne durchgehenden Helden, durchgehende Handlung, es kommt als Kurzgeschichtensammlung daher und entpuppt sich erst nach und nach als zusammenhängend . . . Aber jetzt hab' ich eigentlich schon zu viel gesagt!

FABULÖSER ERFOLG: DerRoman und sein Autor

In 1,15 Mio. Exemplaren hat sich der Roman seit seinem Erscheinen 2005 allein auf Deutsch verkauft. Außerdem wurde die fiktive Doppelbiografie über den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt in bisher über 40 Sprachen übersetzt – zuletzt Urdu (Pakistan).

Als 6-Jähriger kam der 1975 in München geborene Sohn des österreichischen Regisseurs Michael Kehlmann nach Wien, absolvierte das Jesuitenkolleg Kalksburg, studierte Philosophie, Germanistik. Frühere Werke: „Beerholms Vorstellung“, „Mahlers Zeit“, „Der fernste Ort“, „Ich und Kaminski“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2008)

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